Interview

Kabarettist Till Reiners über Anti-Corona-Demos: "Spielt halt Rollenspiele!"

Till Reiners gastiert mit seinem Programm "Bescheidenheit" im Innenhof des Deutschen Museums.
| Thomas Becker
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Kabarettist Till Reiners tritt mit seinem Programm "Bescheidenheit" in München auf.
Kabarettist Till Reiners tritt mit seinem Programm "Bescheidenheit" in München auf. © Esra Rotthoff

München - In Duisburg geboren, in Berlin zuhause und heute zu Gast in München: Mit seinem Soloprogramm "Bescheidenheit" tritt der 35-jährige Till Reiners im Innenhof des Deutschen Museums auf. Ein Gespräch über Gelassenheit, Liegestühle, Livestream-Shows und Münchens berlinerischste Bars und Cafés.

AZ: Herr Reiners, noch sind für Ihre Zunft vor allem Open-Air-Auftritte angesagt. Wie sind da Ihre Erfahrungen?
TILL REINERS: Kürzlich habe ich im Freibad gespielt. Ein schöner Ort, Bühne auf dem Wasser. Ich war aber nicht allein, sondern noch mit Anderen. Wenn ich nun mein Soloprogramm spiele, muss man sehen: Hat mein Publikum da Bock drauf? Wie eng ist da bestuhlt? Und wie gemütlich machen es sich die Leute? Im Freibad habe ich dann doch gemerkt, dass die auch Liegestühle haben.

Heißt?
Liegestühle sind ja nicht nur gut. Je unbequemer es für das Publikum ist, desto besser ist es für den Künstler. Das muss man leider so sagen.

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Der Innenhof des Deutschen Museums wird mit handelsüblichen Klappstühlen bestückt sein.
Sehr gut! Stuhl ist schon gut. Je mehr es in die Horizontale geht, desto schlechter ist es. Der Neigungswinkel ist der Stimmungswinkel.

Till Reiners: "Live ist doch immer am Schönsten"

Wie bei den alten Römern, die gern im Liegen aßen.
Genau. Dann ist man als Zuschauer schon in einer so wunderbar schönen Stimmung, dass man als Künstler bloß noch schmückendes Beiwerk ist. Wenn es einem dagegen richtig schlecht geht, braucht man mich als Spaßmacher umso mehr.

Wohl wahr. Wie war das letzte halbe Jahr für Sie, so ohne Bühne?
Die Live-Auftritte habe ich total vermisst. Live ist doch immer am Schönsten. Ich hatte dann das große Glück, dass ich was im Fernsehen machen konnte, bei ZDF Neo und auch einen Podcast. Ich habe mich sozusagen auf die etwas sichereren Sachen verlagert. Absurderweise ist 2020 mein bislang arbeitsreichstes Jahr.

Weil Sie sich auf andere Formen verlegt haben, statt Ihren Stiefel runterzuspielen.
Dadurch, dass wir alle so durchgerüttelt wurden, ging's auf einmal überraschenderweise bei ZDF Neo sehr schnell. Bei den Öffentlich-Rechtlichen sind irgendwie drei Bedenkenträgerebenen weggefallen. Sonst muss man ja auf sämtlichen Ablagen nochmal einen Looping drehen. Aber so hatte ich schnell Arbeit.

Irgendwie muss es ja auch in der kalten Jahreszeit weitergehen. Nur wie?
Unter strengen Auflagen. Das ist die Absurdität des Föderalismus: Teilweise darf ich vor maximal 50 Leuten auftreten - oder vor 300. Das ist so meine Spannweite. Ich versuche ja, gemeinsam mit dem Publikum den Abend zu gestalten, versuche eine Spannung im Raum zu erzeugen. Ich bin sozusagen Reiseführer auf meiner eigenen konstruierten Reise. Und wenn keiner mitgeht, ist das ein bisschen komisch. Als würde ich alleine den Himalaya besteigen und das anmoderieren, ohne dass jemand da ist.

