Interview

Charly Hübner über die Serie "Hausen": Ganz nah, ganz isoliert

"Hausen": Eine Serie, die vor der Ausstrahlung im TV in 120 Kinos zu sehen ist! Da muss schon etwas dahinterstecken.
| Florian Koch
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Jaschek (Charly Hübner) und sein aufgeweckter Sohn (Tristan Göbel).
Jaschek (Charly Hübner) und sein aufgeweckter Sohn (Tristan Göbel). © Sky/Reiner Bajo

Es ist die erste für Sky produzierten Horrorserie aus Deutschland. Und der Bezahlsender schickt sie ab morgen ins Kino! Zum einen steht Halloween vor der Tür und zum anderen sorgt Regisseur Thomas Stuber hier wirklich für eindrucksvoll komponierte, kinoreife Bilder, die fast zu schade für den Bildschirm sind.

Im Mittelpunkt des bedrohlich bedächtig beginnenden und sich immer steigernden Mystery-Kammerspiels stehen der wortkarge Jaschek (Charly Hübner) und sein aufgeweckter Sohn (Tristan Göbel), die sich in einem Plattenbau eine neue Existenz aufbauen wollen. Dank der verschlossenen Bewohner ein schwieriges Unterfangen, das immer gefährlicher wird, als der Wohnkomplex ein höllisches Eigenleben entwickelt.

"Hausen" - Interview mit Charly Hübner

AZ: Herr Hübner, "Social Distancing" ist heute Corona-Alltag. Doch auch die Figuren von "Hausen" wirken so distanziert, als hätte es die Pandemie bereits beim Dreh gegeben.
CHARLY HÜBNER: Wir waren mit den Dreharbeiten kurz vor Corona zu Ende, da tauchte Wuhan auf. Unser Produzent Marco Mehlitz sagte zu mir, das sieht doch aus wie bei uns am Set. Damals mussten wir noch lachen, dann haben wir einen Lockdown erlebt. Beim Betrachten der Serie überlagern sich nun Realität und Fiktion. Da Corona während des Drehs aber noch gar nicht Thema war, suchte ich mir für diese dunkle Zeit ein Sinnbild.

Und was war das für eins?
Dass diese Figuren alle in eine Welt hineingeraten sind, die ihrem mentalen Zustand entspricht. Die ringen mit ihrer Vergangenheit. Worüber wir als Menschen des 21. Jahrhunderts im bürgerlichen Kontext stolpern, ist erstmal diese Kälte. Die Figuren haben aber erst einmal ein äußeres Problem: Der Hausmeister muss immer diesen schwarzen Schleim wegmachen, dann spielt die Stromanlage verrückt, der Fahrstuhl wird lebendig. Und schließlich fragt man sich: Ist der überhaupt wirklich da oder ist das nur noch eine Einbildung. Ab wann ist man nicht mehr der, der man glaubt? Und ab wann ist man gar nicht mehr Herr seines Denkens?

In ihrer Rolle sind sie ständig am Reparieren, benutzen wenig Worte. Hat Sie gerade diese Konzentration auf die Körperlichkeit gereizt?
Für mich ist das nicht neu, ich komme ja aus einem Handwerkerumfeld, gehörte aber immer zu denjenigen, die das nicht so gut konnten. Ich war eher fürs Labern und Getränke holen zuständig. Die größte körperliche Anstrengung war für mich, dieses acht, neun Kilo schwere Kostüm mit mir herumzuschleppen. Wenn ich abends den Lappen dann ausgezogen hatte, war ich gefühlt 15 Kilogramm leichter.

Produzenten und Regisseure suchen vermehrt die Grenzüberschreitung

Mit dieser düsteren Horrorserie betritt der Sender Sky in Deutschland Neuland. Haben sich die Sehgewohnheiten dank der Streamingplattformen so verändert, dass auch hierzulande mehr gewagt werden kann?
In unserer Branche gibt es zum einen die Bewahrer, die man braucht, um im Fernsehen das Stammpublikum zu unterhalten. Zum anderen gibt es, wie in diesem Fall, aber auch vermehrt Produzenten und Regisseure, die Grenzüberschreitung suchen. Finanziell und technisch fehlen uns hier aber die Möglichkeiten der Amerikaner und Chinesen, also müssen wir in Deutschland anders denken. Und da ist die Idee von Lago Film und Regisseur Thomas Stuber zu sagen, wir gehen den Gegenweg - in die totale Reduktion.

Und was zeichnet diese Reduktion für Sie aus?
Eine karge düstere Welt, wo alles das, was unser Leben ausmacht, also Fülle, Hektik, Überkomplexität, Chaos, umzukehren. Die Frage ist, wie Menschen in so einer Kargheit miteinander existieren, da muss irgendetwas drüber liegen. Und da findet man im psychoseelischen Bereich unglaublich viele Anknüpfungspunkte, ob das jetzt Schuld ist oder Versagensangst oder Trauer oder Melancholie.

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Schlagzeilen über Menschen, die in Wohnkomplexen erst Wochen nach dem Tod gefunden werden, häufen sich. Versteht die Serie sich da auch als Kritik an einer bedenklichen Entwicklung?
Das klingt mir so realistisch. Der Dreh war ja um Weihnachten herum und deshalb assoziierte ich mit diesem Drehort eine Art Horror-Adventskalender. Man hat 24 Türchen, die ganz nah beieinander liegen und Wohnungen, die durch die Stahlbeton-Bauweise wahnsinnig hellhörig sind und wie ein einziger zusammenhängender Organismus funktionieren. Und trotzdem entsteht hier eine krasse Isolierung wie auch eine extreme Nähe. Dieses Setting ist für mich ein Sinnbild der Welt.

Warum üben diese Plattenbauten trotz aller Probleme immer noch eine gewisse Faszination aus?
Ich finde im Rückblick auf die Serie interessant, dass der Mensch im 20. Jahrhundert solche "Wohnregale", wie wir sie im Osten genannt haben, überhaupt erfunden hat, um auf engstem Raum möglichst viele Sozialwohnungen zu schaffen, damit die Bewohner schön zur Arbeit gehen und ansonsten, etwas böse formuliert, vor sich hindämmern. Für mich als jemand, der vom Land kommt, ist das ein völlig unnatürlicher Lebensort. Aber es gibt auch Menschen, die das lieben und brauchen.


"Hausen": Die Episoden 1 und 2 laufen Do, 22.10., im Mathäser (20.30 Uhr) und im CinemaxX (20 Uhr). Alle acht Folgen dann ab 29.10. auf Sky

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