"Captain Fantastic": Zwischen Verantwortung und Wahn

Viggo Mortensen als Mann, der seine Familie abschirmen will von der verdorbenen Welt: „Captain Fantastic“ zeigt Aussteigeridylle vereint mit grundlegenden Fragen einer doch recht rückständigen Lebenseinstellung.
| Margret Köhler
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Auffallend anders: Der Vater (Viggo Mortensen) ist mit den Kindern zur Beerdigung der Mutter angereist.
UV Auffallend anders: Der Vater (Viggo Mortensen) ist mit den Kindern zur Beerdigung der Mutter angereist.

Keine Schule, kein iPhone oder Xbox-Spiele, keine veganen Experimente. Wenn der älteste Sohn in einer Initiationszeremonie zum Mann wird, gibt‘s rohes Fleisch vom selbst erlegten Wild. Pater Familias Ben Cash hält nichts von zivilisatorischen Sperenzchen, unterrichtet selbst seine sechs Kinder in den unzugänglichen Wäldern Nordamerikas fern von bösem Kapitalismus und Konsumgier.

Das wirkt alles wie ein nostalgisches Hippie-Revival, nur sehr viel konsequenter und geht auf Dauer natürlich nicht gut. Die an Depressionen leidende Mutter hat sich weit weg im Krankenhaus das Leben genommen. Zur konventionellen Beerdigung will ihr konservativer Vater den verrückten Schwiegersohn nicht sehen. Der sich aber nicht einschüchtern lässt und mit seiner rebellischen Mischpoke im klapprigen Bus in Arizona auftaucht und die Trauergäste gehörig aufmischt. Was später mit der Asche der Verstorbenen passiert, sei lieber nicht verraten.

Road-Movie mit Charme der 70er-Jahre

Beim Zusammenprall von rigorosem Idealismus und einer gnadenlosen Wirklichkeit findet Matt Ross über weite Strecken in diesem Road-Movie den richtigen Ton zwischen Tragödie und Komödie, setzt beharrlich auf den verlorenen Charme der 1970er Jahre und zeigt Sympathie für den aus der Zeit gefallenen Aussteiger, macht ihn nie lächerlich.

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Der darf nackig über den Campingplatz laufen und die entsetzten Zeltbewohner beruhigen, „Keine Angst, das ist nur ein Penis“, oder im gewöhnungsbedürftigen knallroten Anzug hart an der Grenze zur Karikatur entlang schrappen.

Dramaturgie dümpelt dahin

Nach dem Abfeuern der anfänglich witzigen Gags schwächelt der Schwung, dümpelt die Dramaturgie dahin, lässt das rasante Tempo nach.

Trotz Verklärung von Aussteigeridylle und Anarcho-Kick steht am Ende die Frage, ob es richtig ist, Kinder in eine Ideologie zu pressen und ihnen eigene Erfahrungen und „Normalität“ zu verweigern, ihnen die individuelle Entscheidungsfreiheit zu rauben.

In der unserer Welt wundert sich die abgeschirmte Bande aber erst mal über all die fetten, Hamburger futternden Leute. „Herr der Ringe“-Held Viggo Mortensen brilliert in dieser Vertreibung aus dem Paradies als bärtiger und Gitarreklampfender Daddy Cool, der erst einmal selbst erwachsen werden muss.


Kino: Monopol sowie Isabella (OmU) und Museum (OV) B&R: Matt Ross (USA, 118 Min.)

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