Kritik

"Gymnasium" im Volkstheater: Postfaktisches Musical

Der Dramatiker Bonn Park inszeniert sein Stück "Gymnasium" im neuen Volkstheater.
| Mathias Hejny
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Vincent Sauer (links), Pola Jane O?mara, Max Poerting und Steffen Link.
Vincent Sauer (links), Pola Jane O?mara, Max Poerting und Steffen Link. © Arno Declair

München - Zu den Legenden, die über Hollywoods Filmindustrie kursieren, gehört ein Rat an alle, die das Drehbuchschreiben lernen wollen: "Man beginnt mit einem Vulkanausbruch und steigert dann ganz langsam." 

Volkstheater betritt mit Musical "Gymnasium" Neuland

Bonn Park, der als Dramatiker und Regisseur freilich kein Anfänger mehr ist, startet die dritte Premiere des Eröffnungswochenendes im neu gebauten Volkstheater mit dem Ausbruch eines von Bühnenbildnerin Jana Wassong wie laubgesägt und naiv bemalt hingestellten Vulkans.

Die anschließenden Steigerungen der Dramatik bleiben unauffällig, waren aber wahrscheinlich gar nicht beabsichtigt. Doch von der Eruption führt ein etwas extravaganter und immer wieder amüsanter Weg zu einer Hexenverbrennung.

Mit "Gymnasium", eine "Highschool-Oper", wird im Volkstheater wirklich Neuland betreten. Zum ersten Mal steht ein veritabler Orchestergraben zur Verfügung, der von zehn Studierenden der Philharmonie-Akademie besiedelt wird.

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Zeit der Handlung ist irgendwo zwischen "den Jahren 1583 und 1995 und dem Monat August". Die Musik von Ben Roessler unterstreicht dieses Schweifen durch die Epochen von frühneuzeitlichen Madrigalen bis zum breiten Musical-Sound. Um den kümmern sich weitere zehn Sängerinnen und Sänger des Bayerischen Landesjugendchors, die den Schulhof und den Abschlussball bevölkern.

Katastrophen-Setting trifft auf klischeegesättigten Topos des Highschool-Dramas

Auch die Schauspielerinnen und Schauspieler haben ihre mal mehr, mal weniger überzeugenden Gesangsnummern. Sternstunden des Belcanto sollte man allerdings nicht erwarten.

Gleich hinter der Schule erhebt sich der Vulkan, dessen Ausdünstungen schon seit Jahrzehnten die Atmosphäre verfinstern. Und die Kids gehören zur Generation der "neuen Unübersichtlichkeit" im "postfaktischen Zeitalter", wie die Literatur- und Sprachwissenschaftlerin Carolin Amlinger im Programmheft zitiert wird. Das Katastrophen-Setting trifft auf den klischeegesättigten Topos des Highschool-Dramas.

Die Neue, die sich in den Kampflinien der verschiedenen Cliquen erst zurecht finden muss, ist Ashleygunde (Henriette Nagel). Dabei trifft sie auf Cherhilde, "das gemeine Mädchen" (Luise Deborah Daberkow), den "Athleten" CJBert (Lukas Darnstädt) und den schnöseligen Nerd Kylefried (Max Poerting). Ein Schulklassen-Soziogramm wäre natürlich ohne die Außenseiter nicht vollständig. Die sind das Gothic-Pärchen Sallygard (Pola Jane O'Mara) und Joshphilius (Vincent Sauer).

Regisseur Bonn Park findet ein böses Finale

Und irgendwo draußen klettert die Vulkanwissenschaftlerin (Lioba Kipper) auf dem feuerspeienden Berg herum. Aber sie ist den Schülerinnen und Schülern unheimlich, denn sie beruft sich auf Fakten. Die Erkenntnisgewinnung durch das Forschen widerspricht aber dem herrschenden Mainstream, denn der lautet: "Nur die Mehrheit hat die Wahrheit".

Bonn Park, der sein jüngstes Werk auch selbst inszenierte, hat sich in den letzten zwei Jahren offenbar tief in den Corona-Diskurs eingehört. Ein souveräner Lehrkörper könnte hier pädagogisch eingreifen und für ein richtiges Happyend sorgen.

Doch Park findet ein böses Finale: Der Schuldirektor (Steffen Link) tritt mit den Urnen der vom Mob verbrannten "Hexen" an die Rampe und erklärt leicht verstört: "Ich glaube, wenn wir da dranbleiben, dann wird ganz bestimmt, ganz sicher, wirklich, alles gut."


Münchner Volkstheater, 23. Oktober, 8., 9., 15., 26. November, jeweils 19.30 Uhr, Telefon 5234655

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