Interview

Schauspielerin Catherine Frot im Interview: "Wir müssen uns wehren"

Die französische Schauspielerin Catherine Frot trotzt in "Der Rosengarten der Madame Vernet" mit einem Familienbetrieb der globalen Konkurrenz.
| Margret Köhler
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Eve Vernet (Catherine Frot, Zweite von links) mit ihrem Gärtner-Team (von links Marie Petiot, Fatsah Bouyahmed und Melan Omerta).
Eve Vernet (Catherine Frot, Zweite von links) mit ihrem Gärtner-Team (von links Marie Petiot, Fatsah Bouyahmed und Melan Omerta). © picture alliance/dpa/Neue Visionen Filmverleih

Sie gehört zu den beliebtesten Theater- und Filmschauspielerinnen in Frankreich. Catherine Frot kann Komödie wie Drama, bourgeoise Frau und Furie.

In ihren letzten Filmen dominierten soziale Fragen: In Claus Drexels "Unter den Sternen von Paris" spielte sie eine Obdachlose, nun kämpft sie in Pierre Pinauds "Der Rosengarten der Madame Vernet" als Rosenzüchterin gegen die übermächtige globale Konkurrenz. Die Pariserin verkörpert gern Frauen von großer Menschlichkeit, die sich gegen Ungerechtigkeit wehren.

AZ: Madame Frot, nach Ihrer Ausbildung schlugen Sie ein Engagement an der Comédie-Française aus und gründeten ihre eigene Theaterkompanie. Haben Sie das jemals bereut?
CATHERINE FROT: Ich halte es mit Edith Piaf: Non, je ne regrette rien.

Sie feiern Erfolge auf der Bühne und auf der Leinwand. Wofür schlägt ihr Herz mehr?
Ich liebe beides, aber Theater ist schon etwas Besonderes, vor allem die Texte. Mich fasziniert einfach diese Direktheit, die ständige neue Herausforderung und die permanente Spannung: Wie wird das Publikum reagieren? Beim Film kann ich mich zwar bei den Dreharbeiten einmischen und vielleicht an den Dialogen etwas ändern, aber die Entscheidung über das Gesamtwerk wird von jemand anderem getroffen. Wenn ich vom Endresultat enttäuscht bin, ärgere ich mich, wenn es mir gefällt, bin ich glücklich und möchte den Regisseur abbusseln. Wie jetzt Pierre Pinaud.

Catherine Frot: Ihre Rollenfigur erinnert sie an ihre Großmutter

Der hat mit Eve Vernet eine sehr komplexe Figur geschaffen. Was mögen Sie an ihr?
Diese in ihrer Einsamkeit gefangene Frau lässt sich nicht unterkriegen, steht wieder auf, wenn man glaubt, sie ist erledigt, verharrt nicht im Status Quo, sondern entwickelt sich weiter, bleibt dabei ihrer Suche nach Schönheit treu. Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein Fels in der Brandung, aber dann nimmt man ihre Zerbrechlichkeit wahr, ihre inneren Wunden, die sie zu verbergen versucht. Sie erinnert mich an meine Großmutter, eine starke und kompromisslose Frau, die ziemlich biestig sein konnte, aber nie ihre Menschlichkeit vergaß.

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Sie suchen Ihre Rollen genau aus, gehen Sie da nach einem Kriterienkatalog vor oder fällt Ihre Wahl spontan?
Der Moment der Entscheidung fällt mir immer schwer. Da kommt viel zusammen, das Drehbuch, die Figur, die Schauspiel-Kollegen, eine bestimmte Idee. Ich arbeite nicht, um zu arbeiten, die Qualität muss stimmen, ich muss für das Projekt brennen. Je älter ich werde, um so genauer schaue ich hin. Die Zeiten, in denen es reichte, eine bourgeoise Frau zu spielen, die Probleme mit ihrem Mann im Bett hat, sind definitiv vorbei. Das amüsiert zehn Minuten und dann empfinde ich nur noch Langeweile. Ich bin seit 30 Jahren im Geschäft, so etwas brauche ich nicht mehr. Jetzt geht es nicht mehr um Anziehung oder Verführung, sondern um reifere Figuren, mit denen ich auch persönlich etwas anfangen kann.

