Kritik

"Willkommen bei den Hartmanns" auf der Bühne: Im Lande der Verwirrten

Die Theaterversion von Simons Verhoevens Film "Willkommen bei den Hartmanns" funktioniert auch auf der Bühne.
| Mathias Hejny
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Richard (Ralf Komorr) fremdelt zunächst mit Flüchtling Diallo (Derek Nowak), den seine Frau zuhause aufgenommen hat.
Richard (Ralf Komorr) fremdelt zunächst mit Flüchtling Diallo (Derek Nowak), den seine Frau zuhause aufgenommen hat. © Alvise Predieri

Autor John von Düffel hat ein Händchen für wirkungsvolle Bühnenstoffe. 2008 schrieb er die Musicalfassung von Bully Herbigs Kinohit "Der Schuh des Manitu", die bis vor kurzem das Publikum des Deutschen Theaters jubeln ließ. Nun ist auch seine Theaterbearbeitung von "Willkommen bei den Hartmanns" in München zu sehen.

Wieder ist die Vorlage ein gleichnamiger Film, den fast vier Millionen Zuschauer sehen wollten. Die Komödie im Bayerischen Hof kann davon ausgehen, dass der eine oder die andere davon auch den Weg ins Theater finden wird.

"In Deutschland sind alle sehr verwirrt"

Dabei ist der Anlass alles andere als lustspieltauglich. Der Zimmermann Diallo floh vor der islamistischen Terrormiliz Boko Haram aus Nigeria und sucht in Deutschland Asyl. Simon Verhoeven nutzte in seinem 2016 erschienenen Film die "Flüchtlingskrise" des Jahres zuvor, während der einerseits eine bis dahin völlig neue deutsche "Willkommenskultur" entstand, andererseits die gar nicht neuen Rechtsradikalen Morgenluft witterten, für einen komödiantischen Zugriff.

Beide Entwicklungen spiegelt Verhoeven in seinem stets charmanten Film in dem Fremden und beobachtet mit liebevollem Spott die ebenso wohlhabende wie zerrissene Münchner Arzt-Familie Hartmann sowie mit mildem Zorn die rassistischen Nachbarn. Diallo begreift schnell: "In Deutschland sind alle sehr verwirrt." Und von draußen betrachtet ist diese Verwirrung sehr komisch. Obwohl die vielen schnellen Schauplatzwechsel für das Theater nicht leicht umzusetzen sind, lief und läuft der Stoff in vielen Häusern zwischen Hamburg und Wien.

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Thomas Pekny, der nach seinem unrühmlichen Abgang als Komödien-Chef noch für einige Zeit in seinen langjährig geplanten und gebauten Bühnenbildern präsent bleiben wird, erfand ein variables System von Schiebewänden. Hier leidet die pensionierte Schuldirektorin Angelika (Saskia Vester) unter der Leere nicht nur im großen Haus. Ihr Mann Richard (Ralf Komorr) leidet am Älterwerden, die mittlerweile 31-jährige Tochter und ewige Studentin Sophie (Julia Gröbl) leidet an den Männern und der als Wirtschaftsjurist international tätige Sohn Philipp (Thomas Stegherr) arbeitet erfolgreich an seinem Burn-Out-Syndrom.

Regisseur Peter M. Preissler bleibt bei der grundsätzlich freundlichen Erzählperspektive und macht den Clash der Kulturen zu einer angenehm temperierten Gesellschaftssatire - sogar der Nazi-Nachbar im Stasi-Look (Kostüme: Ulrike Schuler) ist eher ulkig als gefährlich.

Derek Nowak verleiht seinem Diallo eine teddybärartige Liebenswürdigkeit

Saskia Vester ist als mütterliche Arztgattin mit Welterrettungsfantasien hinreißend herzerwärmend und geradezu tragikomisch wunderbar in den beschwipsten Momenten, von denen es viele gibt. Ein Problem mit dem Alkohol hat Frau Hartmann nur, wenn keiner da ist.

Derek Nowak, der nach "Wer hat Angst vorm weißen Mann" erneut als der Mann aus Afrika Dienst hat, verleiht seinem Diallo eine teddybärartige Liebenswürdigkeit, mit der er versucht, die Familienstrukturen, die ihn geprägt haben, bei seinen Gastgebern zu rekonstruieren. Seine Therapie der Wohlstands-Alkoholikerin Angelika wie der chronisch bindungsscheuen Sophie gelingt - das kann man verraten - ebenso wie die deutsch-nigerianische Freundschaft von Arzt und Zimmermann.


Komödie im Bayerischen Hof, bis 9. Januar, 19.30 Uhr, sonntags 18 Uhr, Karten unter Telefon 29161633

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