Interview

Zu lustig für Genosse Stalin: Lorenz Hochhuth über "Der Selbstmörder" im Volkstheater

Claudia Bossard inszeniert im Volkstheater Nikolai Erdmanns Satire "Der Selbstmörder" mit Lorenz Hochhuth.
| Mathias Hejny
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Wird Semjon Semjonowitsch Podsekalnikow (Lorenz Hochhuth) wirklich springen?
Wird Semjon Semjonowitsch Podsekalnikow (Lorenz Hochhuth) wirklich springen? © Gabriela Neeb

Nikolai Erdmann war im Grunde seines Herzens ein Revolutionsdramatiker und wollte mit "Der Selbstmörder" eine Satire über das Kleinbürgertum in der Sowjetunion schreiben. Aber Humor gehörte nicht zu den Kompetenzen von Stalins Regime und die Uraufführung wurde 1933 nach der Generalprobe verboten.

36 Jahre nach Verfassen erstmals aufgeführt

Erst 1969 wurde die Komödie in Göteborg erstmals gespielt. Seither wird das Stück immer wieder ausgegraben - zuletzt in der vergangenen Woche im Wiener Burgtheater und ab diesem Wochenende ist es im Münchner Volkstheater zu sehen. Den Titelhelden Semjon Semjonowitsch Podsekalnikow spielt Lorenz Hochhuth, der seit Beginn dieser Spielzeit zum Ensemble an der Tumblingerstraße gehört.

AZ: Zum Abschluss Ihres Schauspielstudiums an der Universität der Künste fiel im Februar das übliche Intendantenvorsprechen wegen Corona aus. Wie fanden Sie und Christian Stückl trotzdem zusammen?
LORENZ HOCHHUTH:
Wir haben Videos gemacht. Die haben sich die Theater, die Vakanzen haben, angesehen. Daraufhin wurde meine Kommilitonin Liv Stapelfeldt eingeladen. Wir hatten aber eine Zweierszene erarbeitet und sie hat mich als Anspielpartner mitgenommen. Danach hat mich Christian Stückl gebeten, auch meine Monologe vorzusprechen. Er sagte dann: "Wenn Sie Lust haben, würde ich Sie sofort engagieren." Damit habe ich nicht gerechnet. Aber das Happyend ist, das Liv Staffelfeldt in "Edward II." die Königin Isabella gespielt hat und ich den Kent.

Wie geht es Ihnen mit dem ersten Engagement?
Ich bin positiv überrascht von der Stimmung am Haus. Hier arbeiten so viele junge Menschen, dass sich das auf die Arbeitsweise und auf das Miteinander überträgt.

Hochhuth: "Oft ist man das neue Küken, hier geht es allen so"

Es herrscht im ganz neuen Haus auch eine gewisse Aufbruchstimmung.
Das merkt man in allen Gewerken. Oft ist man, wenn man irgendwo anfängt und in bestehende Strukturen hinein kommt, das neue Küken, das erst einmal überall dagegen läuft und sich zurechtfinden muss. Hier geht es jetzt allen so.

Sie stammen aus Hamburg und studierten in Berlin. Halten Sie München aus?
Meine Familie hat eher Wanderurlaube als Strandurlaube gemacht. Deshalb sind mir die Berge nicht unbekannt. Nach dem Studium in Berlin tut es gar nicht so schlecht, dorthin zu kommen, wo es etwas entspannter zugeht. Ich fühle mich sehr wohl hier. Wir haben mit "Edward" und dem "Selbstmörder" in den Sommer hinein geprobt und im Sommer ist wahrscheinlich jeder Neustart leichter. Aber vom Eisbach oder vom Englischen Garten war ich schon sehr angetan.

Hochhuth: "Es fängt mit Leberwurst an und zieht sich dann ins Absurde"

In Erdmanns Stück geht es um den Konflikt zwischen sozialistischer Utopie und kleinbügerlicher Realität. Wie hieven Sie das ins 21. Jahrhundert?
Wir haben schnell bemerkt, dass wir das Stück aus der Versenkung holen müssen, damit es etwas mit uns zu tun hat. Es fängt ganz klein an mit etwas Leberwurst und zieht sich dann ins Absurde. Alle versuchen, den Selbstmord für sich zu instrumentalisieren. Wir haben uns gefragt, wie wir das machen würden. Das Problem meiner Figur ist ja, dass er es gar nicht hinbekommt. Wir waren an einem Punkt, wo wir uns fragten, ob Semjon überhaupt suizidal ist oder ob es die Umstände sind. Irgendwann springt der Funke über, tatsächlich den Selbstmörder zu spielen und damit Bedeutung und Ansehen erhalten.

Bei den heutigen sozialen Medien würde so etwas vermutlich durch die Decke gehen.
Darüber haben wir oft gesprochen. Ist der "Abschiedsbrief" mittlerweile ein You-Tube-Video? Ist man wer, wenn man zwei Millionen Follower bei Instagram hat? Definiert sich unsere Generation darüber? Was ist, wenn man nicht teilt und nicht Teil dieser Gruppe ist?

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Zu einer der Legenden um den "Selbstmörder" gehört, dass der russische Theaterguru Stanislawski wegen eines Lachkrampfs eine Probe abbrechen musste. Wie lustig wird es bei Ihnen?
Bei einer Tragikomödie weiß man das erst beim Zusammenspiel mit dem Publikum. Natürlich haben wir Sachen gebaut, die wir selbst spaßig finden. Aber wir wollten nicht die Komödie mitspielen. Es ist gar nicht so einfach, dem Publikum zu überlassen, was es witzig findet.

Münchner Volkstheater, Premiere am Samstag, nächste Vorstellungen 7., 14., 28. November, 19.30 Uhr, 089/ 52 34 656

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