Catherine Frot: "Man darf den Blick nicht vor der Außenwelt verschließen"

Offenbar reizen Sie zunehmend Frauen in ihrer Abhängigkeit von politischen oder sozialen Zusammenhängen.
Bei meinen letzten beiden Filmen "Unter den Sternen von Paris" oder "Der Rosengarten der Madame Vernet" auf jeden Fall. Man darf den Blick nicht vor der Außenwelt verschließen, ich will wissen, was in unserer Gesellschaft los ist und Defizite mit einer Menschlichkeit zeigen, um Empathie beim Zuschauer auszulösen. Wir dürfen uns nicht ins Bockshorn jagen lassen. Nur weil eine Frau arm ist und auf der Straße lebt wie in "Unter den Sternen von Paris", darf man ihr die Würde nicht absprechen. Durch die von mir verkörperten Figuren will ich erzählen, was gerade um uns herum passiert, und Verantwortung übernehmen.

In beiden Filmen geht es auch um Solidarität. Glauben Sie noch an diesen Wert?
Wenn ich daran nicht mehr glauben würde, was bliebe dann noch? Natürlich wird es immer schwieriger, Solidarität zu leben, aber wir müssen dafür sorgen, dass es wieder einfacher wird. Ich bin da optimistisch.

Catherine Frot: "Ich bin keine Revolutionärin"

Madame Vernet kämpft mit ihrem kleinen Familienbetrieb gegen die Globalisierung. Ist der Kampf von David gegen Goliath wirklich zu gewinnen?
Es geht doch nur noch um billig, billig, billig, auf Kosten der Qualitätsstandards, dagegen müssen wir uns wehren. Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren und der Film macht Mut, nicht aufzugeben. Das ist doch eine gute Botschaft.

Sind Sie eine Kämpferin?
Ich bin keine Revolutionärin, die alles sofort über den Haufen werfen will. Ich plädiere dafür, erst einmal nachzudenken und wachsam zu sein, Alternativen zu entwickeln. In Frankreich lieben wir den Kampf gegen Vorschriften oder Druck von oben. Zur Zeit sind jede Woche die Straßen voll mit Demonstranten gegen die Impfverordnungen. Ich bin für einen rebellischen Geist, dass der sich aber nur gegen die Corona-Impfung richtet, reicht nicht als Kampfziel. Impfungen sind notwendig.

Wie bereiten Sie sich auf so unterschiedliche Rollen vor?
Ich bin ziemlich akribisch. Bei "Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne" habe ich einen Monat lang geübt, falsch zu singen, bei "Die Köchin und der Präsident" habe ich zehn Tage einem Koch über die Schulter geschaut, bei "Unter den Sternen von Paris" habe ich viele Frauen getroffen, die auf der Straße versuchen, zu überleben.

Catherine Frot als Eve Vernet in einer Szene des Films "Der Rosengarten von Madame Vernet". Der Film kommt am 9. September 2021 in die deutschen Kinos.
Catherine Frot als Eve Vernet in einer Szene des Films "Der Rosengarten von Madame Vernet". Der Film kommt am 9. September 2021 in die deutschen Kinos. © -/Neue Visionen Filmverleih

"Ich spüre heute noch die gleiche Begeisterung wie am ersten Tag"

Und bei Madame Vernet?
Sie steht mehr für das alte Frankreich. Da kam es auf ein entsprechendes Aussehen und Verhalten an. Sie stapft mit Stiefeln durch die Erde, trägt Hut und Krawattenschals, raucht Pfeife und strahlt dennoch eine Eleganz aus. Egal, wen ich darstelle, als Schauspielerin vermittle ich Illusionen. Meine Gesten, mein Outfit, mein ganzes Auftreten muss bis ins kleinste Detail glaubwürdig sein. Mir gefällt es, auf der Leinwand etwas zu tun, was ich in Wirklichkeit überhaupt nicht kann. Eve Vernet bringt alles zum Blühen, mir fehlt dagegen der grüne Daumen total. Egal wie unterschiedlich die Filme sind, alle verbindet mein Gefühl für die Figur, besonders, wenn sie nicht in das übliche Raster passt. Ich grabe mich richtig in jede Faser des Charakters ein.

Welchen Rat würden Sie einer jungen Schauspielerin geben?
Versuche, eine gute Schauspielerin zu sein, aber schau über den Tellerrand hinaus. Interessiere dich für Drehbuch, Ausstattung, Inszenierung und Montage. Dann kannst du besser mitwirken und mitreden. Und lasse dich immer von deiner Leidenschaft leiten. Ich spüre heute noch die gleiche Begeisterung wie am ersten Tag.


"Der Rosengarten der Madame Vernet" ab Donnerstag im Kino

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