Kritik

Sandra Hüller brilliert als Erika Mann in "Vaterland"

Sternstunde des Autorenkinos: "Vaterland" von Pawel Pawlikowski verdichtet Thomas Manns Rückkehr aus dem Exil im Sommer 1949.
Adrian Prechtel
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Ankunft in Weimar: Thomas Mann (Hanns Zischler) und Tochter Erika Mann (Sandra Hüller) werden von Johannes R. Becher (Devid Striesow) empfangen.
Ankunft in Weimar: Thomas Mann (Hanns Zischler) und Tochter Erika Mann (Sandra Hüller) werden von Johannes R. Becher (Devid Striesow) empfangen. © Neue Visionen

Manchmal kann ein Film einen ganzen Geschichtsunterricht ersetzen. Man muss nur genau hinschauen, hinhören, denn "Vaterland" ist ein ruhiger, tiefgründiger Film, ein Höhepunkt der Film- und Erzählkunst – in silbern schimmerndem Schwarz-Weiß. Passend, denn es ist Sommer 1949, aber schon Kalter Krieg. Die Bundesrepublik hat sich gerade gegründet, die DDR wird im Oktober folgen.

Der 74-jährige deutsche Schriftsteller Thomas Mann (Hanns Zischler) ist aus den USA nach 16 Exiljahren zum Goethejahr nach Deutschland eingeladen worden. Man hofiert ihn als nationales Symbol, das die geschichtliche Tragödie von Angriffskrieg und NS-Barbarei moralisch sauber überstanden hat. Mann soll zum 200. Geburtstag Goethes Vorträge halten.

Der entscheidende Moment nach der "Stunde Null"

Sein desillusionierter Sohn Klaus (August Diehl), analysiert es messerscharf gegenüber seiner Schwester Erika (Sandra Hüller) am Telefon: "Sie brauchen ihn zur Gewissenserleichterung." "Er glaubt, er steht darüber", sagt Erika ihrem Bruder dazu.

Thomas Mann (Hanns Zischler) und Tochter Erika Mann (Sandra Hüller) in einem ostdeutschen Lokal.
Thomas Mann (Hanns Zischler) und Tochter Erika Mann (Sandra Hüller) in einem ostdeutschen Lokal. © Neue Visionen

Und schon hat sich – neben der politischen – eine familiengeschichtliche Dimension aufgetan: die der sehr deutschen, intellektuellen, psychologisch abgründigen Familie Mann – alle aufs Engste verbunden mit der Auseinandersetzung mit der deutschen Kultur, dem Kampf gegen den Faschismus.

Der Film verdichtet die Vortragsreise auf zwei Orte: die Goethe-Geburtsstadt Frankfurt und  zum Ärger der antikommunistischen Westdeutschen auch Weimar in der sowjetischen Besatzungszone. Klaus bringt im Film das primitive Freund-Feind-Schema des Kalten Krieges auf den Punkt: Man könne nur noch wählen "zwischen Stalin und Micky Maus". Jetzt steuert Tochter Erika Mann – selbst Autorin und nach Klaus' Meinung zur besseren Sekretärin und Chauffeurin degradiert - ihren Vater in einer schwarzen Buick-Limousine durch das auch moralisch zerstörte Deutschland.

Eine Ohrfeige für Gustaf Gründgens 

Im realen Leben begleitete Ehefrau Katia Thomas Mann, und beide hatten einen Chauffeur. Auch Sohn Klaus hatte schon zwei Monate zuvor Selbstmord begangen. Aber Regisseur Pawel Pawlikowski geht es hier nicht um biografische Genauigkeit, sondern um Wahrheit im Sinne von Wahrhaftigkeit bei der Darstellung von verfahrenen Familienstrukturen, Verletzungen, Eitelkeiten und Schuldgefühlen.

Was Pawlikowski mit Sandra Hüller und Hanns Zischler als Vater-Tochter-Duo erzählt, ist fantastisch: Deutsch-deutsche Befindlichkeiten werden offengelegt, "Nestbeschmutzer" in den Applaus gerufen, als Thomas Mann vor dem Frankfurter Grandhotel aussteigt.

Der Nazi-Tonfall ist noch nicht gewichen, eine Stunde Null hat es auch nie gegeben. Ein zugespitzter Höhepunkt der Situation ist die Feier, die zu Ehren Thomas Manns in Frankfurt gegeben wird: eine blonde Sängerin singt Zarah-Leander-Schlager, die Wagner-Enkel Wolfgang und Wieland wanzen sich an Thomas Mann heran, um ihn als Fürsprecher für die Wiederaufnahme der Festspiele in Bayreuth zu gewinnen.

