Rosenmüllers Animationsfilm "Rotzbub": Willkommen Österreich

Marcus H. Rosenmüller huldigt in seinem ersten Animationsfilm "Rotzbub" dem genialen Karikaturisten Manfred Deix.
| Florian Koch
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Als der Pfarrer die frivolen Zeichnungen des Rotzbuben entdeckt, wird es ungemütlich.
Als der Pfarrer die frivolen Zeichnungen des Rotzbuben entdeckt, wird es ungemütlich. © Filmfest

München - Was macht man als neunjähriger Bursche in seiner Freizeit? Vielleicht mit den Kumpels kicken, Karten spielen oder doch ein bisschen Unfug?

Regisseur Rosenmüller würdigt das Werk des "Triebzeichners" Deix

Manfred Deix hat sich in diesem Alter "künstlerisch" betätigt. Ein Daumenkino gemalt mit einer Frau, die sich in 100 Zeichnungen, nun ja, entblättert. Immerhin: "Das Höschen hat sie anbehalten, weil ich nicht wusste, wie es darunter aussieht", erklärt der bereits mit sechs Jahren als "Nackertzeichner" aufgefallene Schüler später.

Was sich hinter dem Gesamtkunstwerk des 2016 verstorbenen Karikaturisten verbirgt, weiß in Österreich jedermann - auch wenn so mancher Politiker heute noch bei dem Namen Deix einen roten Kopf bekommt.

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Bereits vor acht Jahren begann die Arbeit an dem Animationsfilm "Rotzbub", eine filmische Würdigung des markanten "Triebzeichners". An der künstlerischen Gestaltung war bis zu seinem Tod Deix noch persönlich beteiligt. Bloß nicht zu glatt sollte dieser stark autobiografisch geprägte Film über seine Jugend, seine Weltsicht werden.

Engstirnig-dörflicher Wirtshausdünkel 

Manche dürfte es deshalb auch verwundern, dass Marcus H. Rosenmüller neben dem Animations-Spezialisten Santiago López Jover die Regie übernahm. Der bayerische Filmemacher ist bisher nicht unbedingt für frivole Bösartigkeiten bekannt.

Dabei vergisst man leicht, dass Rosenmüllers Debüt "Wer früher stirbt, ist länger tot" mit seinem anarchisch unangepassten Tonfall genau diesen engstirnig-dörflichen Wirtshausdünkel so treffend beschreibt, den Deix im niederösterreichischen Böheimkirchen auch erlebt hat.

Manfred Deix: In seiner Schulzeit regiert der Frust

Dass "Rotzbub" am Ende wirklich ein mutig rotziger Film geworden ist, zeigen bereits die ersten Sekunden. Mit einem unförmigen Fötus, der nicht so Recht Lust hat, geboren zu werden. Die Lust kommt erst wieder, als der Rotzbub auch an die Leinwand füllende und mit warmer Milch gefüllte Brust der Mama darf.

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In der Schulzeit, der Film spielt in den 60er Jahren im fiktiven, unangenehm beschaulichen Dorf Siegheilkirchen, regiert dann wieder der Frust. Die Eltern, kriegsgeschädigte Wirtshäusler, sind brave Duckmäuser, der allgegenwärtige Polizist ein Suffkopf, der verwandte Kunstmaler ein Schmierfink und dem Friseur mit dem klingenden Namen Kurz schnellt der rechte Arm immer ein wenig zu schnell zum Gruße nach oben.

Immer wieder flackert auch der Fremdenhass auf

Die verquollenen Gesichter und der herbe österreichische Dialekt mögen so manchen Zuschauer anfangs verstören, sie sind jedoch direkt aus dem breiten Figurenarsenal von Deix übernommen. Auch inhaltlich überwiegt in der ungewöhnlichen Coming-of-Age-Geschichte die messerscharfe Zuspitzung. Denn bei aller Scheinheiligkeit, bei allem versteckten Sexismus, flackert auch immer wieder ganz offen der Fremdenhass ("Scheiß Zigeuner") auf.

Schüchtern-unverstandener Rotzbub verliebt sich in Roma-Mädchen

Um den primitiven Kleingeist-Mief etwas abzumildern, haben die Macher von "Rotzbub" Mariolina eingeführt. Ein freches Roma-Mädchen, das als einzige Figur fast disneyhaft weiche Gesichtszüge hat und in das sich der schüchtern-unverstandene Rotzbub auch verliebt. Ein Zugeständnis an die Möglichkeit des Überwindens von Vorurteilen, das vielleicht gar nicht nötig gewesen wäre, jedoch durchaus treffend den Zeitgeist widerspiegelt.


Samstag, 19 Uhr, Gasteig; 21.30 Uhr, Kino am Olympiasee

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