"Detroit" - Als mitten im Summer of Love der Hass ausbrach

Katherin Bigelow erzählt in ihrem brillanten Film "Detroit" wie eine Kriegsberichterstatterin von den Unruhen 1967.
| Adrian Prechtel
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Die Aufstände in der Musik-Metropole Detroit 1967.
Concorde Die Aufstände in der Musik-Metropole Detroit 1967.

Man kennt das aus den Fernsehnachrichten. Da laufen Bilder über den Schirm, und man denkt: "Das ist nicht Deutschland!" Aber ob Lichtenhagen, Gladbeck, Elbflut oder Neonaziaufmarsch: Das ist es doch!

In den USA war gerade der Summer of Love, als im Juli 1967 die schwersten Rassenunruhen der US-Geschichte ausbrachen, ausgerechnet in der soulig brummenden Autostadt. "Man ist fassungslos! Ja, aber es passiert gerade hier in Amerika, wir sehen Detroit!", sagen die TV-Kommentatoren zu bürgerkriegsartigen Bildern. Darauf zu sehen sind weiße Invasoren der US-Armee in Jeeps und Panzerwägen mit darauf montierten MGs, mit denen auch gefeuert wird, wenn man irgendwo Heckenschützen vermutet. Und vor den Luken und Zielfernrohren: schwarze Passanten, Barrikaden, geplünderte Läden.

Detroit als geplündertes, ausgebranntes Schlachtfeld

Dabei hatte alles cool begonnen mit einer Willkommensparty in einem illegalen Club für einen schwarzen GI, der gerade aus Vietnam zurück ist. Aber dann: Verrat, Razzia, Verhaftungen – und plötzlich eskalierender Widerstand, Randale, Wut. Die Polizei fordert Verstärkung an, während sich ein immer größerer, gereizter Menschenauflauf bildet: der Funken für einen Flächenbrand, der Detroit in ein ausgeplündertes, ausgebranntes Schlachtfeld verwandeln wird.

Kathryn Bigelow beschreibt wie eine Kriegsberichterstatterin dicht und mit eingestreuten realen TV-Nachrichten eine Eskalation, angeheizt von den verdrängten sozialen und ethnischen Problemen Amerikas. Und ganz nah sind wir an der wahren Geschichte von Larry Reed (Algee Smith). Mit seinem Musikerfreund Fred (Jacob Latimore) kommt er von einer verpassten Chance: Seine Gruppe The Dramatics hatte einen Auftritt vor einem Talent-scout der Plattenfirma Motown. Aber der wird abgebrochen, als plötzlich eine Ausgangssperre verhängt wird. Sie flüchten ins nahegelegene Algiers Motel, wo sie zwei weiße Bürger-Provinzmädels kennenlernen, die mal das verbotene schwarze Detroit erleben wollen. Und weil bei der Zimmerparty ein Typ unter Drogeneinfluss mit einer Schreckschusspistole einen Schuss abgibt, wird der Laden von einem Spezialkommando gestürmt.

Weil es dabei einen Toten gibt, muss ein plausibler Einsatzgrund her. Je klarer wird, dass es weder einen schwarzen Schützen noch eine Tatwaffe auf den Zimmern gibt, desto brutaler versucht der Spezialeinheitsleiter (Will Poulter) eine für ihn günstige Wahrheit zu erzwingen, und eine Gewaltspirale aus Rassismus, Sadismus, Machtrausch und Mord kommt in Gang.

Packender Film über Rassismus und Polizeigewalt

Die ungeheure Spannung bezieht "Detroit" aus der Unberechenbarkeit der aus dem Ruder laufenden Wirklichkeit und dem Ausgeliefertsein, das sich fortsetzt, als die Justiz diesen Fall mit drei unbewaffneten schwarzen Toten im Algier Motel nicht aufklärt, sondern im Nichts verlaufen lässt.

Bigelow hat für ihr Irakkriegs-Drama "The Hurt Locker" 2010 den Oscar gewonnen. "Zero Dark Thirty" (2012) folgte der Osama-bin-Laden-Tötungsmission. Ihr radikal guter "Detroit" spielte jetzt in den USA weniger als 20 Millionen Dollar ein. Vielleicht will Amerika ungern in den Spiegel schauen. Aber für uns Europäer bleibt "Detroit" ein extrem packender Film über Rassismus, Polizeigewalt und die Gefahr sozialer Explosionen – mit der Warnung, es nicht soweit kommen zu lassen, dass wir einmal fassungslos auf ähnliche Nachrichtenbilder aus unserem Land schauen müssen.


Kinos: Arena (OmU), Cinema, Museum-Lichtspiele (beide OV), Gabriel, Münchner Freiheit
Regie: Kathryn Bigelow (USA, 144 Min.)

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