Merkt man jemanden die Sozialisation in der DDR an? Charly Hübner im "Spaziergang nach Syrakus"
Einmal ans Ende Europas - und das ohne eigenes Auto oder im Flugzeug. Denn für Paul Gompitz (Charly Hübner) gilt wirklich: Der Weg ist das Ziel. Außerdem hat er wenig D-Mark oder gar Lire. Mit einer Reise nach Sizilien will er auf den Spuren Johann Gottfried Seumes wandeln, einem Dichter und Abenteurer, der vor über zweihundert Jahren aus Sachsen zu Fuß nach Syrakus aufbrach. Nur sind wir in den 80er-Jahren, in der DDR. Und die ist seit 1961 hinter einem "antifaschistischen Schutzwall" – der Mauer.

"Spaziergang nach Syrakus" basiert auf einem Roman von Friedrich Christian Delius von 1995, der die Geschichte eines DDR-Bürgers erzählt, der es – wie Paul – gewagt und witzig wirklich bis ans Ionische Meer schafft. Die Tragikomödie startet am Donnerstag.
AZ: Herr Hübner, Sie selbst haben die DDR als Kind und Jugendlicher erlebt. Mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung tauchte für einen Film die Frage auf: Kann man über einen Unrechtsstaat auch eine Komödie drehen? Oder wäre ein Horrorfilm nicht angemessener?
CHARLY HÜBNER: Die Komödie eignet sich für das Alltagsleben in der DDR, wo man sich eben auch gegenseitig veräppelt hat und die ganzen Absurditäten und die Widrigkeiten eben komisch erzählt hat. "Good Bye, Lenin!" war so ein gelungenes Beispiel oder zuvor natürlich "Sonnenallee". Bei allen Unterschieden in der Tonalität fangen beide das Schräge im Alltag der DDR ein.

Und wo hört Komödie als Möglichkeit auf?
Zum Beispiel bei Geschichten wie der Verhaftung des Schriftstellers Jürgen Fuchs, mit folgender Haft und Dauerverhören im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen über mehr als 200 Tage. Danach wurde er in den Westen abgeschoben, ohne jemals Frau und Kind in der DDR wiedergesehen zu haben – und er stirbt nach der Wiedervereinigung – mit nur 48 Jahren an Leukämie. Sowas kann man nicht als Komödie zeigen. Dann gibt es wiederum einen Gesellschaftsroman wie "Das Narrenschiff" von Christoph Hein, in der die Nomenklatura und deren Umfeld vorkommen. Beim Lesen befällt einen dann sowas wie ein homerisches Gelächter – wenn man von oben auf die Situation der DDR mit Ulbricht und den Honeckers schaut. Das wäre dann natürlich ein Epos.

1802 hat Johann Gottfried Seume seinen Reisebericht "Spaziergang nach Syrakus" veröffentlicht. Er war Bauernsohn, der gefördert wurde und studieren konnte. Der müsste dann ja im "Arbeiter- und Bauernstaat" DDR ein gern gesehener Klassiker gewesen sein.
Später war er übrigens Fremdenlegionär für die Preußen, hatte dann aber die Nase voll vom Leben mit der Waffe in der Hand und fasst den Entschluss, nach Syrakus zu gehen – bis ans Ende des Kontinents. In der DDR war der Klassiker Seume aber nicht gut gelitten, weil er nach der Französischen Revolution ein Liberaler war, der sich gefragt hat: Was ist Freiheit? Und sein Gedanke des Wanderns verbunden mit einer soziologischen Studie auf dem Weg in den Süden: Das hat eine Diktatur nicht gerne gehört: Dass man einfach geht, wohin man will. Aber Seume war nicht verboten, ich glaube, man nannte ihn einen "unbekannten Klassiker".
Hatten Sie Einfluss auf den Film? Immerhin spielen Sie ja die Hauptfigur.
Regisseur Lars Jessen und ich haben viel über die Ideen zum Film gequatscht. Aber ich bin dann einer, der beim Spielen einfach spielen und nicht mehr viel darüber reden will.
Seume oder sein Text kommen aber praktisch gar nicht vor.
Aus dem Off ein paar Sätze. Die Idee war auch, ihn wie einen Schatten märchenhaft einzubauen.

