Kultur und Corona: Stirb langsam!

In München dürfen nur noch 50 Besucher ins Theater, in Stuttgart gilt dagegen eine Sonderregelung für den Kulturbereich. Ein Vorbild für Bayern?
| Robert Braunmüller
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Es ist zu befürchten, dass es bald wieder weniger Zuschauer werden: 500 Besucher Anfang September im Nationaltheater bei der Premiere von "7 Deaths of Maria Callas" von Marina Abramoviæ.
Es ist zu befürchten, dass es bald wieder weniger Zuschauer werden: 500 Besucher Anfang September im Nationaltheater bei der Premiere von "7 Deaths of Maria Callas" von Marina Abramoviæ. © Michael Tinnefeld

Die Musiker der Münchner Philharmoniker saßen gestern vormittags am Telefon, um den Kartenkäufern für das Konzert unter David Afkham persönlich die Folgen der neuen Corona-Verordnung mitzuteilen: Weil die Ampel nun auf Dunkelrot steht, ist der Pilotversuch im Gasteig mit 500 Besuchern aufgehoben. Nun dürfen nur noch 50 Zuhörer ins Konzert, die dann einem Orchester in gleicher Stärke gegenübersitzen.

Das darf man absurd finden. Noch absurder wird es, wenn ab sofort nur noch 50 Besucher heute bei Verdis "Macbeth" oder den "Vögeln" von Walter Braunfels im riesigen Nationaltheater sitzen, wo ein Vielfaches an Mitwirkenden auf und hinter der Bühne an einer Vorstellung beteiligt ist.

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Die Bayerische Staatsoper versucht nun, eine Ausnahmeregelung beim zuständigen Kreisverwaltungsreferat zu bekommen. In ihrem Antrag beruft sich ihr Intendant Nikolaus Bachler auf den wissenschaftlich begleiteten Pilotversuch. In einem 17-seitigen Bericht sei nachgewiesen worden, dass es angesichts der Größe des Nationaltheaters und bei Einhaltung der einer Infektionsgefahr vorbeugenden Maßnahmen sehr gut möglich sei, vor 500 oder sogar noch mehr Besuchern zu spielen.

Pilotversuch im Nationaltheater

"Dieser zweimonatige Praxistest wurde von Ärzten des Klinikums rechts der Isar und von Wissenschaftlern der Technischen Universität München begleitet", heißt es in dem Antrag. "Das Publikum fühlt sich bei uns sicher - und wir sind überzeugt, dass es das auch darf."

Ähnliches bekamen auch die Musiker der Münchner Philharmoniker von ihren Besuchern am Telefon zu hören. Dem Vernehmen nach bestätigten alle Angerufenen, dass sie sich im Gasteig angesichts der Besucherführung und der Einhaltung der Abstandsregelung sicher gefühlt hätten und gerne ins Konzert gekommen wären.

Drohende Konzertabsagen

Auf die Ausnahmeregelung haben auch schon Vertreter des Kunstministeriums am Rand der "Aufstehen für Kultur"-Demo am Königsplatz hingewiesen. Die Erfolgsaussichten scheinen allerdings ungewiss. Bereits am Freitag fühlten die Münchner Philharmoniker und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beim Kreisverwaltungsreferat vor. Mit dem Blick auf steigende Zahlen und der drohenden Absage ihrer Konzerte am Sonntag wurde auf informellem Weg die Möglichkeit einer Ausnahmegenehmigung für den Gasteig ausgelotet. Die Antwort sei ein sehr deutliches Nein gewesen, heißt es.

Es scheint, als versuche das Kunstministerium angesichts der anhaltenden Kritik an der starren Regelung der Staatsregierung den Schwarzen Peter beim städtischen Kreisverwaltungsreferat und dem Oberbürgermeister abzuladen. Denn eines ist sicher: Die Stimmung kann schnell umschlagen, wenn es doch zu einem Infektionsgeschehen bei einer kulturellen Veranstaltung käme. Da wird dann schnell der Kopf dessen gefordert, der die Genehmigung erteilt hat.