Das sagt der studierte Politologe über Corona-Proteste

Wie gehen Sie als studierter Politikwissenschaftler mit dem grassierenden Irrsinn der Anti-Corona-Demos um?
Das muss man aushalten - und lernen, es in Relation zu setzen. Wenn da 40.000 Verrückte auf die Straße gehen, weiß ich nicht, inwieweit ich aufgefordert bin, nochmal zu gucken, wer weniger verrückt und wer noch mehr verrückt ist und wo das jetzt genau herkommt, sozusagen nochmal die ganze Psychogenese aufzuarbeiten. So liebevoll ist man mit keiner Protestbewegung umgegangen. TTIP war viel größer, die Demo gegen Rechts auch, die gegen den Klimawandel ebenso: Das waren bei der Tagesschau die fünften oder sechsten Meldungen. Je verrückter es wird, desto größer ist die Aufmerksamkeit. Wir müssen ein bisschen gelassener werden und die Relation im Auge haben. Die meisten Deutsche haben überhaupt kein Problem mit Masken.

Den Reichstag stürmen, die Regierung stürzen und die Verfassung kippen wollen: Das sind doch keine Kinkerlitzchen.
Das Internet macht's möglich, dass sich alle Verrückten aus den jeweiligen Dörfern gemeinsam treffen. Schöne Sache, aber ich denke mir: "Spielt halt Rollenspiele, so wie früher!" Man könnte das Ganze ernster nehmen, wenn es konkrete Forderungen an die Politik gäbe. Aber so ist es ein Sammelsurium. Der gemeinsame Nenner ist ein Gefühl: "Biste auch wütend? Ja cool, dann lass uns doch gemeinsam wütend sein auf dem Marktplatz!" Das muss man nicht ernst nehmen, sondern ganz klar sagen 'Nee'. Ich kann es teilweise von den Öffentlich-Rechtlichen nicht nachvollziehen, wenn dem so nachgegangen und nachgegeben wird, wie einem quengelnden Kind an der Kasse. Ernst nehmen heißt auch zu sagen "Nein".

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Drüberstehen, gar nicht erst ignorieren. Aber dennoch politisches Engagement: Ist die von Ihnen 2017 gegründete Partei Re:set noch aktiv?
Nee, schon lange nicht mehr. Das war zur letzten Bundestagswahl, um zu zeigen, wie Politik funktioniert. Aber die Partei gibt's nicht mehr.

Wäre aber gerade in diesen Zeiten vielleicht gar keine schlechte Idee, oder?
Es braucht keine neue Partei, sondern eine Ansprache an junge Leute. Die haben total Bock auf Politik, sich einzusetzen. Durch die Klimadebatte gab's nochmal eine Repolitisierung. Das Happy-Go-Lucky der 90er ist vorbei.

Ernste Zeiten.
Politisch zumindest. Die Welt war auch schon in den 90ern nicht geil, aber da konnte man sich mehr zudröhnen mit Egal-Sachen. Das geht jetzt teilweise nicht mehr, und das ist ja erst mal 'ne ganz gute Entwicklung.

Reiners über München: "Alles so sauber bei euch"

Korrekt. Was wollen Sie den Münchnern vor Ihrem Auftritt noch mit auf den Weg geben?
Das wird ein super Abend! Ich freue mich sehr auf München! Ich habe jetzt meinen Frieden mit der Stadt gemacht.

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Frieden? Gab's denn vorher Krieg?
Ich dachte immer: Alles so sauber bei euch.

Stimmt. Ist es.
Das irritiert mich. So als müsste man noch drei Mal in den Spiegel schauen, bevor man rausgeht. Aber ich habe dann doch gemerkt, dass die Münchner Bock auf mich haben. Mit Anlauf mag ich es ja sehr gerne. Mittlerweile ist München einer meiner schönsten Auftritte. Lustspielhaus, Lach und Schieß: Die Orte sind auch einfach gut. Und ich hab' so ein, zwei Cafés und Bars, die ich sehr gerne mag.

Wir brauchen die Namen!
Die Loretta-Bar zum Beispiel. Die ist voll schön! Da gehe ich immer hin, wenn ich in München bin. Es gibt aber auch das München-Klischee: Wenn sich Anfang 20-Jährige über Anlagetipps unterhalten, mit Wörtern, die ich nicht kenne - da würde in Berlin jeder schreiend zusammenbrechen.

Till Reiners tritt am Donnerstag um 19.30 Uhr im Innenhof des Deutsches Museums auf. Vorverkauf unter 089-344975

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