Im Taxi mit Kreisky zum Nockherberg: Was Christian Ude über das Geheimrezept des Erfolges des Roten Wien erfährt
Nein, den jungen Bruno habe ich natürlich nicht mehr gekannt. Aber den alten Kreisky dafür umso besser. Und der hat über den jungen gerne erzählt. Aber das war nicht selbstverständlich. Denn der junge war ziemlich radikal, gemessen am alten. Und dann auch noch gleichzeitig höchst bürgerlich: ein Mann mit erstaunlicher Spannweite. Aber wie kam es überhaupt zu meiner Bekanntschaft mit Kreisky, immerhin einem ausländischen Regierungschef? Durch eine Mehrzahl von Zufällen und das Münchner Sauwetter obendrein.

Im Münchner Kommunalwahlkampf 1978 - es sollte für lange der einzige bleiben, den die SPD verlor - war ich ihr Pressesprecher und eines Tages ganz aufgeregt, weil uns der überaus erfolgreiche österreichische Kanzler, der schon 1971 und 75 die absolute Mehrheit gewonnen hatte, im Wahlkampf helfen wollte, wozu in der „Bonner Baracke“ wegen unseres „linken Rufs“ damals fast niemand mit Rang und Namen mehr bereit war. Kreisky stand damals europaweit für Wachstumspolitik und Vollbeschäftigung - natürlich kreditfinanziert, aber mit durchschlagendem Erfolg.
Das wollten wir ausnützen, und luden gleich alle Chefredaktionen Münchens in die Privatwohnung des OB-Kandidaten Klaus Hahnzog ein, wo man sich schon einmal etwas näherkommen sollte. Ich durfte derweil den Kanzler mit Taxi und Polizeibegleitung vom Flughafen Riem abholen. Welche Ehre! Welche Chance, als Rechtsreferendar einen Regierungschef nach Strich und Faden auszufragen.

Womit wir allerdings nicht gerechnet hatten, war einer der größten Schneestürme, den ich je in München erlebt habe. Der Verkehr kam völlig zum Erliegen. Totaler Stillstand folgte immer wieder der gelegentlichen Schrittgeschwindigkeit. Immer wieder kamen die Polizeibeamten zu Fuß zu unserem Taxi, um zu erzählen, dass sie mit ihrem Latein am Ende seien. Da helfe kein Blaulicht und keine Sirene.
Ich fand das großartig, denn ich konnte Kreisky stundenlang ausfragen. Ob er wirklich in seiner Jugend so radikal gewesen sei, wollte ich wissen. Das Thema gefiel ihm sichtlich nicht, denn er hätte lieber über seine spektakulären Wahlerfolge gesprochen (denen 1979 noch ein dritter folgen sollte!). Aber er konnte uns ja keine Antwort schuldig bleiben.

Also ja. Er fing schon als Schüler mit der Politik an: bei der Sozialistischen Arbeiterjugend. Marxistisch geschult, wobei er das persönlich nie übertrieben habe. Stets vom „roten Wien“ geprägt, wobei ihm vor allem die Wohnungspolitik imponiert habe. Da habe Wien aber seiner Zeit weit voraus sein können, weil es schon damals ein Bundesland war und Gesetze selber machen konnte: vor allem Steuergesetze, die es erlaubten, den Reichen Sondersteuern aufzuerlegen, die dann in den kommunalen Wohnungsbau flossen, wobei die Sozialwohnungen auch für immer Sozialwohnungen bleiben durften und nicht - wie unter Adenauer und Erhard - möglichst schnell privatisiert werden mussten.
Aha, lernte ich bei einer Taxifahrt, so macht man das - aber es half mir später gar nichts, weil München kein Bundesland ist und eine große deutsche Bundestagsmehrheit nie etwas von dauerhaft bleibenden Sozialwohnungen wissen wollte.
Über den Wohlstand seiner elterlichen Familie sprach er auch nicht gerne, da sei - wie immer bei Juden - maßlos übertrieben worden. Aber „gutbürgerlich“ könne man schon sagen.
Und wie war das mit der Unterdrückung wegen linker Jugend-Aktivitäten? Da wurde er ernst und scharf: Der Sozialistenprozess von 1936, der ihm 15 Monate Kerker eingebracht habe, sei politischer Justizterror gewesen, ausgeübt vom austrofaschistischen „Ständestaat“. Man muss sich das einmal vorstellen: Über ein Jahr Kerker und stets Angst. Und bei uns jammerte die „revolutionäre Jugend“ schon, wenn sich wegen eines „Berufsverbots“ eine Verbeamtung hinzog. Da haben die Altvorderen in der Partei schon ganz anderes aushalten müssen, ging es mir durch den Kopf.

