"Alles was kommt": Schicksal, Würde und Sicherheit

Die Stärke eines bewussten Lebens: Kein Feminismus, kein Melodram, sondern eine Lebensfragen-Studie. „Alles was kommt“ mit Isabelle Huppert und viel Philosophie.
| Adrian Prechtel
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Alles, was kommt, ist im Augenblick für Nathalie vielleicht etwas zu viel. Aber diese Frau hat Stärke und Würde, auch weil die großartige Isabelle Huppert sie spielt.
Weltkino Alles, was kommt, ist im Augenblick für Nathalie vielleicht etwas zu viel. Aber diese Frau hat Stärke und Würde, auch weil die großartige Isabelle Huppert sie spielt.

Ja, manche Filme sind leicht spröde. Aber genau dadurch gewinnt man als Zuschauer etwas. Das beginnt schon in der Figur von Nathalie: Isabelle Huppert erfüllt alle Erwartungen als selbstbewusste Intellektuelle, die Philosophie unterrichtet, Bücher schreibt. Und als verheiratete Mutter schmeißt sie noch den ganzen Familienladen inklusive der Gartenarbeit im Ferienhaus ihres Professorenmannes in der Bretagne.

Bei aller Heldenhaftigkeit wärmt diese starke Frau aber nie unser Herz. Denn dazu ist Nathalie zu pragmatisch, allerdings ohne inhuman zu sein: Gut, sie mag Katzen nicht. Aber sie kümmert sich um ihre verrückte alte Mutter, engagiert sich für ihre Studenten, ist vielleicht zu kühl zu ihren gerade erwachsenen Kindern, die sie intellektuell etwas enttäuschen.

Eine Lebensfragen-Studie einer starken Frau

Regisseurin Mia Hansen-Løve hat aus alledem weder einen feministischen Befreiungsfilm gemacht noch das Melodram einer Frau, die plötzlich ihr Leben neu gestalten muss. Denn ihr Mann verlässt sie wegen einer anderen, die Mutter stirbt, und ihr Verlag hält ihre klugen Bücher jetzt für zu schwer konsumierbar.

Was bleibt? Auch hier ist der Film zu intelligent für eine allzu klassische Dramaturgie: gelungener Alltag, geglücktes Leben, dann Krise und Fall, aber am Ende wieder aufgerappelt und neues Glück? Nein, „Alles was kommt“ ist ein Ausschnitt aus dem Leben Nathalies, wenn auch ein entscheidender. Und die Frage, wie sie ihr Liebesleben neu ordnen wird? Ob sie neue Medien sucht, um zu publizieren, ob sie sich als Alt-68erin wieder politisch engagieren versucht und eine gute Großmutter für ihr gerade geborenes Enkelkind wird?

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Bären-Preis für beste Regie

Alles ist möglich bei dieser starken, attraktiven, intelligenten Frau, die zwar nicht unsere uneingeschränkte Sympathie, aber eine wunderbare Würde hat. In sie verliebt sich leicht sogar einer ihrer besten ehemaligen Schüler. Was sie aber lakonisch unmöglich macht, indem sie im entscheidenden Augenblick ironisch-abkühlend einfließen lässt, sie sei gerade Großmutter geworden.

In die zwischen ihnen bleibende Wertschätzungs-Beziehung ist noch ein politischer Diskurs eingebaut: Es geht auch um die Frage, ob Studentenproteste sinnvoll sind und ob man dem digitalen Kapitalismus entgegentreten oder zumindest ausweichen kann. Denn der junge Mann ist ein Neo-Linker, der mit einer Kommune aufs Land ausweicht. Und philosophische Lebensfragen behandelt der Film nicht nur durch die Situation von Natalie, sondern auch durch ihren Unterricht im Klassenzimmer. Auf der diesjährigen Berlinale hat „Alles was kommt“ den Bären-Preis für die beste Regie bekommen, was überrascht. Denn genau dieser Aspekt ist gewöhnungsbedürftig. Manche Szenen wechseln hart, zwei Zeitsprünge sind unnötig und die Erzählweise ist beobachtend, was den Vorteil hat, dass wir unsentimental klar im Kopf bleiben und uns so fragen lassen können: Wie sind wir vorbereitet auf alles, was kommt? Können wir dem Schicksal eine ebenso große Würde und Sicherheit entgegenstellen?


Kino: Eldorado, ABC, Monopol und Theatiner (OmU) B&R: Mia Hansen-Løve (F, 98 Min.)

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