Herbert Achternbusch: Alles Gute zum 80. Geburtstag

Schade, dass er nicht mehr ans Telefon geht. Wir hätten Herbert Achternbusch gerne zum 80. Geburtstag gratuliert und ihn nach der CSU gefragt, nach Trump und manches mehr
| Georg Etscheit
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„Schaut’s halt ned so bled, wenn i Herzerl verkauf“ – so in etwa dürfte Herbert Achternbuschs Kommentar gewesen sein.
Schramek/AZ-Archiv 3 „Schaut’s halt ned so bled, wenn i Herzerl verkauf“ – so in etwa dürfte Herbert Achternbuschs Kommentar gewesen sein.
Achternbusch 2015 beim Filmfest.
imago 3 Achternbusch 2015 beim Filmfest.
Ein legendärer Skandal: Achternbusch als Jesus im Film „Das Gespenst“ (1982).
dpa 3 Ein legendärer Skandal: Achternbusch als Jesus im Film „Das Gespenst“ (1982).

München - Schon vor fünf Jahren, zu seinem 75. Geburtstag, war Herbert Achternbusch nicht sehr gesprächig gewesen. Es gehe ihm nicht gut, die Beine, er komme kaum noch die Treppe runter. "Ich mach gar nix mehr, geh nur noch zum Essen und zum Scheißen", sagte Achternbusch am Telefon in seiner bekanntermaßen ziemlich ungeschminkten Art, die Sache auf den Punkt zu bringen. Und jetzt, kurz vor seinem 80. Geburtstag, geht er gar nicht mehr an den Apparat.

Dabei hätte man schon gerne gewusst, was der große bayerische Universalkünstler sagen würde, etwa zur Krise der CSU, an der er sich über Jahrzehnte abgearbeitet hat. Oder zu den Eskapaden eines Donald Trump. Oder zum Brexit. Oder zu all den anderen politischen Irrungen und Wirrungen, die die gute alte Erde derzeit fest umschlungen halten. Doch aus dem Telefon tönt immer nur die gleiche Ansage: "Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht erreichbar."

"In Bayern mag ich nicht mal gestorben sein" – was für eine Liebeserklärung! 

So muss man sich mit dem begnügen, was der Filmemacher, Dramatiker, Maler, Buchautor und Schauspieler Achternbusch hinterlassen hat. Und das ist, gelinde gesagt, nicht wenig: Fast 30 Filme listet seine Filmothek auf, 20 Theaterstücke, 40 Buchpublikationen und Hunderte von großflächigen Bildern.

"Gemalt hab ich immer", erzählte er vor fünf Jahren. Und das sei ihm auch das Liebste, hat er der Abendzeitung einmal in einem schwachen Moment bekannt. Erst vor drei Jahren war eins seiner riesigen Gemälde auf der Kunstmesse "Highlights" am Stand von Gertrud Rudigier ausgestellt – eine Widmung an den Bühnenbildner Jürgen Rose –, und man wusste wieder mal nicht so genau, ob Achternbusch ein schwarzes Ross oder einen Esel dargestellt hat. Typisch. Ein Stachel muss schon immer dabei sein, auch wenn er jemanden leiden kann.

In der Öffentlichkeit ist Achternbusch allerdings weniger als Maler, denn als Schöpfer skurril-subversiver Filme in Erinnerung geblieben. Einer dieser Streifen heißt "Die Atlantikschwimmer" und zeigt zwei ziemlich normal gebaute Männer, nur mit Badehose und lächerlichen Schwimmbrillen bekleidet, wie sie in den oberbayerischen Walchensee hupfen, um von dort aus Amerika zu erreichen. Getreu dem Motto: Du hast keine Chance, aber nutze sie! Ein echter Achternbusch eben. Nonsens mit Hintersinn und einer guten Portion Bodenhaftung. Irgendwo zwischen Karl Valentin, Gerhard Polt und Thomas Bernhard.

