Interview

Schauspieler Franz Rogowski: König und Hampelmann

"Große Freiheit" kommt am Donnerstag ins Kino – und erzählt von einem Homosexuellen, der für seine Orientierung mehrmals ins Gefängnis muss, wo er auf bizarre Weise auch Liebe findet. Franz Rogowski spielt diesen Hans Hoffmann.
| Margret Köhler
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Hans, der Homosexuelle (Franz Rogowski, li.) und Viktor, der Mörder (Georg Friedrich) stehen sich im Gefängnis gegenüber.
Hans, der Homosexuelle (Franz Rogowski, li.) und Viktor, der Mörder (Georg Friedrich) stehen sich im Gefängnis gegenüber. © Piffl Medien

Franz Rogowski spielt in Sebastian Meises Drama "Große Freiheit" Hans Hoffmann, der wegen seiner Liebe zu Männern, immer wieder ins Gefängnis kommt: 1945, 1957 und 1968. An der Seite des phänomenalen österreichischen Schauspielers Georg Friedrich ist das eine Paraderolle, für die Rogowski für den Europäischen Filmpreis nominiert ist. National und international schwimmt er auf einer Erfolgswelle. Manchmal packt ihn die Angst vor dem derzeitigen Höhenflug.

Franz Rogowski stammt aus Freiburg. Er spielte am Thalia Theater, an der Schaubühne am Lehniner Platz und an den Kammerspielen. Im deutschen Arthausfilm ist er ein Star ("Victoria", "Fikkefuchs", "Transit", "Undine").
Franz Rogowski stammt aus Freiburg. Er spielte am Thalia Theater, an der Schaubühne am Lehniner Platz und an den Kammerspielen. Im deutschen Arthausfilm ist er ein Star ("Victoria", "Fikkefuchs", "Transit", "Undine"). © Urs Flueeler (KEYSTONE)

AZ: Herr Rogowski, hat es sofort "Klick" gemacht, die Rolle des Homosexuellen Hans Hoffmann anzunehmen?
FRANZ ROGOWSKI: Ich habe da ziemlich schnell zugesagt. Das Drehbuch und die Figuren waren ein Geschenk. Hier hat sich alles gefügt.

Es geht im Film vor allem um die innere Freiheit. Was ist Ihre Vorstellung von Freiheit?
Meine Vorstellung von Freiheit ist eine Mischung aus Sicherheit und Unabhängigkeit von dem, was Sicherheit erzeugt. Im Alltag funktionieren diese Gleichungen oft nicht so gut, aber das macht nichts. Für Hans besteht die Freiheit darin, das ihn unterdrückende System anzunehmen und nicht zu bekämpfen.

Wo bleibt da der Widerstand?
Einen Widerstand gibt es schon, sonst gäbe es den Hans ja gar nicht. Er hat eine Identität und bewegt sich im Leben. Dafür wird er ins Gefängnis gesteckt. Es ist ein bisschen eine Umkehrung von der Idee von Widerstand, die wir meistens haben: Hans lebt sein Leben im Widerstand des Systems, das ihn umgibt. Er kommt da nicht raus aus diesem Raum und so richtet er sich häuslich ein in diesen Mauern.

Der § 175 StGB ist Vergangenheit. Aber sind Vorurteile gegen Schwule ausgeräumt, wenn auf Schulhöfen "Du Schwuler" oder "Du Schwuchtel" Schimpfworte sind?
Gleichgeschlechtliche Beziehungen werden in den meisten Teilen der Welt unterdrückt, selbst in Europa – nehmen Sie Ungarn oder Polen. Ich glaube, Vorurteile sind im Allgemeinen nicht ausgeräumt. Auch nicht gegen Schwule. Das Gute an Vorurteilen ist, dass man nicht immer alles von vorne durchdenken muss. Das empfinden wir als angenehm und ich bin selber täglich mit eigenen Vorurteilen konfrontiert, mit denen ich mir die Welt vereinfache. Man sollte nur nicht den Fehler begehen, die eigene Beschränktheit zum Gesetz zu erklären.

Wie ist es, wenn zwei so schauspielerische Schwergewichte wie Sie und Georg Friedrich aufeinandertreffen? Misst man sich gegenseitig oder wächst man aneinander?
Wir haben Billard gespielt. Mit Georg Friedrich zu arbeiten, war eine große Freude und Inspiration. Neben so einem Schauspieler wird es einem leicht gemacht, die eigene Figur lebendig werden zu lassen.

Sie kehren zwischendurch immer wieder zum Theater zurück, wie zu den Münchner Kammerspielen, wo sie drei Jahre festes Ensemblemitglied waren. Was bietet Ihnen das Theater, was das Kino nicht kann oder auch umgekehrt?
Das Theater hat diesen echten Ort, an dem sich Menschen treffen. Die Leinwand bleibt eine Leinwand. Beide haben ihre eigenen Potenziale. Theater als Raum der Begegnung, wo einer etwas Verrücktes macht stellvertretend für die Anderen, wird es immer geben. Eine Geschichte, so alt wie die Menschheit. Das Tolle am Kino ist, dass man eben diesen Theaterraum verlassen und rausgehen kann in die Welt.

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Und wie unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit den Regisseuren?
Als Tänzer im Theater und später Performer und Schauspieler habe ich die Hauptrollen nie bekommen. Ich war da eher mit Regisseuren konfrontiert, die sich auf Performancetheater fokussierten. Da war man dann ein Teil eines kollektiven Körpers. Ich glaube, dass ich mehr Hoffnung und Einsichten für mein Leben und unsere Zukunft im Theater gefunden habe als im Kino, auch der Kunst war das oft näher. Aber nach 10 Jahren bin ich heilfroh, da rausgekommen zu sein. Die kollektiven Körper eines Scheinkollektivs zerfallen irgendwann wieder in ihre Einzelschicksale, und dann bleiben da die Namen des Regisseurs, des Dramaturgen und des Intendanten. Der Rest ist Geschichte. Die meisten Theater sind voll mit großartigen Schauspielerinnen und Schauspielern, die in prekären Verhältnissen täglich Höchstleistungen erbringen. Ich kann von Glück reden, dieser Struktur nicht mehr anzugehören.

