Interview

Kristen Stewart spielt Jean Seberg: Richtig handeln aus Instinkt

Kristen Stewart spielt die Filmikone Jean Seberg, die strahlte, sich engagierte und dann vom FBI fertiggemacht wurde, weil sie zu modern war.
| Margret Köhler
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"Sie wurde gehetzt wie ein Tier. Das hat mich geschockt." Kristen Stewart als Jean Seberg.
"Sie wurde gehetzt wie ein Tier. Das hat mich geschockt." Kristen Stewart als Jean Seberg. © Foto: Prokino

Kristen Stewart ist nicht zu bremsen. Vor mehr als zehn Jahren brachte sie als Bella, die sich in den "Twilight"-Verfilmungen in einen Vampir verliebt, Teenies fast um den Verstand. Inzwischen hat die 30-Jährige ihr Leben im Griff, lässt sich weder auf sexuelle Präferenzen noch auf Rollen festlegen, tritt in leichten Komödien wie "3 Engel für Charlie" auf, aber auch in französischen Independent-Produktionen wie "Die Wolken von Sils Maria", was ihr einen "César" einbrachte.

In Benedict Andrews Psychogramm einer Schauspielerin "Jean Seberg - Against All Enemies" spielt sie die Leinwandlegende der Nouvelle Vague als sensible Kämpferin und Politaktivistin, mit Strahlkraft und Verletzbarkeit. Ihre Performance trägt das filmische Denkmal für diese Kultfigur, die trotz Mut am System zerbrach. Und im nächsten Jahr steht sie als Diana, Königin der Herzen, in "Spencer" vor der Kamera.

AZ: Mrs Stewart, kannten Sie das tragische Schicksal von Jean Seberg?
KRISTEN STEWART: Ich kannte sie eigentlich nur als das "Herald Tribune"-Zeitungs-Girl in Jean-Luc Godards "Außer Atem" und als Ikone der Nouvelle Vague. Zur Vorbereitung habe ich mir noch weitere Filme und Interviews mit ihr angesehen. Sie strahlt eine Wahnsinnsenergie auf der Leinwand aus, eine faszinierende Unschuld und ist unheimlich präsent - jedes Mal anders. Eine fortschrittliche und starke Frau, die 1968 in die Fänge des FBI gerät, weil sie die Bürgerrechtsbewegung der Black Panther unterstützt und eine Liaison mit dem schwarzen Aktivisten Hakim Jamal hat. Diese Leute haben ihr die Karriere ruiniert, sind in ihre Privatsphäre eingedrungen, haben in der Wohnung herumgeschnüffelt, Telefone abgehört und Wanzen installiert, sie gehetzt wie ein Tier. Die Hintergründe haben mich geschockt.

Was gefällt Ihnen an dieser Figur?
Jean lässt sich nicht in eine Schublade stecken, überrascht immer wieder. Sie ist eine Ikone, smart und bescheiden, keine Intellektuelle, sondern ein Gefühlsmensch, der aber für seine Überzeugungen kämpft, sich für Menschlichkeit einsetzt. Sie wollte immer alles, und zwar sofort. Für die damalige Zeit war sie auch eine Vorreiterin in puncto Gleichberechtigung, das machte damals einigen Angst. Frauen mit ihrer Lust an Freiheit und Unabhängigkeit schienen gefährlich, brachten sie doch die männlichen Machtstrukturen ins Wanken. Ich mochte auch ihre Ehrlichkeit, dass sie sich nicht prüde hinter falscher Scham versteckte, sondern mit ihren Affären eine sehr moderne Moral auslebte und ihrem Instinkt folgte. Aber, und das sollten wir nicht vergessen, sie zahlte einen hohen Preis, war einsam und selbstzerstörerisch.

