Champions, keine Deppen

Glückssucher im Zelt: Eine Dokumentation des Bayerischen Fernsehens untersucht am zweiten Wiesnsamstag den Mythos des Oktoberfests
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Sechs Millionen sind jährlich live auf der Wiesn dabei. Wer das Gedränge scheut, kann sich bei einer Doku des Bayerischen Fernsehens zu Hause einen Rausch antrinken.
BR Sechs Millionen sind jährlich live auf der Wiesn dabei. Wer das Gedränge scheut, kann sich bei einer Doku des Bayerischen Fernsehens zu Hause einen Rausch antrinken.

Glückssucher im Zelt: Eine Dokumentation des Bayerischen Fernsehens untersucht am zweiten Wiesnsamstag den Mythos des Oktoberfests

Mythen sind wahr und falsch zugleich. Wer sie zu Fall bringen will, handelt vergeblich wie Sisyphos. Also hilft nur die teilnehmende Beobachtung, wie sie Kim Koch und Ursula Gruber fürs Bayerische Fernsehen auf sich genommen haben. Sie beginnen ihre Wiesen-Doku noch vor dem Anstich, wenn ein Obermusikant seine Kapelle erinnert, vor dem Einzug der Wiesnwirte zum Bieseln zu gehen, weil sie es im Rausch des Ereignisses vielleicht vergessen haben.

Am Mythos des bayerischen Nationalrausches wird nicht gekratzt. Aber die Autoren blicken genau hin. Siebzig Minuten lang sieht man keine einzige ehrlich eingeschenkte Maß. Selbst im Glas des Löwenbräu-Seniorwirts Wiggerl Hagn ist mehr Schaum als Bier. Und sie hören gut zu: Nüchtern schwadroniert er sich fast um die Sympathie des Zuschauers, wenn ihm in der Erinnerung an das Attentat 1980 vor allem die leere Wirtsbudenstraße am Trauertag schauerte.

Mit dem Bierumsatz wächst die gute Laune des Wirts

Auch neue Mythen stiftete der Film: Den Blues nach dem New Yorker Anschlag der Abstinenzler vom 11. September bewältigten allein die trinkfreudigen Italiener. Eine halbe Minuten lang gibt es auch Dreck und schlechtgelaunte Bedienungen. Man sieht, wie sich das Zelt am Wiesnsamstag nach der Öffnung um neun innerhalb einer Minute füllt und wenig später geschlossen werden muss, was Hagn gar nicht freut, weil die Besoffenen ihre Plätze nicht für andere Durstige freimachen wollen.

Der Verdienst von Schaustellern, Wiesnwirten und Bedienungen bleibt im mythischen Dunkel. Zwei Münchner, die durch eine Wette mit der Wirtstochter Stephanie Spendler einen lebenslangen Freiplatz auf der Empore ergattert haben, sorgen für theoretische Unterfütterung: Der eine beschreibt die die „kommunikative Ebene“ des Gemütlichkeitsprosits, das den Umsatz des Wiesnwirts befördert und zugleich scheuen Menschen die Kontaktaufnahme mit dem Nachbarn erleichert. Sein Spezi lobt das Dirndl, weil es aus jeder durchschnittlichen Frau eine überdurchschnittliche mache. Die Bedienung Irma schätzt dafür gutgefüllte Lederhosn und derb besockte Wadln, die Hagn musterhaft vorfühlt. So werden auf der Wiesn alle glücklich.

Wie entsteht ein Wiesnhit?

Der Löwenbräu-Kapellmeister analysiert den ewig rätselhaften Mythos Wiesnhit: Er muss vorher bekannt sein, und zum Grölen und Tanzen geeignet. Aber er ist in der Regel so peinlich, dass selbst die beiden Wiesnspezis niemals eine CD der Musik in ihren vier Wänden dulden würden.

Die Bedienung Irma hört sowieso nicht auf die Musik. Wenns im Zelt so laut ist, dass man die Musik nicht mehr hört, sind die Lautsprecher nicht genügend aufgedreht oder es werden die falschen Nummern gespielt. Dann sorgt, wenn’s der Kapellmeister nicht merkt, der Wiesnwirt durch das Zucken seiner Augenbraue für eine Programmänderung.

Seit die Kapellen keine Märsche mehr spielen, haben die Schlägereien übrigens nachgelassen, „Wenn alle ,We are the Champions’ mitsingen, ist es schwer, zum Nachbarn zu sagen, er sei ein Depp“, analysiert Hagn die Lage.

Mit der Maß aufs Sofa!

Bei manchen Aussagen des Films bekommt man den Eindruck, als würde Bier ausschließlich auf dem Okoberfest ausgeschenkt. Aber das ist ein Mythos. Denn das ist das Beste an diesem authentischen Film: Wer sich mit einer Maß vor den Fernseher setzt, kann sich den Wiesnbesuch sparen.

Robert Braunmüller

Bayerisches Fernsehen, Samstag, 27. September, 21.50 Uhr

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