"Weißbier im Blut": Tiefsinnig in die Frührente saufen

"Weißbier im Blut": Der Niederbayernkrimi ist rauer und tiefsinniger als die Eberhofer-Krimis und bestimmt kein Plagiat. Premiere im Sendlinger Tor.
| Dominik Petzold
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Sigi Zimmerschied als Kommissar Kreuzeder und Brigitte Hobmeier als Polizeipsychologin Dr. Carmen März in "Weißbier im Blut".
Sigi Zimmerschied als Kommissar Kreuzeder und Brigitte Hobmeier als Polizeipsychologin Dr. Carmen März in "Weißbier im Blut". © picture alliance/dpa/TOBIS Film GmbH

München - Auf dem Bauernhof liegt eine frische Leich', aber vor ihm auf dem Tisch steht ein ebenso frischer Schweinsbraten, und da muss Kommissar Kreuzeder nicht lange überlegen.

Kommissar Kreuzeder und seine eigenwilligen Prioritäten

Die Ermittlungen können auch später beginnen, gern sogar. Obwohl der Vorgesetzte Becker (Johannes Herrschmann) im Wirtshaus aufkreuzt und sich mächtig echauffiert: Der von Sigi Zimmerschied gespielte Passauer Kommissar isst in Seelenruhe, zahlt den Schweinsbraten, die fünf Weißbier, die sechs Obstler, und geht dann mit kühlem Kopf, wenn auch widerwillig an die Arbeit.

"Weißbier im Blut" ist keine Trittbettfahrerei

Leicht könnte man in diesen ersten Minuten von "Weißbier im Blut" denken, dass diese in Niederbayern spielende Krimikomödie auf der Erfolgswelle der Eberhofer-Filme mitschwimmen soll: Das Ambiente ist ähnlich muffig und der Kommissar faul und maulfaul wie der Eberhofer, er spricht lakonisch und zecht ausgiebig. Aber "Weißbier im Blut" ist keineswegs Trittbrettfahrerei, im Gegenteil: Der Autor und Regisseur Jörg Graser hat bereits vor zwölf Jahren, lange vor der Eberhofer-Serie, das Drehbuch geschrieben.

Kommissar Kreuzeder zweifelt am Schuldprinzip

Weil das zunächst nicht umgesetzt werden konnte, veröffentlichte er den Roman "Weißbier im Blut". Jetzt konnte Graser den Stoff doch noch auf die Leinwand bringen. Die Dialoge sind zwar ähnlich krachledern wie im Eberhofer-Kosmos, aber ungleich tiefsinniger, wie der ganze Film.

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Während es der Eberhofer langsam angehen lässt, weil er halt ein Gemütlicher ist, steckt hinter der Arbeitsscheu des Kommissar Kreuzeder eine philosophisch-moralische Erkenntnis: Er zweifelt am Schuldprinzip.

Früher war er ein großartiger Ermittler, konnte sich meisterhaft in die Psyche der Täter hineinversetzen - und gelangte so immer mehr zu der Erkenntnis: "Die meisten Mörder sind arme Sei." Und hat nicht auch Jesus dem Mörder am Kreuz neben ihm verziehen, weil dieser, wie der Pfarrer auf Kreuzeders Nachfrage zugibt, eine arme Sau war?

"Weißbier im Blut": Brigitte Hobmeier brilliert als Psychologin 

Dieser Kommissar im katholischen Niederbayern spürt keinen Antrieb mehr, Mörder zur Strecke zu bringen. Seine Aufklärungsquote tendiert konsequent gegen null. Stattdessen will er sich konsequent in die Zwangs-Frührente saufen.

Sein Chef schickt ihn aber erst mal zu der sympathischen, leicht überkandidelten Psychologin Carmen März (selbstredend toll: Brigitte Hobmeier). Die fragt den verlotterten Polizisten frech, ob er wohl verdeckt im Pennermilieu ermittle, und durchschaut schnell seinen Promille-Plan. Und findet diesen hochintelligenten Melancholiker so interessant, dass sie sich mit ihm anfreundet. Nächtelang zecht sie mit ihm im Wirtshaus bei Kellnerin Gerda (Luise Kinseher), die die beiden wiederum in ihr persönliches Drama hineinzieht.

"Weißbier im Blut": Derber und tiefschwarzer Wortwitz mit Timing

Der brutal-gemeine Wirt verlangt von der Bedienung, ihn auch sexuell zu bedienen, noch dazu in komplizierten Stellungen, wie sie klagt ("Es ist halt mühsam, sonst war's ma wurscht").

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Sollte sie nicht gefügig sein, droht er sie durch eine jüngere Osteuropäerin zu ersetzen, die sie dann auch noch gefälligst einzulernen habe. Auch um sich finanziell abzusichern, wirft sie ein Auge auf den Kommissar mit Festgehalt. Dieser Erzählstrang, der allmählich in den Vordergrund rückt, ist dann etwas überspitzt, auch manch andere Szene und Handlungskurve wirkt etwas realitätsfern. Dafür sind viele der lakonischen Dialoge hervorragend, und beim mal derben, mal tiefschwarzen Wortwitz stimmt das Timing.

Und der tolle Sigi Zimmerschied geht voll auf in der Rolle des Kreuzeder, dieser komplexen Figur, die er gemeinsam mit Jörg Graser auch schon für die Hörspiele entwickelt hatte und die in fast jeder Szene des Films zu sehen ist.

Um die Aufklärung des Mordes auf dem Bauernhof geht es fast nebenbei: Als ein zweites Leben unterm Mähdrescher endet, schaut der melancholische Kommissar noch mal genauer hin. Und kommt dem Täter schnell auf die Spur, trotz all der Schnäpse und des Weißbiers in seinem Blut.

Nach zwanzig Dienstjahren sei es völlig wurscht, meint der Kreuzeder, ob er nüchtern oder besoffen sei. Auch wenn diese schwarze Komödie gelungen ist: Für radikale Abstinenzler ist sie wohl ungeeignet.


Ab jetzt im Filmtheater Sendlinger Tor, am heutigen Donnerstag um 15.30 Uhr.

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