Ins Flachland verpflanzt

Mit dem österreichischen Dramatiker verband ihn vor allem seine unbedingte Hassliebe zur Heimat. "In Bayern mag ich nicht mal gestorben sein", schrieb er 1977. Trotzdem hätten ihn wohl keine zehn Pferde weggebracht aus München, wo er bis heute in der Altstadt unweit des Hofbräuhauses wohnt. Wie auch Thomas Bernhard außerhalb von Österreich eingegangen wäre wie eine seltene Hochgebirgsblume, die man ins Flachland verpflanzt.

Herbert Achternbusch kam als unehelicher Sohn einer Sportlehrerin und eines Zahntechnikers in München zur Welt und wuchs im Bayerischen Wald auf. Nach dem Abitur in Cham studierte er ein wenig an den Kunstakademien in München und Nürnberg herum und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, bevor er mit dem Schreiben begann.

Schon mit seinem ersten Roman "Alexanderschlacht" sicherte er sich einen festen Platz in der Literatur-Avantgarde der siebziger und achtziger Jahre. Mit seinen in rascher Folge entstandenen Theaterstücken errang er zweimal den Mülheimer Dramatikerpreis. Sein Zwei-Personen-Stück "Gust" (1986) mit Sepp Bierbichler als aus der Zeit gefallenem Bauern, der im Begriff ist, seine Frau zu verlieren, lief jahrelang erfolgreich an den Münchner Kammerspielen (Unvergessen die Unterhaltung am Sterbebett: "Sag mir ein süßes Wort" – "Honig"). 2017 wurde am Münchner Volkstheater uraufgeführt, abermals ein Bekenntnis zu seiner Heimatstadt und vielleicht so was wie ein Vermächtnis.

Abrechnung mit dem Oktoberfest

Schon in den siebziger Jahren kam Achternbusch in Kontakt zur Szene der deutschen Autorenfilmer um Werner Herzog, Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta. Seine oft mit geringem Aufwand gedrehten Streifen nahmen regelmäßig die so unangepasst-subversive wie obrigkeitshörige und bigotte bayerische Volksseele aufs Korn. In "Der Depp" (1983) ließ er seinen Lieblingsfeind Franz Josef Strauß vergiften, im halbdokumentarischen "Bierkampf" rechnet er mit einem bayerischen Heiligtum ab: dem Oktoberfest.

Als er in "Das Gespenst" Jesus Christus vom Kreuz herabsteigen lässt, um mit Maria eine Kneipe zu eröffnen, war für den damaligen CSU-Innenminister Friedrich Zimmermann das Maß voll. Er verweigerte dem unbotmäßigen Regisseur die Auszahlung der letzten Förderrate, weil dieser das "religiöse Empfinden großer Teile der Bevölkerung" verletzt habe. Längere Zeit bekam Achternbusch daraufhin im Fernsehen kein Bein mehr auf den Boden.

Mittlerweile gehört Achternbusch längst zum Inventar des bundesrepublikanisch-bayerischen Kuriositätenkabinetts. Ehrungen inklusive. Zum 80. Geburtstag hat ihm das Münchner Filmmuseum eine Hommage gewidmet. Und ab Dienstag ist eine Ausstellung im Künstlerhaus am Lenbachplatz zu sehen. Ob ihm das taugen würde? Insgeheim schon, nur zugeben tät er’s natürlich nicht.     

Lesen Sie hier das AZ-Interview mit Herbert Achternbusch zum 70. Geburtstag


Filmmuseum: Im Rahmen der Achternbusch-Hommage wird am Sonntag, 21 Uhr, Andi Niessners Filmporträt über den Künstler gezeigt – u. a. mit Josef Bierbichler, Margarethe von Trotta, Dieter Dorn, Tochter Naomi Achternbusch und natürlich Achternbusch selbst; Stadtmuseum, St. Jakobs-Platz 1, Eintritt 4 Euro. Ausstellung: "Herbert Achternbusch. Fotografien aus 30 Jahren von Barbara Gass", bis 21. Dezember, im Künstlerhaus am Lenbachplatz, Mo bis Fr 9 bis 17 Uhr, zum Teil länger, Eintritt frei, um Anmeldung wird gebeten: Telefon 59 91 84 14

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