Interview

Babylon Wien: Neuer Thriller "Hinterland" im Wien der 1920er Jahre

Der österreichische Thriller "Hinterland" erzählt vom Horror nach dem Ersten Weltkrieg. Ein Interview mit Regisseur Stefan Ruzowitzky.
| Margret Köhler
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"Hinterland" erinnert mit seinem Szenenbild an das expressionistische Kino der 1920er Jahre.
"Hinterland" erinnert mit seinem Szenenbild an das expressionistische Kino der 1920er Jahre. © SquareOne Entertainment

Oscargewinner Stefan Ruzowitzky ("Die Fälscher") präsentiert mit "Hinterland" einen bildgewaltigen, atmosphärisch dichten Thriller.

Nach dem Ersten Weltkrieg kommen die österreichischen Kriegsheimkehrer in ein versehrtes Land, ein ihnen fremdes Wien, erfahren Demütigungen und landen in der Obdachlosigkeit. Der Nationalsozialismus beginnt sein Gift zu verstreuen. Und dann treibt noch ein Serienmörder sein Unwesen. Opfer sind ehemalige Soldaten.

Herr Ruzowitzky, Sie wechseln von Genre zu Genre, vom KZ-Drama über Psychothriller zum Familienfilm, vom Dokumentarfilm bis zur Jagd auf einen Serienmörder.
STEFAN RUDOWITZKY: Mich plagt immer ein bisschen die Angst, etwas zu verlieren, wenn man sich in einem Genre festsetzt. Die im Lauf der Zeit gewonnene Erfahrung kann einem auch auf den Kopf fallen, indem man sich selber einschränkt. Dann hängt man in seiner Komfortzone fest. Deshalb probiere ich - wobei das marketingtechnisch wahrscheinlich nicht so schlau ist - immer wieder gerne etwas Neues aus, versuche, meine Neugier nicht zu verlieren.

Aber gibt es einen "Roten Faden"?
Ich bin einer, der immer so auf Zuruf was macht, da landet ein Projekt auf dem Schreibtisch, wo ich mir sage, warum eigentlich nicht? Damals nach dem Erfolg von "Die Fälscher" kam die Adaption der Kinderbuchreihe "Hexe Lilli". Da habe ich mir gesagt, das ist auch mal ein gutes Gegenmittel nach all dem Leid. Einen Roten Faden gibt es nicht, aber wenn man sich die Filme genau anschaut, sind schon viele Parallelen zu entdecken - von der Figurenkonstellation her und von den Konflikten, die mich interessieren.

Stefan Ruzowitzky: "Trauma von damals spielt eine wichtige Rolle"

Wie in "Hinterland" haben Sie auch in anderen Filmen einen Hang zu gebrochenen Figuren?
Deren Entwicklung ist viel schwieriger, sie sind aber immer spannender als solche, die nichts mehr auszuhandeln haben.

Der österreichische Filmregisseur Stefan Ruzowitzky bei einem Fototermin für den Film "Hinterland", der im Rahmen des 74. Internationalen Filmfestivals in Locarno vorgestellt wurde.
Der österreichische Filmregisseur Stefan Ruzowitzky bei einem Fototermin für den Film "Hinterland", der im Rahmen des 74. Internationalen Filmfestivals in Locarno vorgestellt wurde. © Urs Flueeler/KEYSTONE/dpa

Die Kriegsheimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg finden in "Hinterland" eine ganz andere Welt im Wien des Jahres 1920. Nichts ist mehr stabil, nichts mehr vertrauenswürdig. Was hat Sie da so gereizt?
Es ist ein österreichischer Komplex bis heute, dass wir sagen, eigentlich gebührt uns eine Größe auf internationalem Parkett. Die hatten wir im Kaiserreich und so schlecht war das ja nicht, jetzt sind wir so ein unbedeutender Kleinstaat. Da kommen diese Minderwertigkeitsgefühle gerade gegenüber den Deutschen wieder hoch, diese ganze Mentalität, wir haben keine Chance, das ist ja alles so schwierig. Der Verlust an Größe, das Trauma von damals spielt immer noch eine wichtige Rolle in der österreichischen Seele. Wir haben in Wien diese imperialen Gebäude und fühlen uns trotzdem als Operettenstaat betrachtet. Dabei sind wir doch so wichtig, nur erkennt das niemand an. Auf der anderen Seite ist diese Zeit sehr interessant, nicht so sehr die Roaring Twenties, diese hedonistische Seite, die "Babylon Berlin" beackert, sondern die schreckliche Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, mit ihren Hungernöten, der Abholzung des Wiener Waldes, weil die Menschen nichts mehr zum Heizen hatten. Eine Katastrophe.

Was kann uns die Verbindung von historischem Kontext und Horrorthriller heute noch sagen? Besonders einem jungen Publikum?
Eines der Hauptthemen ist die Männlichkeit. Krieg ist immer so eine urmännliche Angelegenheit. Eine ganze Generation von Männern hat hier durch den verlorenen Krieg größte Schmach und Demütigung erfahren. Sie kommen als Invaliden zurück, sind traumatisiert, die Familien haben sich teilweise aufgelöst, Frauen sie verlassen, die einstige Großmacht war auf eine kleine Republik geschrumpft. In dieser Situation entsteht etwas ganz Gefährliches, was wir heute toxische Männlichkeit nennen.

