Günter Behnisch: Architekt des Olympiaparks ist tot

Günter Behnisch, der Architekt des Münchner Olympiaparks und des letzten Bonner Bundestages, starb am Montag im Alter von 88 Jahren in seinem Haus in Stuttgart.
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Der Architekt Günter Behnisch ist gestorben
dpa Der Architekt Günter Behnisch ist gestorben

Günter Behnisch, der Architekt des Münchner Olympiaparks und des letzten Bonner Bundestages, starb am Montag im Alter von 88 Jahren in seinem Haus in Stuttgart.

Sein architektonischer Stil ist eng mit seiner Biografie verwoben. Seine Entwürfe sind eine Art persönlicher Befreiung von der Vergangenheit. Als einer der jüngsten Marineoffiziere hatte Günter Behnisch die klaustrophobische Enge eines U-Boots hautnah miterleben müssen. Er durchlitt die Folgen des Machtmissbrauchs der Nationalsozialisten auch als Kriegsgefangener in England, bevor er 1947 ins zerbombte Deutschland zurückkehrte.

Seitdem waren für den 1922 in Dresden Geborenen geschlossene Systeme verpönt. Der Berliner Reichstag war für ihn lange ein „Monster“, ein Ausbund „wilhelminischer Machtarchitektur“. Deshalb war Behnisch besonders stolz, als der lichtdurchflutete Bonner Bundestag nach seinen Entwürfen gebaut wurde.

Dem „Bauen für die Demokratie“ hatte sich Behnisch nach einem fünfjährigen Architekturstudium in Stuttgart verschrieben, mit dem Begriff selbst ging er vorsichtig um. „Ich mag die Bezeichnung nicht besonders. Das Wort kann leicht ins Lächerliche gezogen werden“, sagte er. Sein Leben sei vielmehr von Demokratie durchdrungen.

Offen und schnörkellos musste für Behnisch alles sein. Wände hielt er meist für verzichtbar, seine Architektur aus Beton, Holz und Stahlblech, aus Gitterträgern und Klimarohren sollte durchschaubar sein und vielfältig. Die Architektur sollte dem Menschen dienen, der Mensch sollte in der Architektur leben, nicht von ihr beherrscht werden.

Ende der 60er Jahre sah Günter Behnisch Otto Freis filigran konstruierten Montreal-Pavillon und ließ sich davon zu seinem Münchner Olympia-Entwurf inspirieren – mit einer Landschaft vom Reißbrett, dem Münchner Olympiagelände von 1972, einem kühnen Aufruf gegen verbissene Wettkampfrituale in Form von Kuppen, Hügeln und Mulden. Das viel diskutierte transparente Dach sollte ein Zeichen setzen für ein neues Deutschland, das den Geist der Nationalsozialisten überstrahlen sollte. Quasi der Gegenentwurf zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin.

Behnischs Olympiagelände wirkte als Symbol für eine offene Gesellschaft und galt schnell als ein architektonischer Wurf von Weltrang. „In beiden Fällen, Olympiagelände in München und dem Plenarsaal in Bonn, handelt es sich um Bauten, die gesellschaftspolitisch prägend wirken und darum politisch verantwortet werden müssen“, sagte Behnisch zu seinem 80. Geburtstag.

Doch so demokratisch seine architektonischen Entwürfe sind, so querköpfig kämpfte er um die Geschlossenheit des Münchner Ensembles. Mit Erfolg (aus seiner Sicht). Der Kampf um ein neues Fußballstadion schließlich brachte auch die Stadtspitze gegen Behnisch auf. Ende der 90er Jahre war längst klar, dass das zugige Olympiastadion nicht weiter die Heimat für einen internationalen Spitzenclub wie den FC Bayern München sein konnte, WM-tauglich war das Stadion ohnehin nicht. Neubau (woanders) oder Umbau war die Frage, die nicht nur die Fußballfans in München erhitzte. Viele Jahre rang die Stadt um einen Umbau des Olympiastadions, damit der Fußball im Park bliebe – vergeblich.

Erst legte Behnisch Pläne mit einem zweiten Dach vor. 1998 dann sein nächster Versuch, jetzt mit hoch aufgesetztem zweitem Rang über der Gegengerade. Am Ende kam die Radikalvariante, der „Ring" von 2000. Dabei wäre das komplette Stadion unterm Dach neu gebaut worden - doch die Pläne brachen im Hagel der Kritik zusammen. Schließlich stimmten die Münchner bei einem Bürgerentscheid für ein neues Stadion - und der Fußball zog in die Allianz Arena nach Fröttmaning.

So verlor der Park eine seiner größten Attraktionen, aber Behnisch war auch für andere Modernisierungen kaum zu haben. Das Vorhaben, im Olympiasee neben dem Theatron eine Seebühne für bis zu 7000 Zuschauer zu errichten, scheiterte am Veto des Architekten, der auf seinem Urheberrecht für das gesamte Ensemble beharrte. Münchner Konzertveranstalter, die nur wenige Sommertage auf den Königsplatz ausweichen dürfen, beklagen noch immer das Fehlen eines größeren Geländes für Klassik- und Popkonzerte. Das alte Olympiastadion ist nur für absolute Weltstars tauglich, die weit über 30000 Fans anlocken.

Dabei darf München auf Behnischs Werk noch immer stolz sein: Weltweit gibt es kein olympischen Gelände, das auch Jahrzehnte nach den Spielen so gut funktioniert. Selbst Behnisch ging bei seiner Planung ursprünglich davon aus, dass das Ganze eine eher temporäre Angelegenheit wäre.

Nach dem Neubau der Berliner Akademie der Künste am Brandenburger Tor, das Behnisch noch im Alter von 82 Jahren der Künstlergemeinde übergab, war es um den Architekten ruhiger geworden.

Mehrere Schlaganfälle hatten ihm zugesetzt, zuletzt war er halbseitig gelähmt und auf Hilfe seiner Frau angewiesen. Er sei jedoch bis zum Schluss ansprechbar gewesen, sagte sein Sohn Stefan am Montag: „Er hatte ein langes, erfülltes Leben.“ Am Sonntagmorgen starb Günter Behnisch im Alter von 88 Jahren in seinem Wohnhaus in Stuttgart-Sillenbuch.

Volker Isfort

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