"Monte Veritá - Rausch der Freiheit": Neurotische Frauen in Berglandschaft

Bürgerliche Aussteiger finden vor über hundert Jahren in der Schweiz eine Kommune: "Monte Veritá".
| Robert Braunmüller
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Der Bürgerlichkeit entkommen: Hanna Leitner (Maresi Riegner) auf einem Felsen auf dem Monte Verita.
Der Bürgerlichkeit entkommen: Hanna Leitner (Maresi Riegner) auf einem Felsen auf dem Monte Verita. © tellfilm, Grischa Schmitz, DCM

In der Naturheilanstalt oberhalb von Ascona trafen sich um 1910 Lebensreformer, Pazifisten, Künstler, Schriftsteller, Vegetarier, Ausdruckstänzer und andere Anhänger alternativer Bewegungen. Stefan Jaegers Film "Monte Veritá - Rausch der Freiheit" erzählt die Geschichte dieses Orts anhand einer Bürgersgattin aus Wien, die sich - angeregt durch den Psychoanalytiker Otto Gross - hier von ihren neurotischen Ohnmachtsanfällen und einer Ehe mit schlechtem Sex befreit.

Ehefrau flieht aus der Vergewaltigung in der Ehe

Die Stärke dieses Films ist die atmosphärische Schilderung bürgerlicher Verhältnisse im Wien des Fin-de-Siècle mit dunklen Holzvertäfelungen, Triebunterdrückung und sehr viel Plüsch. Herr Leitner, ein erfolgreicher Porträtfotograf, ist kein durchwegs schlechter Mensch, aber wie er seine Rechte im Schlafzimmer einfordert, ist aus heutiger Sicht reichlich ekelhaft. Seine Frau Hanna (Maresi Riegner) möchte auch gerne fotografieren, aber ihr Mann unterbindet das auf eine herzlos-brutale Art und Weise, als wäre die Donaumetropole eine Außenstelle von Saudi-Arabien.

Hanna flieht aus der Vergewaltigung in der Ehe in die Naturheilanstalt, wo ihr Psychoanalytiker gerade versucht, seine Drogensucht auszukurieren. Die Welt auf dem Monte Veritá ist zwar im Vergleich zu Wien textilbefreit, den entscheidenden Schritt muss Hanna aber selbst tun.

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Freude für Fans des Fin-de-Siècle

Die Sanatoriumsbetreiberin Ida Hofmann (Julia Jentsch) erweist sich als mütterliche Mentorin, Hermann Hesse (Joel Basman) nervt mit seinem präpotenten Geschwafel, Lotte Hattemer (Hannah Herzsprung) wird dramaturgisch schlecht eingeführt und bleibt den ganzen Film über so rätselhaft wie ihr mysteriöser Tod.

Viele Szenen orientieren sich an überlieferten Bildern. Das ist gut in die Handlung integriert, weil Hanna in Ascona wieder zu fotografieren beginnt.

Wer das eine oder andere Buch über den Monte Veritá gelesen hat, wird nicht peinlich berührt - was bei solchen halbdokumentarischen Filmen eine Seltenheit ist. Auch Kenner des Fotografenhandwerks alter Schule dürften keine Fehler entdecken. Für Fin-de-Siécle-Nerds ist "Monte Veritá - Rausch der Freiheit" eine Freude. Der Rest des Publikums könnte sich womöglich arg langweilen.


Kino: Studio Isabella, Arena, City
R: Stefan Jäger (D, 116 Min.)

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