Filmfestspiele in Venedig: Die Nacht der Entscheidung

Einer der besten Filme bislang läuft bei den Filmfestspielen in Venedig außerhalb des Wettbewerbs.
| Adrian Prechtel
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Cassius Clay, fotografiert von Malcolm X, feiert seinen Weltmeistertitel und wird bald Muhammad Ali sein.
Cassius Clay, fotografiert von Malcolm X, feiert seinen Weltmeistertitel und wird bald Muhammad Ali sein. © Patti Perret/Biennale Venezia

Festivalprogrammierungen geben oft Rätsel auf. Allen voran die Frage, warum manche Filme außerhalb der Hauptreihen und des Wettbewerbs gezeigt werden? Es gibt nachvollziehbare Gründe. Weil ein prominenter Regisseur mit Star-Cast zwar gerne eingeladen wird, aber keine Lust hat, am Ende gegen einen abseitigen Kunstfilm leer auszugehen. Oder, weil das Format nicht passt, wie gerade der Kurzfilm von Almodóvar mit Tilda Swinton. Jetzt aber wurde "One Night in Miami" am Lido gezeigt, merkwürdigerweise "Fuori Concorso", obwohl er das Zeug gehabt hätte, Preise abzuräumen.

Intelligentes, spannend verdichtetes Kammerspiel

Es ist der Debütfilm der schwarzen Schauspielerin Regina King (Oscar für "If Beal Street Could Talk") und erzählt die Geschichte von der - hier kunstvoll verdichteten - Nacht des 25. Februars 1964. Cassius Clay hat gerade erstmals die Boxweltmeisterschaft gewonnen. Schwarzenagitator Malcolm X ist bei ihm und gewinnt ihn im Moment des Triumphs für die "Nation of Islam", er wird Muhammad Ali. Auch die Footballlegende Jim Brown ist nach Florida gekommen und wird sich am Ende der schwarzen Bewegung anschließen. Und sogar der supererfolgreiche Softsoul-Sänger Sam Cooke bekennt sich nach einer Auseinandersetzung mit dem charismatischen Malcolm X zu seinen schwarzen Wurzeln und schreibt den Identitätssong "A Change Is Gonna Come".

Das alles wäre konstruierter Political-Correctness-Kitsch. Aber der Film ist dafür ein viel zu intelligentes, spannend verdichtetes Kammerspiel. Denn alles wird im Motelzimmer von Malcolm X intellektuell und emotional erkämpft, so dass der Zuschauer sich selbst entscheiden muss, ob er die Faszination des Islam für zwangs-christianisierte Sklavennachfahren versteht, oder die Wut, oder die Sehnsucht nach Normalität durch Anpassung an die weiße Mittelklasse.

Die "Black-Lives-Matter"-Bewegung konnten die Filmproduzenten dabei vergangenes Jahr noch gar nicht vorhersehen.

"Liebe Genossen": Hart-realistisches Kino

Zwei völlig unterschiedlich interessante Filme haben sich gleichzeitig im Wettbewerb um den Goldenen Löwen gezeigt. Der polnische Film "Never Gonna Snow Again" von Malgorzata Szumowska zeigt eine reiche Oberschicht, die sich hinter Mauern in protzigen neoklassizistischen Villen gegen jede Realität abschirmt und als Lebensinhalt nur Statussymbole hat. Jeder, dem wir hier in konformer Edelsterilität begegnen, schreit aus Einsamkeit nach Nähe, aus Kälte nach Berührung - nach Erlösung. Sie kommt in Form eines jungen Ukrainers, der illegal eingewandert ist und als Masseur arbeitet. Er wird sich in diesem Film als engelhafter Erlöser erweisen, was dieser eleganten Wohlstandskarikatur eine flirrende, surreale, metaphysische Ebene verleiht.

Hart-realistisch ist dagegen "Liebe Genossen" des Russen Andreij Kontschalowsky, der von dem totgeschwiegenen Arbeiteraufstand in Nowotscherkassk 1962 erzählt. Im Zentrum steht eine regimetreue Lokalfunktionärin, die durch das Zusammenschießen des Aufstands und der folgenden Verfolgungen durch den KGB den Glauben an den Sowjet-Kommunismus verliert. Mit seiner Frau Julia Vysotskaja hat der 83-jährige Regisseur eine derart starke Protagonistin, dass man als Zuschauer die Wandlung gepackt mitvollzieht und sogar ihre nostalgische Stalin-Sehnsucht im wirtschaftlichen Niedergang der Chrustschowzeit versteht. Aber der Film behält durch den Hintergrund des totalitären Vorgehens der Staatsmacht immer eine klare antitotalitäre Haltung. So waren auch die anfänglichen Publikumspfiffe, als im Vorspann das russische Kulturministerium als Mitfinanzier erschien, am Ende überflüssig.

Einer der besten Filme bislang läuft bei den Filmfestspielen in Venedig außerhalb des Wettbewerbs.

Lesen Sie auch

  • Themen:
Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren