"Lieber Thomas": Zwischen beiden Deutschlands

Andreas Kleinert erzählt das Leben des Schriftstellers Thomas Brasch in "Lieber Thomas".
| Margret Köhler
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Jella Haase als Katarina und Albrecht Schuch als Thomas Brasch.
Jella Haase als Katarina und Albrecht Schuch als Thomas Brasch. © picture alliance/dpa/Wild Bunch Germany

"Wo ich lebe, will ich nicht sterben. Aber wo ich sterbe, da will ich nicht hin." Zitate von Thomas Brasch, dem unangepassten DDR-Autor, der sich gegen das Regime stellte und sogar von der Filmhochschule flog. Dabei war ihm als Sohn eines Funktionärs und späteren stellvertretenden DDR-Kulturministers, der 1946 aus England in die sowjetische Besatzungszone zurückkehrte und den Sozialismus aufbauen wollte, ein anderer Weg vorgezeichnet.

Jella Haase spielt Katharina Thalbach

Die Kadettenschule der NVA (Nationale Volksarmee) konnte ihn nicht von der Idee abbringen, Schriftsteller zu werden, auch wenn seine Arbeiten immer wieder auf dem Index landeten, schon sein erstes Stück verboten wurde. Als er 1968 gegen den Einmarsch der Russen in Prag demonstrierte und Flugblätter verteilte, verriet ihn der eigene Vater an die Stasi und brachte ihn ins Gefängnis. Für den Träumer und poetischen Rebellen, dem die Frauen zu Füßen lagen, war kein Platz im autoritären System, und nach der Unterzeichnung der Resolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, ging er mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach (Jella Haase als "Katarina") nach West-Berlin. Albrecht Schuch ist die ideale Verkörperung dieses von Selbstzweifeln gequälten Literaten, nach dem Deutschen Filmpreis für seine Hauptrolle in "Berlin Alexanderplatz" und die Nebenrolle in "Systemsprenger" sollte die dritte "Lola" für diesen Parforceritt sicher sein.

In brillantem Schwarz-Weiß und im Breitwandformat entwirft Andreas Kleinert das Porträt eines charismatischen Menschen, der überall aneckte, sich auch im Westen das Maul nicht verbieten ließ und sich damit nicht nur Freunde machte. Unvergesslich ist seine Rede bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 1981 in München für seinen Debütfilm "Engel aus Eisen", wo er gegen die politischen Verhältnisse auch in der BRD zu Felde zieht, sich bei der Filmhochschule der DDR bedankt, was zu Buh-Rufen und Pfiffen im Publikum führte. Gefasst lächelte der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß und dankte ihm süffisant, dass er sich als "lebendiges Demonstrationsobjekt" der Liberalitas Bavarica vorgestellt habe.

Nach DDR-Untergang: Thomas Brasch verschwindet in der Versenkung

Nach ersten Erfolgen zog sich das neue Hätschelkind der westdeutschen Intellektuellen und Medien zurück, verweigerte sich der Instrumentalisierung. Mauerfall und Untergang der DDR ließen ihn ausgebrannt und innerlich zerrissen in der Versenkung verschwinden, das geplante Mammutwerk von über zehntausend Seiten blieb unvollendet. Sein Tod 2001 hinterließ eine Lücke.

Kleinerts Film folgt Brasch von der Kindheit bis zu den letzten Tagen, füllt Leerstellen mit fiktiven Charakteren, die auf wahren Personen basieren. Er erzählt nicht nur die Geschichte einer Künstlerfamilie, sondern auch Zeitgeschichte, die Geschichte einer Nachkriegsgeneration und bringt das komplexe Werk von Brasch wieder in Erinnerung, weckt hoffentlich Interesse daran.

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Die Liebeserklärung gibt keine ultimative Antwort über diese ambivalente Ausnahmepersönlichkeit, die an sich selbst scheiterte und am Ende in Alkohol und Drogen flüchtete. Spannend und gleichzeitig entlarvend ist der Blick in das kulturell-intellektuelle Milieu der DDR wie in das der BRD. Beide lehnte er ab. Wie heißt doch in einem seiner berühmtesten Sätze so trefflich? "Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin."


Kinos: City, Monopol, ABC; R: Andreas Kleinert (D, 157 Min.)

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