Berlinale 2018: Stunde der Parasiten

Die Berlinale-Beiträge "Utoya 22. Juli" über das Breivik-Attentat und "3 Tage in Quiberon" mit Maria Bäumer als Romy Schneider zapfen die Vergangenheit an - mit unterschiedlichem Erfolg.
| Michael Stadler
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Bären-würdig: Marie Bäumer als Romy Schneider im Wettbewerbsbeitrag "3 Tage in Quiberon" von Emily Atef.
Rohfilm Factory/Prokino/ Peter Hartwig Bären-würdig: Marie Bäumer als Romy Schneider im Wettbewerbsbeitrag "3 Tage in Quiberon" von Emily Atef.

Die Berlinale-Beiträge "Utøya 22. Juli" über das Breivik-Attentat und "3 Tage in Quiberon" mit Maria Bäumer als Romy Schneider zapfen die Vergangenheit an - mit unterschiedlichem Erfolg.

Berlin - Erstmal geht alles seinen normalen Gang auf der norwegischen Insel Utøya. Es ist der 22. Juli 2011, fünfhundert Jugendliche vertreiben sich die Zeit im Sommercamp. Dann hören sie von einem Bombenanschlag im Zentrum Oslos. Kurz darauf fallen Schüsse auf der Insel, bis Panik unter allen ausbricht.

Es kommt zu wilden Fluchtbewegungen, erst hinein in ein Gebäude, dann hinaus in den Wald. Kaya, versucht verzweifelt, ihre Schwester zu erreichen, die auch auf der Insel ist. Vergeblich. Im Wald liegt Kaya mit anderen hinter einem Baum, versteckt sich vor dem Schützen. Und auf ihrem Arm, die Kamera fängt es blitzschnell ein, landet eine Stechmücke.

Kaum zu glauben, aber der Moment mit der Stechmücke ist tatsächlich während des Drehs passiert, keine Spezialeffekte, alles echt, erzählt Regisseur Erik Poppe bei der Pressekonferenz zu seinem Film "Utøya 22. Juli". Ähnlich wie Sebastian Schippers "Viktoria" hat Poppe sich an einen Film gewagt, der bis auf ein paar Szenen am Anfang aus einer einzigen, 72-minütigen Kamerafahrt besteht.

72 Minuten dauerte der Anschlag des rechtsextremen Täters Anders Breivik auf ein Zeltlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF, 77 Menschen kamen ums Leben. Über eine fiktive Rekonstruktion versucht der Film, eine Tragödie zu vergegenwärtigen, der, so Poppe, nach knapp sieben Jahre schon wieder das Vergessen droht. Der Stich soll also weiter schmerzen. Das blutsaugende Insekt kann als Metapher gelesen werden für eine Attacke auf junge Leben, auf den ganzen Staatskörper. Es ist aber auch ein Sinnbild für einen Film, der wie andere auf der Berlinale die Realität anzapft, um dem Publikum eine Erfahrung zu vermitteln.

Bilder führen hin zum Horrorfilm

Im Fall von Poppes Film misslingt dieses Experiment. Denn die Bilder, die sich ja automatisch in eine Geschichte der Kinobilder einschreiben, führen am ehesten hin zum Horrorfilm. Die wegrennenden Jugendlichen fliehen vor dem Killer, das Mädchen Kaya, großartig gespielt von Andrea Berntzen, ist eine mitfühlende Heldin wie etwa Katniss in den "Tribute von Panem"-Filmen. Der Täter Breivik, das Monster, kommt filmgerecht erst am Ende kurz in Sicht, in der Ferne. Angst als Spektakel.

Ob die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu einem Erkenntnisgewinn für die Gegenwart führt oder eher ein Thema ausgeschlachtet wird, um mediale Wellen zu schlagen - dieser Grat ist schmal. Die #MeToo-Debatte hat auch auf der Berlinale ihren Platz, aber bald wurden wirklich alle dazu befragt: Robert Pattinson und Mia Wasikowska finden die Diskussion "amazing", Isabelle Huppert freut sich, dass es die Diskussion endlich gibt. Und der koreanische Regisseur Kim Ki-duk wird bei der Pressekonferenz zu seinem neuen Film wie bei einem Tribunal angeklagt. Eine Schauspielerin hat ihn bezichtigt, sie bei einem Dreh geohrfeigt und zu Sex- und Nacktszenen genötigt zu haben.

Ja, die Ohrfeige geschah, das gibt der Regisseur zu, aber nein, von sexueller Nötigung kann keine Rede sein. Zu dieser Anklage wurde er auch schon vor Gericht freigesprochen. So aktuell und berechtigt die #MeToo-Debatte ist – die Presse hat damit auch wieder ihre News.

Romy Schneider nutzte die Presse

Wie Romy Schneider 1981 in der französischen Hafenstadt Quiberon von dem "Stern"-Journalisten Michael Jürgs in einem Interview mit privatesten Fragen bombardiert wurde, kann man auch als Beispiel männlicher Belästigung auf eine fragile weibliche Psyche sehen. Doch als rein parasitär erscheint das Verhältnis von Star und Journalist in dem Wettbewerbsbeitrag "3 Tage in Quiberon" nicht. Zwar verkörpert Robert Gwisdek gnadenlos nüchtern einen Journalisten, der für eine gute Story kaum Hemmungen kennt, aber Emily Atef macht in ihrem Film klar, dass Romy Schneider sich auch offenbaren wollte und die Presse nutzte, aus Angst, als Frau Anfang Vierzig aus dem Interesse der Öffentlichkeit zu gleiten.

Birgit Minichmayr spielt eine Freundin, die sich Atef als einzige Figur ausgedacht hat, und diese Freundin bittet Romy, das Interview doch abzubrechen. Aber die schickt die Freundin raus und bleibt mit Jürgs und dem Fotografen Robert Lebeck im Hotelzimmer.

Für ihren erneuten Auftritt als Romy Schneider hat sich Marie Bäumer bemüht, die Diva gerade nicht zu imitieren: "Nur einen Hauch in die Stimme" legte sie für die Rolle hinein und nahm sich sonst die Freiheit heraus, die Figur intuitiv, aus den Situationen heraus zu entwickeln. Ein berührendes Porträt in Schwarz-Weiß ist entstanden, von einem Star, der sich gerade vor der Kamera des befreundeten Lebecks entfesseln konnte. Atefs Film möchte zu einer inneren Wahrheit vordringen und erzählt differenziert vom Nutzverhältnis zwischen Stars und Presse. Manchmal saugen die Stechmücken, ob sie im Journalismus oder beim Film arbeiten, dann doch manchen leuchtenden Lebenssaft heraus.

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