Münchner Kinobetreiber über Zukunft nach Corona: Bleiben Sie neugierig!

Pleitewelle oder Renaissance? Der Münchner Kinobetreiber Christian Pfeil über die Zukunft der Filmtheater nach Corona.
| Christian Pfeil
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Noch gemütlicher als ein Wohnzimmer: Der frisch renovierte Saal 1 des Arena Kinos in der Hans-Sachs-Straße im Glockenbachviertel. Das Kino existiert an der Stelle seit 1912 und gehört damit zu den ältesten heute noch betriebenen Kinos Münchens und weltweit.
Noch gemütlicher als ein Wohnzimmer: Der frisch renovierte Saal 1 des Arena Kinos in der Hans-Sachs-Straße im Glockenbachviertel. Das Kino existiert an der Stelle seit 1912 und gehört damit zu den ältesten heute noch betriebenen Kinos Münchens und weltweit. © Luisa Müller-Hah

Das Kino wurde in der Vergangenheit schon so oft für tot erklärt. Auch mir selbst als Kinobetreiber wurde bereits zehnmal eine Pleite vorhergesagt. Und auch jetzt, in der Corona-Krise, wird unsere Branche mit Negativschlagzeilen überschüttet. Und es stimmt ja auch: 2020 haben wir in den Kinos nur 30 Prozent des Umsatzes vom Vorjahr erreicht. Und 2021 werden wir wieder Verluste schreiben, weil uns bereits einer der wichtigsten Monate des Jahres fehlt, der Januar.

Durchhalten bis Frühjahr mit Förderungen

Aber weiter über die schlechten Zahlen zu jammern bringt uns nicht weiter. Und wenn wir die versprochenen und soweit möglich schon beantragten Förderungen weiterhin bekommen, halten wir bis zu einer möglichen Wiedereröffnung im Frühjahr auch durch.
Mit der voraussichtlichen Eröffnung der Kinos im Frühjahr fangen unsere Fragen aber erst an. Öffnen diesmal alle Bundesländer gemeinsam? Gelten unsere Hygienekonzepte noch? Und an welche Auflagen müssen wir uns dann konkret halten?

Eine Eröffnung mit den Einschränkungen wie im letzten Jahr wäre für uns und die meisten Kollegen ruinös. Sie war in dieser Form letztlich auch nur möglich, weil das Digitalministerium uns mit einem clever konstruierten Ausfallfonds, der sich auch an den Zuschauerzahlen orientiert hat, großzügig und schnell unterstützt hat.

Der Münchner Kinobetreiber Christian Pfeil.
Der Münchner Kinobetreiber Christian Pfeil. © Priscillia Grubo

Mit einer Kapazität von 25 Prozent unserer Sitzplätze kostet uns jeder offene Tag nämlich mehr Geld als wir verdienen. Außerdem widerspricht das unserem Produkt, denn Kino ist ein Gemeinschaftserlebnis, da sollte ich mich nicht vor anderen Gästen fürchten müssen.

Dieser Befürchtung kann ich aber auch gleich entgegenhalten, dass bei uns - wie auch den meisten Kinos, die ich kenne - vernünftige Belüftungen existieren.

Was machen Produzenten und Verleiher?

Eine weitere Frage ist, wie sich der Markt nach der Corona-Pandemie verändert haben wird, wir machen das Kino ja nicht allein. Aber was machen die Produzenten und Verleiher? Gerade die großen Studios werden bis zum Sommer hoffentlich gelernt haben, dass man in der Summe im Internet doch viel weniger Geld mit Filmen verdient als im Kino. Und nur mit einem Einsatz der Filme in den Kinos sind die hohen Produktionskosten am Ende überhaupt zu refinanzieren.

Nutzen möglicherweise kluge deutsche und europäische Produzenten und Filmverleiher die Leerstellen in unseren Programmen, um sie mit relevanten Filmproduktionen zu füllen? Oder schicken sie uns nur die Filme, die ohnehin gerade fertig sind und nicht an einen Streamingdienst verkauft werden konnten? Diese Fragen müssen sich andere stellen, da kann ich nur mutmaßen.


Aber die wichtigste Frage für die Zukunft des Kinos wird sein, wie sich das Publikum verhalten wird. Ist Ihnen das Streamen auch zu langweilig geworden? Sind Ihnen die Programmvorschläge vom "Netflixalgorithmus" leid? Ich glaube schon.

