"Magaluf Ghost Town" auf dem Dok.Fest: Leben, wo andere Urlaub machen

Ein hart melancholischer Abgesang auf einen Massentourismusort: "Magaluf Ghost Town" beim Dok.Fest.
| Margret Köhler
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Zwei Einheimische auf dem Weg zum Strand.
Zwei Einheimische auf dem Weg zum Strand. © Dok.Fest

München - Mallorca, für die einen Traum, für die anderen Albtraum. Nicht nur Deutsche stürmen die beliebte Ferieninsel, sondern auch junge Briten, die in den nur 4.500 Einwohner zählenden Ort Magaluf einfallen: Geisterstadt im Winter und dann Zentrum des Billigtourismus, wo eine Million amüsierwütiger Urlauber pro Saison die Sau rauslassen, sich vollsaufen und gerne "Balconing", das Springen vom Balkon in den Pool, betreiben.

Verstörende Ansichten von Alkoholexzessen und provozierendem Sex

Dieser irrwitzige "Sport" kostete allein 2018 sechs Menschen das Leben. Auf der berüchtigten Feiermeile Punta Ballena flackern nachts die Neonlichter, stinkt es morgens nach Urin und Blut, Polizeiautos und Rettungswagen rasen durch die Straßen.

Miguel Angel Blanca, Filmemacher und Bandsänger, liefert verstörende Ansichten von Alkoholexzessen, provozierendem Sex in der Öffentlichkeit oder komatösen Schnapsleichen am Strand, gibt aber auch Einblicke abseits von Krawall und Remmidemmi in eine Normalität und in den Zwiespalt der Einwohner.

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Sie brauchen den Tourismus als Einkommensquelle und lehnen ihn gleichzeitig in dieser abstoßenden Variante ab. Der Versuch, mit diesem Gegensatz zu leben, fällt schwer. Zwei Welten existieren nebeneinander. Für die einen ist Magaluf eine Woche lang das Paradies der Hemmungslosigkeit, für die anderen eine höllische Sommerinvasion.

Immobilienmaklerin träumt von Umwandlung der Party-Hochburg in ein schickes Miami

Drei Einheimische stehen im Mittelpunkt: Eine ältere, gesundheitlich angeschlagene Witwe und früheres Zimmermädchen, die in ihrem Untermieter aus Mali einen geduldigen Gesprächspartner findet und sich an bessere Zeiten erinnert. Eine russische Immobilienmaklerin, die auf die Umwandlung der Party-Hochburg in ein schickes Miami mit privaten Golfplätzen hofft und Käufer mit Eisschränken in der Größe eines SUV "fürs Bier" ködert.

Ein schwuler Student, der sich als Model die Moneten verdient und auf eine Schauspieler-Karriere spekuliert und mit seinem Kumpel ungerührt pennende Zecher ausraubt, sich in (fiktionalen) Rachespinnereien und abergläubischem Wunschdenken verliert.

Am Ende möchte man überall hin - nur nicht nach Magaluf

Für junge Ortsansässige bleibt wenig Zukunft, ob Arbeit oder Studium, alles dient den Touristen, wie es mal bitter heißt. Imponierend die Kamera mit Bildern, die das Grauen lehren: Riesige, Käfige ähnelnde Hotelkästen, die wie Menetekel in den Himmel ragen, dazwischen enge Straßen, wo man sich eine Inszenierung von Eugène Ionescos "Die Nashörner" vorstellen könnte, vor den heruntergekommenen Bettenburgen halbnackte Wesen, die über die Promenade taumeln und sich erleichtern.

Und wenn der fassungslose Migrant aus Mali mit rot blitzendem Krönchen auf dem Kopf als Toilettenmann versucht, Ordnung in die koksende und kotzende Meute zu bringen, möchte man überall hin, nur nicht nach Magaluf. Angesichts der beklemmenden Aktualität des durch dokumentarische und fiktionale Momente hybriden Films stellt sich die Frage, ob dieses globale Urlaubsmodell nicht ausgedient hat.

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