"Writing with Fire": Berührende Unberührbare

Dok.Fest: "Writing with Fire" zeigt den harten Einsatz einer Medienplattform von Frauen in Indien.
| Margret Köhler
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Die Reporterin Shyamkali im Einsatz - hier, um die Haltungen von Jungs zu dokumentieren.
Die Reporterin Shyamkali im Einsatz - hier, um die Haltungen von Jungs zu dokumentieren. © Dok.Fest

Manchmal habe ich das Gefühl, es ist eine Sünde als Frau geboren zu sein: erst Bürde für die Eltern und später Sklavin für den Ehemann." Suneetra, die dieses deprimierende Fazit zieht, ist Reporterin bei "Khabar Lahariya", der einzigen von Dalit-Frauen geführten Zeitung Indiens in Uttar Pradesh. Die junge Shyamkali - ohne jegliche Ausbildung - kämpft zwar noch mit der Handytechnik, arbeitet aber engagiert in der Redaktion. Und die Seniorchefin Meera, mit 14 verheiratet und wenig später Mutter, ging trotzdem zur Schule, studierte und machte ihren Abschluss in Politikwissenschaft. Sie gründete diese Zeitung, inzwischen mit einer Digital-Ausgabe und YouTube-Kanal.

Diese Drei gehören zu einem Redaktionskollektiv der gesellschaftlich geächteten Dalit, der niedrigsten Kaste Indiens. In einigen Gegenden dürfen die "Unberührbaren" Häuser von Mitgliedern aus den oberen Kasten nicht betreten oder die gleichen Brunnen benutzen. Auf die Erfolgsgeschichte dieser furchtlosen Frauen hätte also niemand gewettet, sie hört sich an wie ein Märchen, ist aber wahr. Inzwischen übernehmen große Medien ihre Vor-Ort-Berichte oder bauen darauf auf.

Dokumentarfilmer begleiten Journalistinnen bei ihrer Arbeit

Sie machen einen Knochenjob, müssen sich gegenüber sexistischen Männerhorden behaupten, gegenüber Polizei und Politik. Die Dokumentarfilmer Rintu Thomas und Sushmit Ghosh begleiten die Journalistinnen bei ihrer hartnäckigen Aufdeckung von Missständen, seien es illegale Minen der Mafia, das Fehlen von Elektrizität, schlechte Straßen, desaströse medizinische Versorgung oder - eines der wichtigsten Themen - brutale Vergewaltigung, - oft Gruppenvergewaltigung. Gewalt, vor allem sexuell motivierte Gewalt, gegen Frauen und Mädchen ist in Indien alltäglich und Vergewaltigung ein Massenphänomen.

Nach Untersuchung der Thomson-Reuters-Stiftung wurden allein im Jahr 2016 40 000 Vergewaltigungen gemeldet, trotz der #MeToo-Bewegung: Tendenz steigend mit einer hohen Dunkelziffer. Am schlimmsten trifft es die Angehörigen der unteren Kasten. Und genau hier übernimmt "Khabar Lahariya" Vorreiterfunktion. Da lässt die Reporterin nicht locker, wenn der Polizeichef die Achseln zuckt, Unwissen vortäuscht, Anzeigen wegen Vergewaltigung einfach verschwinden, nicht bearbeitet oder die Taten klein geredet werden als "alberner Jungenstreich". Die Reporterinnen sorgen für Transparenz: Ein Täter wurde eine Woche nach der Veröffentlichung inhaftiert.

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Der Film vermischt geschickt persönliche und professionelle Seiten der Arbeit. Meera und ihre Mitstreiterinnen geben Einblick in das soziale Gefüge einer hierarchischen Gesellschaft, fordern Antworten auf brennende Fragen und unterwandern die männliche Dominanz. Ohne Unterstützung von Familie und gegen den Widerstand der Regierung haben sie an Einfluss gewonnen, ihr YouTube-Kanal zählt bei sonst verschwiegenen Themen auch schon mal 10 Millionen Aufrufe.

Diese Kämpferinnen für Demokratie und Gerechtigkeit haben die Unsichtbarkeit abgeschüttelt, sie sind stolz und mutig, stehen für die Hoffnung auf Veränderung. Übrigens: Die begabte "Khabar Lahariya"-Journalistin Suneetra, die ihren Eltern keine Schande machen wollte und sich unter Druck zu einer Heirat drängen ließ, gab das Hausfrauendasein wieder auf und kehrte in die Redaktion zurück.


Filmgespräch mit den Machern, 16. Mai um 20 Uhr.

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