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Aggression als Reaktion auf Krisensituationen

Sie ziehen auch den Bogen von der brutalen Männerwelt zu zerstörten Seelenlandschaften.
Für ihre Verletzungen gibt es Gründe, darum geht es auch im Film. Männer reagieren auf solche Belastungen und Krisensituationen ganz instinktiv mit blinder Aggression gegen sich selbst oder andere, suchen einen Schuldigen. Dadurch entstehen entsprechend starke politische Bewegungen. Deshalb gibt es im Film nur eine Lichtgestalt, die emanzipierte Gerichtsmedizinerin Dr. Körner, die unseren Protagonisten zeigt, dass es sehr wohl eine Zukunft gibt, keinen Niedergang, sondern nur einen krisenhaften Veränderungsprozess, der Neues und Gutes bringt.

Ruzowitzky: "Ich wollte dieses imperiale Wien"

Inwieweit haben Sie sich für "Hinterland" inspirieren lassen von Werken wie "Dr. Mabuse" bis "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". Fasziniert Sie diese Blütezeit des Films?
Der deutsche Expressionismus zählt zu den Grundpfeilern der Filmgeschichte, eben auch dieses Düstere, dieses Gigantomanische. Aber wir liefern keine Zitatenshow, sondern wir kommen zu denselben Lösungen. Wir zeigen, wie dieser Mann, bei dem alles aus dem Lot geraten ist, die Welt als verzerrt empfindet und gleichzeitig diese Größe sieht. Ich wollte kein biedermeierlich-süßliches Wien, sondern schon dieses imperiale Wien.

Die Welt ist aus dem Gleichgewicht geraten, alles ist krumm, es gibt keinen Halt, keinen Gott, keinen Kaiser und Vaterland mehr.
Genau. Das war die Ausgangsidee. Am Anfang haben die Digital Artists die Häuser mit Rundungen versehen. Das sah für mich nach Disney aus, man hatte das Gefühl, gleich fangen alle an zu tanzen und zu singen. Für mich war es selbstverständlich, diese Verzerrung auch bedrohlich visuell darzustellen.

Blue Screen statt aufwändiger Kulisse 

Sie haben größtenteils vor Blue Screen gedreht, vor blauem nackten Hintergrund. Wie haben die Schauspieler darauf reagiert, das Team, der Kameramann? Sind die nicht verrückt geworden?
Schon ein bisschen. Für die Schauspieler war es keine so große Veränderung. Im Theater stellen sie sich auch vor, ich bin der Prinz von Dänemark in Helsingor. Natürlich hilft es, wenn man die Atmosphäre des Ortes aufnehmen kann, aber die Essenz des Schauspiels ist doch die Konzentration auf den Spielpartner, alles andere ist Imagination. Für den Kameramann und mich war es um einiges schwieriger, weil wir uns immer vorstellen mussten, was passiert im Hintergrund.

Nach Ihrem Auslandsoscar für "Die Fälscher" im Jahr 2008 folgte die Hollywoodproduktion "Cold Blood - Kein Ausweg. Keine Gnade", sie hatten den Fuß in der Tür. Warum haben Sie nicht sofort mit einem zweiten US-Film einen Pflock eingeschlagen? Oder gefiel es Ihnen in Europa einfach besser?
Es gab die Überlegung, rüber zu gehen, aber dann liefert man sich voll aus. Los Angeles bietet ein tolles Leben, wenn man auf der Erfolgsschiene fährt und viel Geld verdient. Ansonsten ist es schwierig und der Aufstieg in der Filmbranche hängt stark vom Zufall ab, wenn beispielsweise ungeplant ein Star mitspielt. Darauf wollte ich mich nicht einlassen. Wenn sich ein passendes Projekt anbietet, würde ich zugreifen. Aber die ganz große Hollywoodkarriere hat nicht geklappt. Den jetzigen Zustand, mal ein internationales oder österreichisches Projekt, mal eine europäische Koproduktion zu drehen, finde ich ideal.

Ruzowitzky: "Man darf kein "One Hit Wonder" bleiben

Vor kurzem hat Ihr Erstling "Tempo" sein 25. Jubiläum gefeiert. Was war das für ein Gefühl?
Einfach schön, wenn ein Film weiterlebt und gut gealtert ist, für einen zeitgeistigen Film nicht selbstverständlich. Damals hat man sich etwas mehr getraut als heute, wurde nicht von Bedenken gepeinigt, es sei zu gefährlich oder funktioniere nicht, weil sich der Film gegen Konventionen wendet. Daraus sollte man lernen, sich nicht zu verengen, sich eine bestimmte Naivität bewahren und die Lust aufs Neue, sich einfach mal in eine Sache zu stürzen. Viele Kollegen machen einen brillanten Erst- oder Zweitfilm und verschwinden dann von der Bildfläche. In meiner Karriere ist auch mal was in die Hose gegangen, aber dann genieße ich es wieder wie bei "Hinterland", wenn ein Film Furore macht, Preise gewinnt und sich international gut verkauft. Man darf kein "One Hit Wonder" bleiben.

Sie drehen auch Serien wie "8 Tage". Inwieweit sind die eine Option für Sie?
Ich drehe gerade für Netflix Episoden der zweiten Staffel der Serie "Barbaren". Das verlangt eine andere Art von Arbeit, man muss in der Regel am Tag doppelt so viel drehen, kann nicht so präzise arbeiten wie beim Spielfilm und hat nicht die Zeit für Detailverliebtheit. Aber es gibt tolle Serien, die ästhetisch oder erzählerisch die Welt verändert haben, um es mal pathetisch zu sagen. Die erste Staffel von "Barbaren" hat weltweit über 37 Millionen Zuschauer erreicht. Mit einem Kinofilm wäre das unmöglich. Eine spannende Herausforderung. Aber die große Liebe gehört immer noch dem Kino.

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