Mir jedenfalls schlägt der datenreiche Streamingdienst nur Filme vor, die mich garantiert nicht interessieren. Und stellen Sie sich, liebe Leser und Leserinnen, mal eine Welt vor, in der nur noch der Computer oder der Vorstand von Netflix entscheidet, welcher Film erfolgreich ist und wie ihr Geschmack zu sein hat! Dann hätte es solche Kinowunder wie "Monsieur Claude und seine Töchter", "Full Metal Village", "Systemsprenger" oder "Ziemlich beste Freunde" vielleicht gar nicht gegeben.

Nur im Kino entscheiden wirklich die Zuschauer

Denn nur im Kino entscheiden wirklich die Zuschauer, was ein Hit wird, allein dadurch, dass Sie an die Kinokasse kommen. So funktioniert doch Demokratie!

Natürlich werden Kinos schließen müssen, aber aktuell beobachte ich nur, dass Kollegen aufgeben, die es ohnehin schwer gehabt hätten in der Zukunft. Weil sie einen maßlosen Vermieter haben oder den Kontakt zum Publikum längst verloren haben.

Gerade München hat auch schöne Beispiele dafür, wie sich das Kino immer wieder neu erfindet. Mit großer Freude beobachte ich die Entwicklung des "Neuen Maximkino". Hat das Kino bis vor einigen Jahren das Wunder vollbracht, nahezu ohne Renovierung und ohne Publikum zu existieren, kam mit der tollen Neueröffnung der neuen Leitung mit Herz, Pragmatismus und Humor auch das Publikum zurück. Das ist ein schönes Beispiel für gelungene Stadteilkinoarbeit.

Kino hat immer dann Zukunft, wenn es beweglich bleibt und sich mit seinem Publikum weiterentwickelt. Auch wir haben nach mehr als 30 Jahren bloßer Instandhaltung unseren großen Kinosaal im Arena so gestaltet, wie man es vor 100 Jahren getan hätte. Der Saal ist ein Erlebnis, und ich kann es kaum erwarten ihn meinem Publikum zu zeigen.

Bis dahin kann es gut sein, dass wir vorübergehend Open Air Kinos in diesem Sommer stützen müssen. Dabei wäre es schön, wenn die Stadt München dafür unkompliziert Flächen anbieten würde.

Open Air Kinos: Ruhebedürfnis kurzfristig zweitrangig

Wir haben auf so viel Kultur verzichten müssen, da ist das Ruhebedürfnis des einen oder anderen Anwohners kurzfristig zweitrangig. Wir jedenfalls wären flexibel, ein echtes Filmerlebnis zu unterstützen. Ich hoffe nun sehr, dass alle Beteiligten in der Film- und Kinobranche sich unter den Eindrücken der Krise zusammensetzen und den nötigen Reformstau beheben, alte Zöpfe abschneiden und das Kino in eine angemessene Zukunft führen.

Dabei halte ich durchaus vom Kino betriebene Streamingangebote für möglich, auch wenn die nur als zusätzliches Angebot zu sehen sind und nur ein kleiner Schritt in Richtung Zukunft sein können. Dabei wäre es wichtig, sich nicht an Blütenträumen von Kinokalkulationen der Jahrtausendwende festzuhalten.

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Ich halte das gemeinsame Erleben von Geschichten im Kino für ein elementares kulturelles Grundbedürfnis der Menschen. Das sollten wir nicht unter den kurzfristigen Eindrücken einer Krise über den Haufen werfen. Sicher müssen Kinos auch noch in der ersten Zeit nach der Krise unterstützt werden. Da allein an den Markt zu glauben, wäre schlichtweg naiv.

Allerdings wäre die Politik gut beraten, das auch zu tun. Denn so günstig wie mit dem Kino bekommt man ein Kulturerlebnis nicht. Und wenn ein Kino einmal weg ist, wird es teuer, es wieder zu erfinden.

Wenn Sie, liebe Leser und Leserinnen, ihr Kino in der Nachbarschaft erhalten wollen, gibt es einen einfachen Trick: Bleiben Sie neugierig auf das, was sich Ihr Kinobetreiber als Programm und Erlebnis ausgedacht hat. Und kommen Sie wieder, sobald es möglich ist.

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