Interview

Gerhard Polt: "Wer sind die, die CSU wählen?"

Der Anlass für ein neues Album: Gerhard Polt und die Well-Brüder stehen seit 40 Jahren gemeinsam auf der Bühne.
| Mathias Hejny
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Gerhard Polt (links) mit Christoph "Stofferl", Karl und Michael Well.
Gerhard Polt (links) mit Christoph "Stofferl", Karl und Michael Well. © Hans-Peter Hösl

München - Es sind nicht nur 40 gemeinsam auf der Bühne verbrachte Jahre, die mit einem Jubiläumsalbum gefeiert werden, sondern auch 36 Jahre Freundschaft zwischen den bayerischen Anarcho-Volksmusikanten der Biermösl Blosn, seit 2012 umfirmiert zu den Well-Brüdern, und dem rheinischen Deutsch-Punk von den Toten Hosen.

Drei der 13 Titel auf "40 Jahre Gerhard Polt und die Well-Brüder" entstanden beim gemeinsamen Musizieren der so unterschiedlichen Bands. Stofferl Well hat sogar Campino das Zitherspielen beigebracht, erzählten Michael Well und Gerhard Polt unter anderem im AZ-Gespräch.

AZ: Herr Polt, Herr Well, die Jubiläumsshow konnten Sie schon Ende Januar in den Kammerspielen zeigen und kamen dem Virus um wenige Wochen zuvor. Wie erging es Ihnen in der folgenden auftrittsfreien Zeit?

MICHAEL WELL: Am Anfang war ich noch recht optimistisch, dass dieser Spuk schnell vorbei ist. Ich habe es nicht als schlimm empfunden, zu Hause zu bleiben. Wir leben auf dem Land und ich habe Holz gemacht. Es war eigentlich eine schöne Zeit. Aber irgendwann fehlen die Auftritte schon. Wir hatten auch keine Lust, vor Autos zu spielen oder irgendwelche halben Sachen zu machen.
GERHARD POLT:  Wir sind alte Zirkuspferde. Wenn man so lange auf der Bühne stand, hat man dann Entzugserscheinungen. Was mir eine Herzensangelegenheit ist, ist das Wort "Systemrelevanz". Als ich das zum ersten Mal hörte, fand ich das schlimm. Ich wundere mich darüber, dass dieses Wort so wenig erzürnt. Wo bleibt der Shitstorm? Was bedeutet "systemrelevant"? Und wenn man dann aus dem Umfeld erfährt, wie schlecht es manchen Musikern, Schauspielern oder auch Veranstaltern geht, aber Unternehmen wie die TUI drei Milliarden bekommen, kriege ich das nicht zusammen.

Und privat?
Polt: Im Persönlichen bin ich privilegiert. Ich lebe auch auf dem Land, habe eine echte Indianer-Hängematte in den Garten gehängt, die mir mein Schwager, der in Caracas lebt, geschenkt hat, und darin die "Geschichte der Päpste" gelesen. Das heißt, ich lese das noch immer. Und bis ich beim Ratzinger ankomme, brauche ich noch ein wenig Zeit.

Wir feiern jetzt, dass Polt und Well seit 40 Jahren zusammen auftreten. Können Sie sich noch an Ihr erstes Mal erinnern?
Well: Damals wurden wir vom Bayerischen Rundfunk als Exoten durch die Fernsehredaktionen herum gereicht und zu einem Warm-up eingeladen. Da saßen Gerhard Polt, Hanns Dieter Hüsch und Dieter Hildebrandt zusammen an einem Tisch und haben getalkt. Danach haben wir nicht so oft, aber immer wieder zusammen gespielt. Claus Peymann hat uns mal ans Schauspielhaus in Bochum geholt und dann ging es auch mit dem Dieter Dorn in den Kammerspielen weiter.
Polt: Das mit Dorn und mit mir war schon vorher. Ich hatte mit Hanns Christian Müller einen Abend gemacht, und den kann man schon einen richtigen Theaterabend nennen. Dann haben wir zusammen "München leuchtet" gemacht.
Well: Nein, Gerhard, es war so, dass die Premiere von "Amphitryon" ausfiel und wir sind am gleichen Tag noch eingesprungen. Wir spielten vor dem Eisernen Vorhang für das Premierenpublikum und das war unser erster gemeinsamer Auftritt in den Kammerspielen.

Es scheint, ihre Beziehung funktioniert auch nach 40 Jahren.
Polt: Blendend!
Well: Wir wundern uns selbst. Aber wir hatten eine wundervolle Zeit und haben noch immer viel Spaß, miteinander zu spielen. Das ergänzt sich einfach gut.