Ihre Figur Paul, der Seume liest und beschließt, auch nach Syrakus zu gehen, hat die verschiedensten Hintergründe: Seume von Anfang des 19. Jahrhunderts ist ja nur die Grundlage. Der Film entstand aber nach Motiven des Romans "Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus" von Friedrich Christian Delius von 1995. Und der wiederum hat die Fluchtgeschichte des Publizisten Klaus Müller beschrieben, der wirklich aus der DDR fliehen wollte, um nach Syrakus zu laufen – und das auch geschafft hat. Und auch von ihm gibt es Aufzeichnungen darüber.
Ja, man kann sich um dieses Husarenstück von Klaus Müller herum ordentlich einlesen. Aber FC Delius hat ja schon einen erzählerischen Abstand geschaffen, indem er die Figur Paul nannte.
Also ist Paul eher eine fiktive Figur?
Ja, aber eben mit realen Hintergründen. Mit Paul kann man auch heute Jüngeren die DDR erklären. Ich habe ihn eher als ruhigen Typen erlebt, der sich auf seinen Plan, aus der DDR rauszukommen, fokussiert. Er ist auch nicht äußerlich aufgebracht, wenn alle seine Vorbereitungen erst einmal scheitern. Aber er zieht es dann durch und lernt extra segeln. Was ich auch für den Film gemacht habe. Tolles Sein, das Segeln, wie man mit der Natur und dem Wind klarkommen muss, um vorwärtszukommen: gegen den Wind kreuzen oder am Wind segeln. Das hat etwas Philosophisches, Metaphorisches. Auf Pauls Route ist es so: Auf DDR-Gebiet ist er mit dem Wind, auf der Ostsee, Richtung Dänemark, ist dann gegen den Wind.
Die Ehefrau wird aus dem Fluchtplan komplett rausgehalten, um sie zu schützen. Das ist auch so eine Art Vertrauensbruch. Gleichzeitig wird die Liebesbeziehung sehr natürlich und tief dargestellt.
Bei Klaus Müller hat die Ehe übrigens gehalten. Im Film ist Pauls Anne auch eine starke, emanzipierte Frau, eine Ärztin. Aber wir wollten auch zeigen, was es kosten kann, wenn man eine Idee einfach durchzieht. Sie ist im Moment, wo sie von seiner Flucht erfährt, stolz auf ihn, dass er so eine coole Socke ist. Aber sie ist andererseits auch verletzt und traurig, dass das alles von ihm hinter ihrem Rücken geplant worden ist. Und er bekommt mit, dass sie durch ihn als "Republikflüchtling" leiden muss – mit Abhören und Durchsuchungen der Stasi in der Wohnung.

Im Film ist Paul ein Kellner. Ist das so, weil Sie selbst aus einer Wirtsfamilie kommen?
Nein, auch Klaus Müller hat als Kellner gearbeitet. Auf Hiddensee, Usedom und Rügen waren viele DDR-Rebellen Saisonkellner, weil man da auch an Westgeld-Trinkgelder kam.
Sie selbst waren 17 Jahre jung, als die Mauer fiel. Da hatte Ihnen das DDR-System noch nicht allzu viel zugesetzt, oder?
Na ja, es ging bei mir gerade los. Am ersten Schultag in der "Penne" 1989 zum Beispiel trugen alle ein blaues FDJ-Hemd. Vier Freunde und ich hatten aber auf der Zugfahrt in die Kreisstadt zur Schule beschlossen, weiße T-Shirts zu tragen – also "was Amerikanisches". Da standen dann im Saal zweihundert Blauhemden, also Schülerinnen und Schüler in der Kleidung der DDR-Jugendorganisation FDJ – und wir. Und im Direktorat haben sie dann klar gesagt: Wenn wir nicht schlauer agieren, wird das später nichts mit einem Studienplatz. Aber dann kam der Herbst und die DDR brach zusammen. Plötzlich stand uns alles offen, Geld hat man durch Jobben zusammengekratzt – und wir haben uns die Welt angeschaut. Ich habe aber gerade noch so viel von der DDR erlebt, dass ich darüber berichten kann.
Gibt es so etwas wie eine positive DDR-Sozialisation, die man Menschen anmerkt?
Letztlich ist das schwer zu sagen. Die Klassikerantworten auf diese Frage sind ja immer, dass es mehr Gruppensinn gab, mehr Verantwortung fürs Ganze etc. Im Film trifft Paul in Bonn den "Ständigen Vertreter der DDR", also einen Botschafter. Der sagt zu ihm, nachdem er – nach seiner Reise – wieder, wie von ihm immer geplant, zurückwill in die DDR: "Sie haben den Egoismus studiert." Diese "Infektion" lässt aus DDR-Sicht eine freiwillige Rückkehr ohne Verhaftung nicht zu. Vielleicht liegt oder lag da ein Punkt, nicht gleich nur egoistisch zu agieren, wie man es ja in den alten Bundesländern durchaus lernen durfte, um sich selbst zu verwirklichen.
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