Schließlich sei er, Mann, ja der "größte lebende Wagnerianer", was Mann mit der Bemerkung abblitzen lässt: "Ja vielleicht, zumindest nach dem Ableben eines gewissen Adolf Hitlers" – und er empfiehlt die Planierung Bayreuths und die Verhaftung ihrer Mutter, der Nazi-Verehrerin Winifred Wagner.

Empfang in Frankfurt: Erika Mann (Sandra Hüller, rechts) trifft auf die amerikanische Journalistin Betty Knox (Anna Madeley).
Empfang in Frankfurt: Erika Mann (Sandra Hüller, rechts) trifft auf die amerikanische Journalistin Betty Knox (Anna Madeley). © Lukasz Zal/nine hour films/Neue Visionen

Inzwischen ist Erika von ihrem Ex-Mann und Theater-Stehaufmännchen, Gustaf Gründgens (Joachim Meyerhoff) an der Bar angesprochen worden. Als er seine NS-schmutzigen Hände verbal reinwaschen will, verpasst sie diesem Mephisto eine Ohrfeige: als widerlichem Opportunisten und Karrieristen.

Klaus Mann begeht Selbstmord in Cannes 

Dann erreicht Erika noch die Nachricht, dass ihr geliebter Bruder Klaus, nicht zur Reise hinzustoßen wird - er, der mehrfach Drogenabhängige, den die neue Zeit anekelt, der ihr mehrdeutig gesagt hatte "Wir sind Abfall", hat in Cannes Selbstmord begangen.

Nachts, auf der Straße vor dem Hotel, werden dann noch jüngere deutsche Männer Soldatenlieder grölen, was alles zusammen zu einem kurzen Nervenzusammenbruch Erikas führt. Sandra Hüller spielt die Gleichzeitigkeit und den Wechsel von kühler Intellektualität, frecher Schlagfertigkeit, aufblitzenden Verletzungen und unterdrückter Aufgewühltheit Oscarreif, wie schon die "BBC" nach der Premiere in Cannes feststellte.

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Als der Vater aber nach der Todesnachricht seines Sohnes planmäßig weitermacht bricht es aus Erika heraus: "Du eiskalter Narzisst!“ Dann fahren sie weiter – über die Zonengrenze, Richtung Weimar, in ein "neues", aber bereits wieder militarisiertes Deutschland.

Aber insgesamt mehr Sympathie schlägt Thomas Mann hier im Osten entgegen – als ehrlichem Anti-Nazi, auch wenn Manns zelebrierte Bürgerlichkeit im Arbeiter- und Bauern-Neustart irritiert. Auf einer Pressekonferenz in Frankfurt war Thomas Mann noch mehr oder minder subtil mit dem Vorwurf der "Vaterlandslosigkeit" und "bequemen Logenplätzen des Auslands" konfrontiert worden – und der Frage nach "Zuhause" und "Heimat".

Vielleicht liegt sie für jemanden wie dem Exilanten Thomas Mann eben nur noch in der Kultur. Immerhin hat er seine Vorträge um das Thema Goethe als Vertreter eines "guten Deutschlands" gebaut: ein Künstler ohne romantischen Todeskult, mit Liebe zum Leben - als Grundlage für ein demokratisches Europa.

Klaus Mann konnte nur noch Bach ertragen 

Gegen Ende ihrer Fahrt durch das kaputte Deutschland, begleitet von einem Geländewagen der Sowjetarmee, halten Vater und Tochter vor der einsamen Kriegsruine eines Landschlosses an. Sie gehen durch Mauergerippe, geplünderte und ausgebrannte Geisterhallen und kommen in die Schlosskapelle.

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In der Decke klafft ein Loch, so dass man frei in den Himmel sehen kann. Sie setzen sich auf die einzig verbliebene Kirchenbank. Plötzlich erklingt von der Empore die Orgel, tastend, immer wieder neu ansetzend. Ein Mann, oben, repariert etwas im Inneren des Instruments, während der andere stückweise "Jesu, meine Freude" von Bach intoniert.

"Am Ende war Bach das einzige, das er noch ertragen konnte", sagt Erika kurz noch einmal über den toten Bruder Klaus, und jetzt tasten Thomas und Erika nach der Hand des anderen.

Wer völlig kitschfrei sehen und hören will, wie Kultur heilen, die Unfähigkeit zu trauern überwinden kann, emotionale Ruhe und damit die Chance auf inneren und äußeren Frieden herstellt: Hier erlebt man es in seiner schönsten Form.


Regie: Pawel Pawlikowski (PL,D,F, 82 Min.)

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