Berlinale im Transit: Petzold, Huppert und Rupert

Berlinale: Rupert Everett als Oscar Wilde, Isabelle Huppert verführt als „Eva“, und Christian Petzold legt mit „Transit“ einen schillernden Flüchtlingsfilm vor
| Michael Stadler
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Rupert Everett als gealterter Oscar Wilde.
Concorde Rupert Everett als gealterter Oscar Wilde.

Berlinale: Rupert Everett als Oscar Wilde, Isabelle Huppert verführt als „Eva“, und Christian Petzold legt mit „Transit“ einen schillernden Flüchtlingsfilm vor

Manche Zustände halten so lange an, bis der Wunsch, etwas zu verändern, übermächtig wird. Das Kino beobachtet ja gerne Menschen in Krisen, in Übergangsstadien zwischen einer Vergangenheitsfixierung und unbekannter Zukunft. Der Begriff Transit, der Durchgang meint, ist daher ein passender für das Kino an sich.

Der Kampf des Künstlers um Anerkennung

Dem Schriftsteller Sergei Dovlatov darf man in dem Wettbewerbsbeitrag „Dovlatov“ zuschauen, wie er in der Gegenwart feststeckt: Eigentlich ist er ein talentierter Poet, doch er vergeudet seine Schreibfähigkeiten für Reportagen, deren Spitzen den Auftraggebern ein Dorn im Auge sind. Es ist November 1971, Nebel über Leningrad. Der Jahrestag der Revolution wird gefeiert, aber der Autor muss seinen Rebellionsgeist zügeln.
Erst nach seinem Tod sollte Dovlatov zu einem der bekanntesten Schriftsteller Russlands werden. Das erfährt man am Ende über eine Schrifttafel, und so klug manche Dialoge dem Regisseur und Autoren Alexey German Jr. gelingen, so ermüdend mäandert der Film im Ist-Zustands eines um Anerkennung ringenden Künstlers.

Oscar Wilde treibt es melancholisch wild

Ähnlich desperat sieht das Leben von Oscar Wilde in seinen letzten Jahren aus, auch wenn er bei allem Verfall noch reichlich seinen ironischen Witz versprühen kann. Rupert Everett hat „The Happy Prince“, gezeigt als Berlinale Special, selbst geschrieben, inszeniert und gespielt, was dem Narzissmus und dezenten Größenwahn des Dandys Wildes durchaus entspricht. In Paris vegetiert Wilde so dahin, trinkt Absinth, vergnügt sich mit jungen Männern, freundet sich mit Straßenjungen an und schwebt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, ohne dass es noch irgendeine Zukunft gäbe.
Everett spielt Wilde in einer Method-Acting-Manier, als ob er selbst noch mal im Herbst seiner Karriere Marlon Brando nacheifern will. Was toll anzusehen ist. Das rauschhafte Leben nimmt dazu kein Ende und findet seine Entsprechung in einem assoziativen Reigen mit betörenden Bildkompositionen. Aber es bewegt sich nichts mehr, sondern es entsteht das Stillleben eines Künstlers, der dem Alter mit letzter Ironie und gar Gesangskunst trotzt.

Jenseits aller Vergänglichkeit hat Isabelle Huppert nichts an ihrer Verführungskraft verloren. In dem Wettbewerbsbeitrag „Eva“ lässt sie sich als Prostituierte von jungen wie alten Männern kaufen und wirkt wie eine pragmatische Businessfrau, die sich ganz alltäglich mit ihren Lovern unterhält. In der Brechung von (männlichen) Wunschvorstellungen versteht sich Huppert wie kaum eine andere. Aber so recht verständlich ist es trotzdem nicht, dass der junge Bertrand ein obsessives Interesse an dieser Eva entwickelt. Eine gewisse Verwandtschaft im Geiste gibt es: Bertrand arbeitete selbst als Call-Boy. Einen seiner Kunden, ein alter Schriftsteller, entdeckte er tot in der Badewanne und nahm sich dessen letztes Theaterstück.
Das Stück wird ein Erfolg, aber der Betrüger soll ein zweites schreiben, und da es ihm an Talent fehlt, bedient er sich bei den realen Unterhaltungen, die er mit Eva führt. Betrug hat jedoch genauso wenig eine gute Zukunftsperspektive wie Hupperts Eva Gnade kennt.

Isabelle Huppert einmal ganz ohe Arroganz

In der Pressekonferenz zeigt sich Huppert ganz nahbar, antwortet auch auf die obligatorische #MeToo-Frage: dass sie die Bewegung mit Sympathie und Hoffnung verfolge, dass es längst Zeit dafür gewesen wäre und dass sie deshalb auch Filme mache, um Frauen eine Stimme zu geben. Großartig feministisch ist Benoit Jacquots „Eva“ jedoch nicht, sondern eine brave, konventionell gefilmte Adaption des Romans von James Hadley Chase.

Da zeigt sich Christian Petzold mit seinem neuen Film „Transit“ wesentlich experimentierfreudiger. Den Roman von Anna Seghers, den diese einst im Exil schrieb, versetzt Petzold in einen kuriosen Durchzugsraum der Zeiten: Die Figuren sind wie bei Seghers auf der Flucht vor den deutschen Faschisten, aber sie befinden sich im Marseille der Jetztzeit. Zudem begleitet ein von Matthias Brandt gesprochener Off-Kommentar das Geschehen, wobei die nüchternen Worte in ein spannungsreiches Verhältnis zu den tiefgründigen Bildern von Petzolds Stammkameramann Hans Fromm treten.
Eine ganze Schriftstelleridentität übernimmt Flüchtling Georg (Franz Rogowski). Er kommt in den Besitz der Papiere des Schriftstellers Weidel, der sich selbst das Leben genommen hat und in dessen ahnungslose Geliebte er sich verliebt.
Richtigen Drive zur Flucht haben die Figuren nicht. Es geht um Trennungen: Wer wohl schneller den anderen vergisst, der Verlassene oder derjenige, der verlässt – diese Frage wird gleich zweimal gefragt. Wie Gespenster sitzen die Flüchtlinge im Transitraum Marseille unerlöst fest, hoffen auf die Rückkehr von Geliebten, die vielleicht schon tot sind.
Petzold hat „Transit“ seinem langjährigen Freund und Co-Autor Harun Farocki gewidmet, der 2014 überraschend verstarb. „Transit“ war ein Lieblingsroman der beiden. Wer an den Geistern der Vergangenheit festhält, der wartet, steht still. Insofern könnte „Transit“ eine Art der Trauerarbeit sein, ein Durchgangswerk zu einer neuen Schaffensperiode von Christian Petzold.
    

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