Cannes vergoldet seine Palmen

In Cannes werden am Wochenende nach einem guten Wettbewerb die Preise vergeben.
| Adrian Prechtel, Matthias Greuling
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Léa Seydoux als Reporterin im Film "France".
Léa Seydoux als Reporterin im Film "France". © 3B

In einer Ausnahmesituation zeigen sich manche Dinge klarer. Denn in normalen Jahren bietet sich Cannes als größtes und bedeutendstes Filmfestival der Welt gerne als Abschussrampe für die Sommersaison Hollywoods an: wenn es um Mainstreamware geht, außerhalb des Wettbewerbs, und wenn es sich um "wertvolleres" handelt, auch innerhalb, wie Sean Penns "Flag Day", die wahre Geschichte der US-Journalistin Jennifer Vogel, die ihren kriminellen Vater porträtiert hat.

Penn gibt hinter der Kamera als Regisseur und vor der Kamera im Gespann mit seiner Tochter Dylan eine stimmige Leistung ab, die hier durchaus ihre Fans fand. Weil aber in diesem Jahr insgesamt coronabedingt die US-Präsenz unterbelichtet blieb, konnte man klarer sehen, was das Weltkino zu bieten hat, ohne andauernd im Schatten von US-Großproduktionen zu stehen. Außerdem hat sich Direktor Thierry Frémaux auf Druck seines Verwaltungsrates weiterhin entschieden, Produktionen für Streamingplattformen auszuschließen.

Streaming-Produktionen bleiben weiter außen vor

Das tat der Qualität keinen Abbruch, und Frémaux programmierte einige Filme, die durchaus verdiente Preischancen haben: etwa das überaus gelungene Drama "Lingui" des aus dem Tschad stammenden Mahamat Saleh-Haroun über eine verbotene Abtreibung nach einer Vergewaltigung. Sean Bakers schrilles Porno-Märchen "Red Rocket", in dem ein Ex-Pornostar sich mithilfe einer 17-jährigen Donutverkäuferin namens Strawberry zurück ins Business bringen will, ist frech und zugleich eines der besten Amerika-Porträts der letzten Jahre.

"Die Geschichte meiner Frau" der Ungarin Ildikó Enyedi, in dem ein Seemann einfach Léa Seydoux anspricht, ob sie ihn heiraten will, und diese Ja sagt, hat eine starke sinnliche Komponente. Freilich ist auch Wes Andersons "The French Dispatch" in all seiner inhaltlichen Fülle durchaus preisverdächtig.

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Wunderbar leicht, aber ein geniale hochmoderne Gesellschaftsanalyse lieferte Norwegen mit dem dänischen Regisseur Joachim Trier: Unter dem ironischen Titel "Die schlimmste Person der Welt" tänzelt hier eine selbstbewusste Dreißigerin durch ihr emanzipiertes Leben, während die Männer politisch korrekt verunsichert nicht mehr recht Tritt fassen oder sich in die schein-sichere Welt der familiären Konvention zurückziehen.

Erst spät im Festival waren die Arbeiten bekannter Cannes-Stammgäste und Palmenpreisträger zu sehen: Etwa Jacques Audiards "Les Olympiades", betitelt nach den großen Apartment-Blocks im 13 Pariser Arrondisement. Dort inszeniert Audiard Sex in allen Spielarten, zu zweit, zu dritt, zu viert, gefilmt in nüchternem Schwarzweiß, manchmal atemlos, manchmal schamlos, immer aber lose miteinander verknüpft und unterschiedlichsten Protagonisten folgend.

Apichatpong Weerasethakul zeigt in "Memoria" Tilda Swinton als Orchideen-Züchterin, die ihrer kranke Schwester besucht, weil diese sich von seltsamen Stimmen verfolgt wähnt. Der Film fügt sich in Weerasethakuls insgesamt recht mystisches Werk ein.

Buh-Rufe für Regisseur Bruno Dumont nichts Ungewöhnliches

Bruno Dumont erzählt in dem schlicht "France" betitelten Film von einer Klatsch-Reporterin (Léa Seydoux), die Job und Karriere unter einen Hut bringen muss, und deren Leben sich rasant verändert, als sie bei einem Verkehrsunfall einen Fußgänger anfährt. Der Film vermittelt dem Publikum ein Wechselbad an Emotionen: Bei der Pressevorstellung gab es abwechselnd Applaus und Buh-Rufe, das ist allerdings für diesen Regisseur nichts Ungewöhnliches.

Man hat hier von den Cannes-Veteranen überwiegend Erwartbares gesehen, ein großer Wurf ist allerdings nicht dabei. Jedoch sind die letzten Titel im Wettbewerb, Justin Kurzels "Nitram" und Joachim Lafosses "Les Intranquilles", vor Redaktionsschluss noch gar nicht gelaufen.

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Was die Jury aus all den Filmen diesen Samstagabend machen wird? Spike Lee ist nicht nur der erste farbige Jurypräsident, er hat auch klar gemacht, dass er es mit dem Cinema engagé hält, einem Kino, das sich auch gesellschaftspolitisch eindeutig positioniert.

Und da fällt vor allem das Meisterwerk "La Fracture" auf, das noch einen doppelten Vorteil hätte: ein französischer Film, dessen Prämierung den Gastgeber gleich mitehren würde, und Catherine Corsini ist eine der wenigen eingeladenen Regisseurinnen.

Trifft "La Fracture" den Nerv der Jury?

In ihrer Tragikomödie porträtiert Catherine Corsini eine sozial unterfinanzierte Gesellschaft, die Proteste erzeugt - in diesem Fall den "Gelbwesten"-Revolutionsversuch.

Die Alltagshelden in Krisenzeiten (wie Krankenschwestern) werden berührend mit ins Zentrum gerückt. Und weil auch noch ein Lesbenpaar in woody-allenhaftem Dauerbeziehungsstreit den Rahmen bildet, ist das Ganze nicht nur aufrüttelnd deprimierend, sondern auch ein bisschen komisch (mit Valeria Bruno Tedeschi als hysterischer Nervensäge mit gutem Herz). Das könnte den Nerv der Jury getroffen haben.

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