Sollten Künstler überhaupt politisch Stellung beziehen?
Dazu gibt es keinen Zwang. Jeder muss selbst entscheiden. Aber meiner Meinung nach sollte man sich als Künstler politisch positionieren und sagen, was Sache ist, statt nur laue Statements zu verbreiten. Für mich persönlich reicht es nicht, nur im Studio zu glänzen. Ich brauche eine Beziehung zum Publikum und dazu gehört es auch, Farbe zu bekennen. Am Flughafen nutzte Jean die Möglichkeit, ihre Solidarität zu zeigen und hob ihre Faust in einer Gruppe von schwarzen Aktivisten: der Auslöser des Vernichtungsfeldzugs gegen sie. Ich fand es beeindruckend, wie sie sich in die Sache stürzt, ihren Instinkt entscheiden lässt und keine Angst zeigt. Sie war hungrig nach Veränderung, wollte nicht mehr warten. Wer sich engagiert, muss sich allerdings darüber klar sein, dass man sich die Karriere versauen kann. Den Mund lasse ich mir jedenfalls nicht verbieten. Im Gegenteil.

Jean Seberg im Hollywoodfilm von 1968 "Birds in Peru".
Jean Seberg im Hollywoodfilm von 1968 "Birds in Peru". © imago/Cinema Publishers Collection

Stars haben Vorbildfunktion. Fühlen Sie sich da etwas unter Druck, immer das Richtige zu tun?
Der eine klappert laut, der andere leise. Aber jeder sollte sich über seinen Einfluss bewusst sein. Wir stehen im Rampenlicht und tragen ein Stück Verantwortung.

Statt der Sensations-Presse wie damals geben jetzt die Sozialen Medien den Takt vor. Verschlimmert sich dadurch die Situation?
Ich bin in keinen Foren aktiv, nutze keine Sozialen Medien. Aber man kann sich ihnen nicht entziehen, sollte aber nicht hektisch auf jede Falsch-Information reagieren, da wäre man rund um die Uhr beschäftigt. Ich vermeide, mich über Klatsch und Tratsch aufzuregen und jede dumme Bemerkung auf die Goldwaage zu legen. Ich lasse mich von dieser Art Kritik nicht ins Bockshorn jagen. Wir sollten die Sozialen Medien nicht überbewerten und nicht immer nur darauf achten, was andere über uns denken.

Die Überwachungsmethoden bis in den privaten Bereich hinein, die gezielte Diffamierung. War das nur typisch für die damalige Zeit?
Der Mief und Muff der 50er Jahre lag noch über dem Land, trotz aller Demonstrationen gegen Rassentrennung oder Vietnamkrieg. Natürlich war alles illegal, was diese FBI-Typen trieben: reine Gewalt, total irrwitzig und eine unmenschliche Quälerei, die niemand verdient hat. Jean wurde bewusst psychisch destabilisiert, bis ihre Strahlkraft erlosch. Als Optimistin hoffe ich, dass sich so etwas nicht mehr wiederholt. Aber wer weiß, ob nicht jedes falsche Wort von uns irgendwo registriert wird und uns ein Geheimdienst schon lange im Visier hat. Die notwendige Kompromissfähigkeit, ein Scharnier für das Funktionieren der Gesellschaft, bleibt auf der Strecke. Wir leben in einer sehr polarisierten Welt.

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Wo es heißt "Make America great again". Ein falsches Versprechen, oder?
Die Idee vom "amerikanischen Traum" geistert immer noch in vielen Hirnen herum: der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Ein totaler Unsinn. Aber er hält die Menschen bei Laune, umnebelt die Ratio. Dabei geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf. Diese Botschaft von Chancengleichheit ist eine lächerliche Lüge. Leider weckt sie trotzdem falsche Hoffnungen und sediert.

Der "Twilight"-Wahnsinn war Ihre große Karrierechance. Wie denken Sie im Nachhinein darüber?
Der Wahnsinn ist noch nicht vorbei. Noch heute rennen Fans hinter mir her, wollen Fotos und Autogramme. Ich gehe jetzt gelassener mit dem Rummel um. Früher habe ich die PR-Maschinerie bedient und auf Fragen geantwortet, obgleich ich keine Antwort parat hatte, nur um Erwartungen zu erfüllen. Das erscheint mir inzwischen alles weit weg, total abgefahren. Trotzdem denke ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge daran zurück. Es kommt mir vor, als würde ich ein Buch aus alten Zeiten aufschlagen.


Kino: Astor im Arri, Cinemaxx, Leopold, Monopol und City (auch OmU), Theatiner (OmU), Museum (OV) R: Benedict Andrews (USA, 103 Min.)

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