Wenn man wie Sie vom Tanz kommt, setzt man da im Film mehr auf Körperlichkeit oder suchen Sie sich solche Rollen mehr zufällig aus?
Da steckt ein bisschen Mythos dahinter. Jede Figur geht von A nach B, liebt und lebt und scheitert, man lacht und weint und rennt gegen Wände. Das alles ist mit körperlichen Zuständen verbunden. Ich halte es auch für einen Mythos, dass ich Körperlichkeit besonders ausstrahle.

Aber Sie schlurfen nicht gerade über die Leinwand.
Privat schlurfe ich viel, im Film versuche ich, das zu vermeiden, es sei denn, die Rolle erfordert es. Ich bemühe mich, zu reduzieren, so dass die einzelne Handlung einen erkennbaren Raum bekommt. Wenn einfache Bewegungen etwas über das Innenleben der Figur erzählen, muss ich meine Gefühle auch nicht so stark verbalisieren, dann reicht oft ein Blick, eine Geste. In diesem Rahmen wird der Körper dann vielleicht auch mehr wahrgenommen.

Sie haben mit sehr unterschiedlichen Regisseuren gearbeitet wie Michael Haneke, Jakob Lass, Angela Schanelec oder Terrence Malick. Die einen lassen Improvisation zu, die anderen geben ganz klar alles vor, wie Haneke.
Je besser und ausgefeilter ein Drehbuch und je mehr man dem Regisseur vertraut, um so besser nimmt man auch seine Vorgaben an. Aber meistens ist es so, dass sich gemeinsam etwas entwickeln lässt, was stärker ist als die einzelnen Fantasien der Beteiligten. Da tauscht man sich im Vorfeld aus, schreibt zum Teil Szenen noch einmal um, begibt sich gemeinsam auf die Suche, bei jeder Einstellung eine Form zu finden, die funktioniert. Aber es gibt natürlich auch Regisseure, die mit sich selbst so hart ins Gericht gehen, dass dabei eine vollendete Form entsteht, bevor man überhaupt angefangen hat zu drehen. Blöd nur, dass die Schauspieler oft so unberechenbar sind.

Fehlt Ihnen manchmal der Besuch der Schauspielschule?
Ich habe schon ein Stückweit diese klassische Ausbildung verpasst, ich nutze manchmal vielleicht einen anderen Weg, einen Monolog zu erarbeiten als jemand von der Schauspielschule. Andererseits gibt es manchmal an Schulen eine Tendenz, die Schüler so zu bewerten, dass die Lehrer zufrieden sind. Lehrer sind leider meistens nur für die Grundlagen gut, nicht für deine eigene Handschrift. Sonst wird daraus schnell Schönschrift.

Sind Sie eitel?
Ich bin eitel.

Sie spielen meistens keine unbeschwerten Figuren. Könnten Sie sich vorstellen, in einer Komödie den fröhlichen Kerl zu mimen?
Warten Sie ab. Den mime ich Ihnen gerne mal.

National und international reißen sich Regisseure um sie. Packt sie manchmal die Angst bei diesem Höhenflug?
Ab und zu verfolgt mich diese Angst, weil man als Schauspieler immer angewiesen ist auf neue Drehbücher. Und die Angebote müssen ja auch zu einem passen. Ich bin auf der Suche nach Stoffen mit einem Mehrwert. Das erzeugt eine gewisse Unsicherheit, die dann paradoxerweise teilweise noch zunimmt, je mehr man im Rampenlicht steht, weil der Druck sich erhöht. Im ersten Jahr der Pandemie fehlte mir eine Perspektive, das war sehr unangenehm. Im Moment kann ich dagegen gar nicht alle Angebote annehmen. Es läuft gut für mich. Aber ich darf mir da keine Illusionen machen, nach drei schlechten Filmen hintereinander wäre erst einmal die Luft raus.

Gefällt Ihnen das Nomadenleben?
Ja. Aber noch lieber bin ich zu Hause. Ich liebe feste Tagesabläufe und meine Kaffeemaschine.

Wie finden Sie immer wieder auf den Boden zurück?
Ich bin nicht besonders geerdet.

Sollten Schauspieler eine Vorbildfunktion haben?
Ich empfehle niemanden, mich zum Vorbild zu nehmen. Wer in der Öffentlichkeit steht, wird mehr beurteilt und auch mehr verurteilt.

Also meiden Sie lieber die Öffentlichkeit?
Manche Kollegen sind gut darin, permanent in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich bin nicht der Typ Selbstvermarkter.

Instagram und & Co. sind dann nichts für Sie?
Ich bin auf Instagram und schaue da jeden Tag rein. Oft ist es die erste App, die ich morgens öffne, ziehe mir die Werbung rein und gucke meine Fotos an. Ich würde gerne damit aufhören, aber ich bin süchtig.

Als junger Mann galten Sie als Querulant. Wie ist es, jetzt auf der Erfolgswelle?
Heute ist mein Leben schon anders als vielleicht vor zehn Jahren. Aber Erfolg macht nur kurz glücklich, vielleicht für fünf Minuten und er ist keine Grundlage, auf der man leben kann. Manchmal fühle ich mich wie ein König und manchmal wie ein Hampelmann.

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