Digitale Berlinale: Wehmütig vor dem Bildschirm

Die diesjährige Berlinale fand komplett online statt, so fehlen die Emotionen. Doch die Organisatoren haben das Beste aus der Situation gemacht. Jubeln konnte unter anderem Maren Eggert.
| Margret Köhler
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Goldener Bär für den Besten Film: "Bad Luck Banging or Loony Porn" des rumänischen Regisseurs Radu Jude.
Goldener Bär für den Besten Film: "Bad Luck Banging or Loony Porn" des rumänischen Regisseurs Radu Jude. © Berlinale

Es ist vollbracht! Technisch klappte alles wie am Schnürchen, aber nach fünf Tagen Digital-Berlinale oder "Industry-Event" wuchs die Sehnsucht nach Kino, nervte das Starren auf den Monitor daheim. Filme per Streaming kritisch zu würdigen, die für die Leinwand gemacht sind und erst dort durch Bild und Ton ihre Kraft entfalten, ist eine Gratwanderung und den Künstlern gegenüber manchmal ungerecht.

Berlinale: Das Festival des politischen Films

Zauber und Magie konnte man bei märchenhaften Werken wie Aleksandre Koberidzes "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" nur ahnen. Die Berlinale gilt als Festival des politischen Films, weniger als Sprungbrett für eine internationale Karriere wie Cannes oder Venedig. Das hat sich in diesem Jahr nicht geändert.

Ganz schlimme Ausreißer nach unten fehlten, auch wenn ein Beitrag wie Bence Fliegaufs in Episoden aufgeteiltes düsteres Kammerspiel "Forest - I see you everywhere" in langen Gesprächen, mit ständiger Wischkamera und völlig wirrer Fokussierung auf Hände wie schlecht bebildertes Radio wirkte. Daran ändert auch der "Silberne Bär" für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle für Lilla Kizlinger nichts. Man kann nur hoffen, dass die ausgezeichneten Filme ein Publikum erreichen.

Goldener Bär geht unter anderem an "Bad Luck Banging or Loony Porn"

Die sechsköpfige Jury aus Goldenen Bären-Gewinnern wie dem Italiener Gianfranco Rosi ("Seefeuer", 2016) und dem Iraner Mohammad Rasoulof ("Es gibt kein Böses", 2020) konnte aus 15 Filmen (nur drei Regisseurinnen, zwei gemischte Doppel) wählen, die Chance einen Preis zu ergattern lag also hoch. Maria Speth blieb aber die einzige ausgezeichnete Regisseurin für ihre einfühlsam-kraftvolle Langzeitdoku "Herr Bachmann und seine Klasse". Aus ihrer Perspektive werfen wir einen Blick auf einen Lehrer, der das oft rigide Bildungssystem mit Menschlichkeit und Respekt unterwandert, Migrantenkindern Wege zum sozialen Aufstieg ebnet und sie bestärkt, sich nicht unterkriegen zu lassen.

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Mut bewies die Jury bei der Vergabe des "Goldenen Bären" an Radu Judes "Bad Luck Banging or Loony Porn". Ein deutscher Verleih hat prompt zugegriffen. Rigoros kratzt diese Satire an der Scheinheiligkeit der moralinsauren bürgerlichen Gesellschaft, wenn das ungewollt im Netz gelandete Sex-Video einer Lehrerin Empörung auslöst. Der Angriff auf den sauberen Zeitgeist fordert Positionen heraus, ist laut Jury "ausgelassen, kindisch, geometrisch und lebendig", bricht lustvoll und böse mit gesellschaftlichen und filmischen Konventionen. Bravo für diese Entscheidung.

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Übergabe der Preise im Juni beim "Summer Special" der Berlinale

Ganz anders, nämlich meditativ und poetisch, geht der Japaner Ryusuke Hamaguchi die Probleme unserer Zeit an. In "Wheel of Fortune and Fantasy", verdient ausgezeichnet mit dem "Silbernen Bär Großer Preis der Jury", erzählt er drei Geschichten über den Zufall, von Irrtümern und Illusionen in der Liebe. Von den exquisiten Dialogen mit ihren tief sitzenden Widerhaken kann man nicht genug hören. Der Regiepreis ging an den Ungarn Dénes Nagy für sein Spielfilmdebüt "Natural Light". Ein mit Laien besetztes Drama über eine ungarische Einheit, die im Zweiten Weltkrieg gegen russische Partisanen kämpft. Das Scheitern von Humanität im Grauen der Katastrophe ist nur schwer auszuhalten.

Dass die Beiträge von Dominik Graf, Daniel Brühl und Maria Schrader leer ausgingen, ist schade. Aber darüber hinweg tröstet etwas der "Silberne Bär" für Maren Eggerts schauspielerische Leistung in "Ich bin dein Mensch". Als zwischen Verstand und Gefühl hingerissene Wissenschaftlerin verzaubert sie mit Charme und Selbstbewusstsein. Die Übergabe der Preise erfolgt im Juni beim Berlinale "Summer Special".

Ein Kulturfestival ohne Begegnungen mit den Kreativen

In diesen fünf Tagen dachte man oft wehen Herzens zurück an Momente, wenn im Berlinale-Palast mit seinen rund 1.700 Sitzen der Vorhang aufging, nach einem letzten Hüsteln und aller Hektik aufmerksame Ruhe herrscht, Neugier, Vorfreude und Spannung fühlbar waren. Bei einer digitalen Mini-Ausgabe fehlen dieser "Spirit", die Atmosphäre, das Networking, die spontanen Treffen mit Kollegen, wo man sich gerne den Kopf heißredet über "sichere" Bären-Kandidaten, die dann doch nicht gewinnen. Selbst beim erfolgreichen digitalen Europäischen Filmmarkt (EFM) mit 800 Filmangeboten und zahlreichen Konferenzen, klagten Käufer und Verkäufer über mangelnde Kontakte.

Ein Festival ohne Begegnungen mit Kreativen und dem Kribbeln in der Luft, verdient diesen Namen nicht. Eine komplette Absage konnte sich die Berlinale nicht leisten und das Leitungsduo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian haben das Beste aus der verfahrenen Situation gemacht. Der Rückzug ins Internet war eine Notlösung und sollte einmalig bleiben.

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