Filmfestival Cannes: Kino voll gesellschaftlicher Kraft

Filme von François Ozon, Joachim Trier und Nadav Lapid beim Filmfestival von Cannes.
| Adrian Prechtel
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Sophie Marceau und André Dussolier im Sterbehilfedrama "Tout s'est bien passé - Alles ist gut verlaufen" von François Ozon
Sophie Marceau und André Dussolier im Sterbehilfedrama "Tout s'est bien passé - Alles ist gut verlaufen" von François Ozon © Cannes-Festival

Man könnte über Quoten reden - unausgesprochene und eingeforderte: Im Wettbewerb sind nur vier Regisseurinnen unter den 24 Filmemachern, und drei davon sind Französinnen, was plus vier französische Regisseure sieben Beiträge ergibt, die aus Frankreich kommen. Das klingt erst einmal nicht besonders international. Und weil seuchenbedingt nur Wes Anderson und Sean Penn über den großen Teich kommen werden, gibt es in diesem Jahr nur zwei US-Produktionen im Schaulaufen um die Golden Palme.

Europäisches Kino zeigt sich experimentell

Das wiederum macht Cannes in diesem Jahr interessant, weil die Spannung anhält, was das Weltkino letztlich ohne die sonst dominante Traumfabrik ist. Und da ist der Bogen weit gespannt: vom Tschad bis nach Russland, von Australien bis in den Iran. Und in diesem Rahmen zeigt das europäische Kino, experimenteller zu sein und ein psychologisch wahrhaftiges Erzählkino.

Was schon daran liegt, dass es als hoch subventionierte Kunstbranche hier freier sein kann, was Leos Carax' mit seinem bizarren Musicalmärchen "Annette" schon zu Beginn bewiesen hat. François Ozon hat jetzt die Stärke europäischen Erzählens gezeigt: kunstvoller Realismus, dabei nicht auf Effekt, sondern auf psychologische Tiefe aus.

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Es geht um ein hartes Thema: Sterbehilfe - nicht nur in Frankreich immer noch unter Strafe. Sophie Marceau spielt die Tochter eines dominanten, erfolgreichen Vaters (André Dussolier), der nach einem Schlaganfall seine Tochter im Krankenhaus mit der Bitte konfrontiert: "Hilf mir, das hier zu beenden!"

François Ozon kreiert Meisterwerk der Enthüllung

Was dann folgt, ist ein Meisterwerk. Denn es laufen mehrere Linien gegenläufig, weil je mehr sich die Tochter von dem Wunsch gefordert fühlt und ihn akzeptiert, desto mehr erholt sich der Vater. Je tiefer wir in den Sterbehilfekrimi einsteigen, desto mehr enthüllen sich komplizierte Familienstrukturen aus Liebe und Verletzung, Geschwisterliebe und -rivalität, Dominanz und Emanzipation, in die von der Seite her sogar noch ein homosexueller Strang (typisch für Ozon) hineinwirkt. Denn der reiche Vater hatte früher einen zweifelhaften, heruntergekommenen Liebhaber, der jetzt wieder auftaucht.

Sophie Marceau zeigt starke Präsenz, Charme und Können

"Tout s'est bien passé - Alles ist gut verlaufen" ist dabei unwahrscheinlich elegant erzählt, weil nicht alles auserzählt ist, sondern sich ganz natürlich im Kopf des Zuschauers zusammensetzt. Dabei helfen viele subtile Andeutungen und Gesten, was aber nur funktionieren kann, weil mit Sophie Marceau eine umwerfend gute Schauspielerin den Film trägt, die hier starke Präsenz, Charme, und Können mit allen Schattierungen zeigt. Das krönt ihre seit Teenietagen anhaltende Karriere, und sie nimmt ihr Publikum bei diesem schwierigen Thema ganz wunderbar an die Hand.

Renate Reinsve in "Die schlimmste Person der Welt"

Das ist Kino mit gesellschaftlicher Kraft, ohne irgendwie didaktisch zu sein. Genau das hat auch der Däne Joachim Trier mit "Die schlimmste Person der Welt" geschafft, was nicht wörtlich gemeint ist, weil die norwegische Julia (Renate Reinsve), die gerade 30 wird, ein Spiegel unserer freien Gesellschaft ist: Julia ist sich ihres Lebensentwurfs nie sicher, und so pflastern verlassene Männer ihren Weg. Die wiederum sind, egal ob provokanter, intellektueller Comiczeichner oder netter Familientyp, vom Feminismus eingeschüchtert und haben so der selbstbewussten Frau wenig entgegenzusetzen.

Wobei die Klugheit dieser Tragikomödie darin besteht, auch den Preis dieser Moderne zu zeigen: Freiheit bringt Unsicherheit, schafft ohne konservativen Rahmen mehr Verletzungen und auch das Verbohrte an einer ideologischen politischen Korrektheit wird entlarvt, auch wenn "Die schlimmste Person der Welt" eine tiefsinnige, aber lässige und sexy Feier unserer chancenreichen Freiheit bleibt.

Lapids Wut-Beitrag über den Wandel der Demokratie

Die wiederum ist warnend massiv gefährdet im israelischen Wut-Beitrag: "Ha'berech" von Nadav Lapid, wo ein Regisseur bereits mehr oder weniger subtile Gesinnungsformulare unterschreiben muss, um seine Filme noch fördern oder produzieren lassen zu können. So wird gezeigt, wie eine Demokratie zu einer illiberalen Demokratie werden kann - und damit keine mehr ist. Diese Tendenzen einer kulturellen Gesinnungsgleichschaltung sind bereits vor unserer Haustür in Polen, Slowenien und Ungarn brutal sichtbar geworden.

Kinostart übertrifft alle Erwartungen

So zeigt hier in Cannes das Kino, was es kann: unterhalten, zusammenhalten und uns dabei zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Vitaler kann sich Kino gar nicht nach längerer Pause zurückmelden. Und dazu passt, dass in Deutschland die Erwartungen zum Kinostart nach der Pandemie übertroffen wurden: mit 850.000 Besuchern am ersten Startwochenende Anfang Juli. Und seither läuft es - trotz Hygieneauflagen - weiter gut. Wenngleich auch hier das Popcornkino seinen Löwenanteil hat. Aber wer ins Kino geht, ist noch nicht verloren.

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