Feelgood-Drama "Hillbilly Elegy": Hinterwäldler der Herzen

Wie ticken Trumps Wähler (nicht)? "Hillbilly Elegy" - Ron Howard macht aus J.D. Vances Erinnerungen einen gefühlvollen Unterhaltungsfilm.
| Michael Stadler
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Mehr als White Trash: "Hillibilly Elegy" mit Glenn Close als Mamaw und Tochter Amy Adams als Bev.
Mehr als White Trash: "Hillibilly Elegy" mit Glenn Close als Mamaw und Tochter Amy Adams als Bev. © Lacey Terrell/Netflix

Wer in höheren Anwaltskreisen Karriere machen will, der sollte auch die Reihenfolge kennen, mit der man bei einem Edel-Dinner das Besteck benutzt. Die Augen von James David Vance, kurz J.D. genannt, werden ganz unruhig vor dem ganzen Silberbesteck, das vor ihm auf einem weiß gedeckten Tisch angeordnet ist.

Er und andere Jurastudenten der Yale University haben sich mit Vertretern einiger Elite-Kanzleien zu diesem mehrgängigen Menü eingefunden: Kontakte sollen geknüpft werden; einen der raren Praktikumsplätze wollen die Star-Anwälte in spe ergattern.

Familie zählt sich zum "Hillbilly-Adel" 

In Sachen Tischmanieren - klar, erst kommt das äußere Besteck dran - kann J.D. von seiner Freundin am Telefon belehrt werden. Aber auch sie kann nicht verhindern, dass er zurück am Tisch über seine Herkunft befragt wird und Farbe bekennen muss: J.D.s Familie stammt aus Kentucky; er selbst wurde in Middletown, Ohio, geboren.

Sein Großvater arbeitete in einem der Stahlwerke, von denen heute viele geschlossen sind. Zum "Hillbilly-Adel" zählt sich die Familie, weil sein Vater in der Geschichte der Appalachen-Region eine Rolle spielte. "Hillbilly" - den Begriff nimmt J.D. selbst in den Mund. Als einer am Tisch aber von "Rednecks" spricht, wird er ernst: "Diesen Ausdruck verwenden wir nicht."

J.D. Vance: Er schaffte den Weg nach oben

"Hillbilly Elegy" hat J.D. Vance seinen 2016 veröffentlichten Lebensbericht genannt, was trotz des abfälligen Begriffs der "Hinterwäldler" einen weichen, schönen Klang hat. Elegie, das hat was Edles. Als das Buch 2016 erschien, wurde es als eingehendes Porträt jener weißen Arbeiterklasse bejubelt, die gerade Donald Trump zum Präsidenten gewählt hatte.

Über J.D. Vance konnte man nun erfahren, wie diese "Hillbilles" ticken. Dabei hat der Autor das Privileg, aus der Ferne einen Blick zurück zu werfen. Denn er schaffte den Weg nach oben, diente im Irak, vollendete sein Jura-Studium in Yale, machte Karriere als Finanzmanager im Silicon Valley, um 2017 mit Frau und Sohn doch nach Ohio zurückzuziehen. Dort gründete er eine Non-Profit-Organisation zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und weiterhin grassierender Drogensucht - der verlorene Sohn kam zurück und tat Gutes.

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Howards Film pendelt zwischen zwei Zeitebenen

Vances eigene Mutter war drogenabhängig und machte seine Kindheit zur Achterbahnfahrt zwischen Euphorie und plötzlichen Wutausbrüchen - eine Dynamik, die nun auch die Verfilmung des Buchs durch Ron Howard anzapt, mit Amy Adams als Bev und Glenn Close als Großmutter "Mamaw".

Zudem pendelt Howards Film munter zwischen zwei Zeitebenen hin und her: Da ist einerseits J.D. als Junge (Owen Asztalos), der mit den drogenumnebelten Eskapaden seiner Mutter zurechtkommen muss und selbst auf eine krumme Lebensbahn gerät, bis seine Großmutter vehement einschreitet. Und andererseits J.D. als Yale-Student (Gabriel Basso), der nach seinem vermeintlich peinlichen Dinner-Auftritt doch zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wird, kurz davor jedoch zurück in die Heimat muss, weil ihm seine Schwester per Anruf mitteilt, dass die Mutter im Krankenhaus liegt.

Glenn Close als dickbebrillte Oma 

Eine emotionale Familiengeschichte hat Ron Howard in diesem Stoff gesehen und so inszeniert er das Ganze auch - als gefühlvolles Hollywood-Kino, in der die Stars zeigen können, dass sie sich mit Mut zur Perücke in den White Trash einfühlen können: Amy Adams als lebenslustige, kluge, im Drogenrausch jedoch gefährlich impulsive und in den Irrsinn abdriftende Mutter; Glenn Close als dickbebrillte Oma mit krummem Rücken, die stets eine Kippe im Mund und ein paar Lebensweisheiten auf Lager hat.

Der Film bemüht sich dabei durchaus um einen Einblick in die Existenz von Menschen, die prekär leben und kaum Aufstiegschancen haben.

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Obwohl es Momente häuslicher Gewalt und der Verzweiflung gibt, hält aber nicht nur die Familie zusammen, nein, die ganze Community zieht, wenn es darauf ankommt, an einem Strang, beziehungsweise auf der Straße die Baseballkappe, wenn einer der ihren im Leichenwagen vorbeifährt. Ron Howard, der Filme wie "Apollo 13" oder "A Beautiful Mind" gedreht hat, ist nicht der Regisseur für differenzierte Milieustudien, sondern für aufmunternde Geschichten. "Houston, wir haben ein Problem"? Ja, kann man doch vielleicht lösen!

"Hillbilly Elegy" ein Feel-Good-Drama

Unterstützt von Hans Zimmers atmosphärisch-synthetischem bis heiter fiedelndem Country-Score entpuppt sich "Hillbilly Elegy" als Feel-Good-Drama für den gemütlichen Netflix-Abend daheim. Die Kritik in den USA fiel dementsprechend harsch aus: Ron Howard habe den sowieso schon aus der sicheren Distanz des Erfolgs geschriebenen Memoiren von J.D. Vance auch noch die letzten Kanten abgeschliffen; seine beiden Stars rechnen sich womöglich Oscar-Chancen für ihre Unterschichts-Darstellung aus.

Dabei lässt sich schon sagen: Wer von Glenn Close als verschmitzter, schimpfender, leidender Mamaw nicht ein bisschen gerührt ist, muss schon ein recht herzloser Hinterwäldler sein.


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