Ihr Jubiläumsalbum versammelt nicht nur Nummern mit den Toten Hosen, sondern wird auch von JKP, dem Label der Hosen, veröffentlicht. Was verbindet die Wells, den Polt und den Campino?
Well: Wir haben uns 1986 auf dem Anti-WAA-Festival in Wackersdorf hinter der Bühne kennengelernt. Dann hatten die Biermösl Blosn und Die Toten Hosen einen gemeinsamen Auftritt in Plattling, der sehr lustig war. Mit der Zeit trafen wir uns immer öfter. Einmal haben wir zusammen mit dem Gerhard, den Hosen und Hanns Christian Müller im Münchner Volkstheater eine Geschichte gemacht: Die "Second Help Show", improvisiert und ungeprobt.
Polt: Man hat sich ungefähr zwei Mal im Jahr ganz locker getroffen.
Well: Wir sind wirklich gute Freunde. Wir haben jetzt bei diesem Label veröffentlicht, weil wir uns mit diesen Leuten gut verstehen und sie so denken wie wir: souverän, unabhängig, keinen Marktmechanismen unterliegend.

Wo entstanden die Aufnahmen?
Polt: Es sind drei verschiedene Abende. Einmal beim Trachtenverein in Oberwössen in einem Bierzelt, einmal in einem Zirkuszelt in Winterbach und im Admiralspalast in Berlin. Also drei ganz unterschiedliche Milieus.

Die Stimmung hört sich aber immer an wie bei den Toten Hosen.
Polt: Daran sieht man, dass das Bierzelt und so etwas wie der Admiralspalast ähnlich klingen.

Es gibt neben der CD auch eine Doppelvinyl-Ausgabe in einer limitierten Auflage von 3.000 Stück. Wer kauft das?
Well: Das war eine Idee von JKP. Die legen großen Wert auf wirkliche Qualität bei der Gestaltung ihrer Produkte. Und zum Anlass unseres Jubiläums fanden wir die Idee einer Vinyl-Platte sehr gut. Es gibt treue Kundschaft, die das sammelt.

Wie haben Sie die Nummern ausgewählt? Es gibt fast kein historisches Material.
Well: Wir haben uns nicht darum gekümmert, auf einer CD eine Abfolge von 40 Jahren zu bringen. Das geht gar nicht. Es ist eine Mischung aus dem, was wir momentan spielen.
Polt: Es ist auch schwierig, die Sachen, die wir vor 30, 40 Jahren gemacht haben, zu verstehen. Wer kennt denn noch den Streibl?

Damit wären wir bei der CSU. Einer der Gründe für die Auflösung der Biermösl Blosn soll, gewesen sein, dass die CSU auch nicht mehr das wäre, was sie einmal war. Wo sehen Sie Ihren Lieblingsfeind heute?
Polt: Diese Partei ist nicht mehr so ein Monolith wie früher. Da gab es Seilschaften mit großem Einfluss. Dieter Hildebrandt hat mal den Satz gesagt: "Wenn eine Regierung an die Macht will und putscht, besetzt sie zuerst den Rundfunk. Die CSU muss ihn nicht mehr besetzen."
Well: Das hat sich inzwischen verändert. Aber wir machen ja keine Parteigeschichten. Das war nur ein Teil unseres Programms. Uns interessiert immer der Mikrokosmos der ländlichen Gegend, in der wir aufgewachsen sind und wo wir uns auskennen.
Polt: Die Frage war nicht, was ist die CSU, sondern wer sind die, die sie wählen.

Kann Ihrer Meinung nach Söder Kanzler?
Polt: Ich bin kein Visionär. Ich habe keine Ahnung. Wenn ich ehrlich bin, interessiert mich derzeit die Weltlage. Mich interessieren die Typen von Bolsonaro über Lukaschenko und Trump bis Putin. Oder die Frage, wie der Nawalny vergiftet wurde. Dass es diese Welt mit solchen Leuten zu tun hat, interessiert mich viel mehr. Wenn ich zur Zeit fernsehe, dann Al Jazeera auf Englisch oder BBC.
Well: Den Söder verfolgen wir seit frühester Kindheit. Er ist ein typischer Karrierepolitiker, der sich mit sicherem Instinkt hoch hangelt. Seine Politik funktioniert immer ähnlich: Erst prescht er vor und merkt dann erst, dass keiner mitkommen kann. Wenn etwas gut läuft, stellt er sich selbst hin, wenn es schlecht läuft, stellt er Frau Huml hin.
Polt: Und grundsätzlich glaube ich, dass ein Bayer nie Kanzler sein wird. 

Das Album "40 Jahre" von Gerhard Polt und den Well-Brüdern erscheint kommende Woche auf JKP/ Warner Music als CD, Doppelvinyl und digital.

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