Filmfestspiele in Venedig: Behauptete Gefühle

Bei den Filmfestspielen in Venedig lassen die Beiträge dieses Wochenendes unseren Kritiker eher kalt.
| Adrian Prechtel
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Romola Garai liebt als Eleanor Marx leider einen Schlawiner (Patrick Kennedy).
Romola Garai liebt als Eleanor Marx leider einen Schlawiner (Patrick Kennedy). © Scarpa/Filmbiennale Venedig

In den Giardini, wo normalerweise die Kunst-Biennale gezeigt wird, ist in diesem Corona-Jahr nur eine einzige Ausstellung mit Voranmeldung zu sehen: "Le Muse Inquiete" - mit dem Thema, wie die Biennale in ihrer Geschichte gesellschaftliche Umbrüche und Unruhe gespiegelt hat. Und da stößt man auch auf Pasolinis Film von 1964 "Das Evangelium nach Matthäus", mit Dokumenten über die Presseschlacht, Protesten der katholischen Kirche und internen Diskussionspapieren.

Aber letztlich räumte der Film am Lido damals ab. Der Schweizer Regisseur Milo Rau, der sein politisches, oft dokumentarisches Theater auch schon an den Münchner Kammerspielen gezeigt hat, ist gerade am Lido mit seiner Neuauflage des Films: "Das Neue Evangelium" - in der Nebenreihe "Autorentage".

Rau drehte ebenfalls in Matera, der Felshöhlenstadt der Basilikata, die mittlerweile aber nicht mehr vorindustrieller Slum ist, sondern 2019 Kulturhauptstadt Europas war. So ist diese Neuinterpretation konsequent ins Heute gewandt, wieder gespielt von Laien, die hier Migranten aus Afrika sind. Unter den Jüngern sind jetzt viel mehr Frauen, und "die Vertreibung der Händler" wird zum Plündern eines Supermarktes als heutigem Konsumtempel.

Im Wettbewerb dagegen ist man rückwärtsgewandter: Hier ist am Wochenende das 19. Jahrhundert im Visier - allerdings aus Frauenperspektive: "Miss Marx" ist die Geschichte der Tochter Eleanor, genannt Tussy, des antikapitalistischen Philosophen. Sie (gespielt von Romula Garai) lebt in England ein freies, intellektuelles Leben, das den Kampf des Proletariats fortsetzt mit stark emanzipatorischem Akzent. Privat hält sie an einem untreuen, charmanten, bereits verheirateten und enorm verschwenderischen Typen fest, weil sie ihn liebt, was nicht gut gehen kann und im Selbstmord 1898 in London endet.

Die Regisseurin Susanna Nicchiarelli hat das opulent im Dekor der Zeit eingefangen, durchbricht die allzu klassische Erzählweise nur durch kurze punkige, hämmernde Musikeinlagen und schnelle Dokumentarfotocollagen. Die sollen dem Film einen modernen Drive geben.

Und es schimmert eine zweite Tragik durch: das verdrängte Schuldgefühl, selbst in Saus und Braus zu leben, aber mit den Prekären und Entrechteten, für die man kämpft, keinen Kontakt zu haben. Das wiederum trifft das aktuelle bürgerlich-liberale Lebensgefühl von heute wieder sehr gut.

So war dieser italienische Beitrag viel besser als der amerikanische: "The World to Come" über zwei Farmersfrauen (Katherine Waterston und Vanessa Kirby) Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie verlieben sich, aber natürlich räumt die politische, religiöse und private Situation ihnen keinen Raum für ihre Liebe ein. Das hätte ein lesbischer "Brokeback Mountain" werden können, ist aber unter der Regie von Mona Fastvold nur ein künstlicher Frauenfilm geworden, dessen geleckte Bilder steril sind. Und die andauernde Tagebuch-Offstimme behauptet intensivste Gefühle, die man nie sieht. All das ist so keimfrei, dass der Zuschauer nicht mitfiebert oder mitleidet, sondern kalt bleibt. Und genau das sollte Kino vermeiden.

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