Baden-Württemberg weniger rigoros

In einem benachbarten Bundesland ist die Politik längst nicht so rigoros: Der Münchner Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek (Grüne) verweist auf die Regelung in Baden-Württemberg. Dort gilt aktuell eine Obergrenze von 100 Besuchern. Sie kann allerdings auf bis zu 500 Personen erhöht werden, wenn ein Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten und wie bisher durchgängig eine Maske auch während der Veranstaltung getragen wird.

Janecek befürchtet den "sicheren Tod der Veranstaltungsbranche" durch die uns noch länger begleitende Pandemie. Er glaubt nicht, dass die bayerische Regulierungswut mehr Sicherheit bringt. Die Absage öffentlicher Veranstaltungen würde nur dazu führen, dass sich die Menschen mehr privat treffen würden. In Österreich seinen trotz höherer Infektionsraten erheblich mehr Besucher erlaubt.

Ähnlich sieht das Volkmar Halbleib, der Kultursprecher der Landtags-SPD: "Die Kulturbetriebe haben auch in Bayern zu Beginn ihrer Spielzeit detaillierte Hygienekonzepte vorgelegt und ihre Einrichtungen entsprechend umgebaut. Abstandsregelungen können hier durch feste Sitzplätze und Reservierungen so konsequent und überprüfbar wie an wenigen anderen Orten umgesetzt werden. Auch in Bayern muss auch die Staatsregierung für die Kultureinrichtungen besondere Bedingungen schaffen, die ihnen ihre Existenz und dem Publikum das vielfältige Kulturangebot sichert."

Heubisch: "Schwerer Schlag gegen Spielstätten"

Auch der FDP-Landtagsabgeordnete Wolfgang Heubisch würde eine Ausnahmeregelung für die Theater und Konzertsäle nach baden-württembergischem Vorbild begrüßen: "Die Staatsregierung handelt extrem bürokratisch ohne jegliches Verständnis für die kulturellen Belange unserer Bürger", so der ehemalige Kunstminister. "Die Reduzierung der Besucherzahl bedeutet ein weiteres Mal einen schweren Schlag gegen die betroffenen Spielstätten wie Oper und Theater."

Der CSU-Landtagsabgeordnete und Kulturausschussvorsitzende Robert Brannekämper hält es für ungünstig, jetzt über Lockerungen zu sprechen. "Die Zahlen gehen gerade durch die Decke". Aber auch er findet, die Regelungen sollten stärker auf individuelle Raumverhältnisse abgestimmt werden. Brannekämper wünscht sich einen stärkeren Fokus des Ministeriums auf Studien und technischen Lösungen. Die Politik solle sich nicht als Verhinderer, sondern als "Ermöglicher" begreifen.

Ausnahmeregelungen und Kartenstornierungen

An allen Münchner Theatern führt die neue Regelung zu beträchtlichem Mehraufwand für die Verwaltung: Das Residenztheater, das Staatstheater am Gärtnerplatz, die Kammerspiele und das Volkstheater müssen nun gekaufte Karten stornieren und darauf hoffen, die 50 Plätze kurzfristig doch noch loszuwerden.

Die staatlichen Theater, der städtische Gasteig und die beiden großen Orchester bemühen sich um Ausnahmegenehmigungen. Die Kammerspiele und das Volkstheater wollten sich bis Redaktionsschluss in diesem Punkt nicht festlegen. Überall ist man allerdings entschlossen, mit zusammengebissenen Zähnen auch vor 50 Besuchern weiterzuspielen. Nur: Eine dauerhafte Lösung kann das nicht sein.

Eine De-facto-Schließung der staatlichen und städtischen Theater und Konzertsäle trifft immer auch die privaten Veranstalter und den Pop-Bereich mit - direkt durch die fehlenden Auftrittsmöglichkeiten und indirekt durch das Klima der Angst, das den Leuten den Besuch kultureller Veranstaltungen verleidet.

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