Klassisches Konzert mal anders: Symphonieorchester spielt zusammen mit neun Kassettenrekordern

Johannes Kalitzke dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Weil das Konzert in der Philharmonie ausfallen musste, gibt es das Konzerterlebnis mit Kassettenrekordern jetzt zum online nachhören. Die AZ hat reingehört.
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Geigerin Isabelle Faust spielt das Violinkonzert "Alhambra" von Peter Eötvös.
Geigerin Isabelle Faust spielt das Violinkonzert "Alhambra" von Peter Eötvös. © Felix Broede

München  - Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks widmete sich unter der Leitung von Johannes Kalitzke dem Werk "Moult" von Clara Ianotta und "Déserts" von Edgard Varèse, mit Isabelle Faust erfuhr das Violin Concerto No. 3 "Alhambra" von Peter Eötvös seine Münchner Erstaufführung. Eigentlich war das Konzert für den 23. April geplant, doch aufgrund der Pandemie fand das Konzert in der leeren Philharmonie statt. Den Konzertmitschnitt kann man nun bis zum 5. Juni auf musica viva des Bayerischen Rundfunks kostenlos nachhören!

Kammerorchester triftt auf neun Kassettenrekorder

Wenn man das Stück "Moult" von Clara Iannotta im Konzert gehört hätte, wäre man von selbst nicht darauf gekommen, welche konkrete Vorstellung ihm zugrunde liegt. Bei einer Aufzeichnung aber lassen sich einleitend gesprochene Informationen nicht ausblenden. Das Bild, dass "Moult" (eigentlich "Mauser") durch die Häutung einer Spinne inspiriert wurde, hätte man lieber nicht eingepflanzt bekommen. Zumal es unwahrscheinlich ist, dass die Italienerin tatsächlich eine so direkte Programmatik im Sinn hatte. Besetzt ist das Werk von 2018/19 mit Kammerorchester und neun Kassettenrecordern, die unmerklich einsetzen und dann von den echten Instrumenten abgesondert werden: eben so, wie etwas Lebendes etwas Totes abscheidet wie eine alte Haut.

Vielleicht wäre diese Struktur im Konzert deutlicher geworden, wenn man die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Kassettenrecorder besser voneinander hätte unterscheiden können. In dieser kürzlich produzierten Aufnahme kommt aber auch über gute Kopfhörer eher ein Gemisch von undefinierbaren Geräuschen, Maunzen der gedämpften Blechbläser, penetranten Tonwiederholungen und hohem Streicherfieseln an: alles nicht uninteressant, aber kein Prozess, sondern ein Zustand. Letztlich kann man Ianottas Naturalismus so wenig interpretieren wie das Häuten eines Tieres: Alles ist, was es eben ist. Die BR-Symphoniker haben halt ihre jeweiligen Stimmen auszuführen, das Publikum nimmt etwas wahr, das nicht mit ihm kommuniziert.

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Isabelle Faust spielt Peter Eötvös Violinkonzert

Peter Eötvös macht das in seinem ebenfalls 2018 entstandenen Violinkonzert Nr. 3 ganz anders. Mit dem Titel "Alhambra" liefert auch er einen riesigen Bildervorrat mit, doch abgesehen von einer vorwitzigen Mandoline (die in Spanien "Bandurria" genannt wird) gibt es kein naives Lokalkolorit, dafür aber ein gesprächiges und temporeiches Geschehen in duftig skizzierter Umgebung. Die Widmungsträgerin Isabelle Faust führt ihren filigranen Violinton mit nonchalanter Ironie und trifft damit die in exaktem Timing komponierten Slapstick-Effekte auf den Punkt. Eine Vielzahl von Zeichen (etwa Dmitri Schostakowitschs Ton-Signatur) sendet das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit verschwörerischer Intensität in die menschenleere Philharmonie.

Johannes Kalitzke dirigiert "Déserts" nahezu schwerelos

Die Helle dieser "Alhambra"-Studie scheint noch nachzuwirken, so schwerelos dirigiert Johannes Kalitzke das Stück "Déserts" von Edgard Varèse. Die Holzbläser versehen ihre Signale mit flexiblen Akzenten, das Blech türmt sich mit überraschend geringem Gewicht auf. Die Wüsten, die der Titel beschwört, sind keine apokalyptischen, obwohl die Einspielungen der von Varèse selbst mitgestalteten Magnettonbänder auch heute, 70 Jahre später, noch verstören. Leider kann man in der Radioübertragung die Diskrepanz zwischen taufrischer Live-Musik und dem Alter der stereophonen Zuspielungen nur indirekt wahrnehmen. Doch Varèse hat Kunst und Technik seinerzeit so deutlich gegenüber gestellt, dass sich die doppelte Fremdheit dieser halb surrealistischen, halb konkreten Geräusche und Echos aus einer vergangenen Epoche auf fesselnde Weise mitteilt.

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