"A Private Portrait" - Überlebensgroß, ohne Widerrede

Die Doku "A Private Portrait" über den US-Künstler Julian Schnabel ist eine einzige Dauerhymne.
| Christa Sigg
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Julian Schnabel bei der Arbeit.
Porfirio Munoz /Weltkino Julian Schnabel bei der Arbeit.

Alles ist hier ein bisschen groß geraten. Fürs normale Maß, also für den Durchschnitt, scheint Julian Schnabel nicht zu taugen. Der entsprechende Satz dazu fällt in Pappi Corsicatos Doku "A Private Portrait" auch schon ziemlich früh: "Als ich jung war, wollte ich ein großer Künstler werden, ohne genau zu wissen, wie meine Kunst aussehen sollte", sagt da der notorische Pyjama-Träger. Und sodann macht er sich mit großer Geste auf seinen mächtigen Leinwänden zu schaffen. Lässig, nie mit sich hadernd, immer pastos.

Er hat es ja geschafft, schneller sogar als von ihm selbst prophezeit. Seine erste Galeristin Mary Boone amüsiert sich heute noch über Schnabels großspurige Vorstellung mit der Bemerkung, in fünf Jahren sei er auf dem Titel des "Artforums". Tatsächlich vergingen nur zwei Jahre, bis ihn das nach wie vor renommierte Kunstmagazin 1979 rausgebracht hat. Groß natürlich, was sonst.

Das Leitmotiv: "Bigger than life"

Überhaupt sei Julian "bigger than life", dieses mehrmals formulierte Leitmotiv des Films wäre sowieso der bessere Titel. Denn alle, wirklich alle bejubeln den 1951 in New York geborenen Maler, und die Reihe der Lobhudler kann sich sehen lassen: von Al Pacino und Willem Dafoe über den Kollegen Jeff Koons, der mit heiligem Ernst seine Huldigungen vorträgt, bis zur empfindsamen Allrounderin Laurie Anderson und Velvet-Underground-Heroe Lou Reed, mit dem Schnabel ganz eng war. Ein "Blutsbruder" sozusagen.

Nicht einmal den abgelegten Gefährtinnen geht Kritisches über die Lippen. Sohn Vito, der zeitweise durch eine Affäre mit Model Heidi Klum aufgefallen ist, wirkt fast ehrfürchtig. Nur eins der sechs Kinder lässt raus, dass sich der Vater vor allem für sich selbst interessiert habe, um ihn gleich wieder ganz toll zu finden. Egal, ob er eine New Yorker Fabrik zum venezianischen Palazzo umbaut oder mit dem Jüngsten schwimmen geht und dabei noch kopfüber von den Klippen springt – alles ist außergewöhnlich.

Künstler mit Mega-Ego

Das zieht in schöner Folge ungeniert am Auge vorbei, Tiefgang, Nachdenkliches gibt es nur, wenn die Sprache auf Julians Vater, einen jüdisch-polnischen Einwanderer auf der Flucht vor dem Holocaust, und besonders die Mutter kommt. Da ist dann nicht alles so aufgeblasen, und für einen Moment meint man, einen Getroffenen, auch einen Suchenden vor sich zu haben. Unter dem Mega-Ego zeigt sich dann der Künstler, der schließlich in einer kleinen Szene als präzise beobachtender Gestalter überzeugt: wenn er noch einmal vor Augen führt, wie seine "Plate-Paintings", die Bilder mit den aufgeklebten Tellern und Scherben, funktionieren, die ihn in den 1980er Jahren ins Zentrum des Kunstmarkts katapultiert haben.

Schade eigentlich, dass gerade Schnabel nicht mehr von diesen Blicken hinter die Fassade zulässt. Er hat durch eindrucksvolle Künstlerfilme von sich reden gemacht. Etwa mit dem poetischen Porträt von Jean-Michel Basquiat (1996, mit David Bowie als Andy Warhol) oder "Bevor es Nacht wird" (2000) über den offen schwulen Schriftsteller Reinaldo Arenas, der im Kuba Fidel Castros Grausiges erlebt. Dagegen hat sich Corsicato nix getraut. Der italienische Regisseur ist mit Schnabel gut befreundet, das mag die Crux sein. Und so wird in einer Tour das Weihrauchfass geschwenkt.


Kinos: Arena, Leopold (beide OmU); Regie: Pappi Corsicato (USA/I, 84 Min.)

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