Nur im skandinavischen Ausland habe er nach der qualvollen Haft Freiheit finden können. Da wurde mir sofort klar, warum die drei Repräsentanten der Sozialistischen Internationale so eisern zusammenhielten: Willy Brandt, Bruno Kreisky und Olof Palme. Es waren skandinavische Erlebnisse, die sie zusammengeschweißt hatten.
Das Gespräch war schon so vertrauensvoll, dass ich jetzt etwas ganz Kritisches ansprechen konnte: „Stimmt es eigentlich, dass Du etliche Altnazis im Kabinett hast?“ fragte ich. Zu meiner Überraschung hat er es nicht bestritten, sondern erklärt: „Mir sind einige Ehemalige im Kabinett lieber als empörte Millionen in der Opposition. Also faire Angebote: Wer konstruktiv mithelfen will in der Demokratie, soll das tun können.“ Das war für mich schwere Kost, aber darauf war er bestens vorbereitet: „Ihr Deutschen seht das kritischer: Bei euch wird ein Ehemaliger gleich selber zum Kanzler gewählt“, sagte er bitter-zynisch zum Fall Kurt Georg Kiesinger. „Oder ins Kanzleramt“ zum Fall Globke, der sich in der Nazizeit um die Nürnberger Rassegesetze „verdient“ gemacht hatte.
Ist es nicht wirklich befremdlich, wie schnell wir angesichts der bundesdeutschen Vergangenheit lieber mit dem Finger auf andere zeigen?
Inzwischen hatten wir uns geeinigt, das Reiseziel der Kandidatenwohnung aufzugeben und gleich - immer noch im Schritttempo - zur Abendversammlung auf dem Nockherberg zu fahren. Dort warteten schon Schaulustige auf unseren Wagen, der ja wegen der Polizeibegleitung leicht zu erkennen war. Plötzlich jubelte er: „Da ist ja die Luzi!“ Meinte er wirklich die Freundin meiner älteren Schwester vor der Eingangstür? Tatsächlich. Er war mit ihr und ihrem Ehemann Horst und dessen Vater, der auch schon sein Zahnarzt war, engstens befreundet, er sprach von seinen „Wahlverwandten“ .

So wurden wir bis zu seinem Tod 1990 immer wieder nach Wien eingeladen - und dort kümmerte sich in Kreiskys Auftrag der Bildungssekretär der SPÖ Wien um unser Bildungsprogramm - ein gewisser Michael Ludwig, der jetzt Bürgermeister und damit auch Landeshauptmann ist, also auf deutsch Ministerpräsident des Bundeslands Wien.
1987 wurde ich beauftragt, für den Kanzlerkandidaten Johannes Rau Wahlkampf zu machen mit der „Zeitung am Sonntag“, die zwar nur wenige Ausgaben, aber immerhin 13 Millionen Auflagen erreichte. Kreisky war sofort bereit, mich in seiner Wohnung in der Armbrustergasse zu einem Interview zu empfangen. Natürlich ging es im Wahlkampf-Teil um seine Lieblingsthemen Wirtschaft und Vollbeschäftigung, hinterher - im privaten Teil - aber auch um den Nahen Osten. Wir waren ja seinerzeit parteiübergreifend stolz auf die guten Kontakte von Hans-Jürgen Wischnewski in den arabischen Raum, der als „Ben Wisch“ gefeiert wurde, aber dem Juden Bruno Kreisky wurde vor allem in Israel verübelt, dass er nicht parteiisch genug sei, sondern auch nach dem Schicksal der Palästinenser und den Voraussetzungen der Zwei-Staaten-Lösung frage.
Ich denke, dass wir uns mehr mit Bruno Kreisky befassen sollten, gerade auch mit dem nachdenklichen, ausgeglichenen älteren Staatsmann, der im Nahen Osten gerade als Jude nicht als Scharfmacher auftreten, sondern bei der Suche nach Entspannung und Versöhnung helfen wollte, so schwer das auch sein mag. Er hatte dabei keinen großen Erfolg, aber welche Wirkungen erzielten die Scharfmacher beider Seiten?
6. Oktober, 20 Uhr, Rio Palast, Rosenheimer Platz, Sondervorführung von „Bruno - Der junge Kreisky“ mit Publikumsgespräch und Christian Ude
