Kritik

Wegen einer Wette: Michael Bully Herbig in der Olympiahalle

Leider live: Ein bisschen "Bullyparade", ein Freundestreffen und Smalltalk mit dem Publikum: Michael Bully Herbig begeistert auch ohne großes Programm 12.000 Fans in der Olympiahalle.
Michael Stadler |
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Die Wette verloren, die Halle gefüllt: Michael Herbig live in der Olympiahalle.
Die Wette verloren, die Halle gefüllt: Michael Herbig live in der Olympiahalle. © Jens Niering

Wer einen ganzen Abend in der Olympiahalle ohne vorbereitetes Programm bestreiten will, der braucht auf jeden Fall Chuzpe - und etwas musikalischen Drive. Zunächst tritt die vierköpfige Band auf, gestandene Männer, die zum Teil schon vor gut dreißig Jahren bei der "Bullyparade“ mitwirkten. Der Schlagzeuger legt mit einem Solo los, das nicht nur dem Publikum, sondern vermutlich auch dem Solisten hinter der Bühne einheizen soll. Und dann kommt er hereinspaziert, Michael "Bully“ Herbig, leger gekleidet, entspannt wirkend, aber wer weiß, wie viel Angst ihm gerade hinter den Schläfen pocht.

"Bully leider live“ heißt die Show und das singt er dann auch mit seinen Jungs: "Diese Show ist leider live!“ Mit Otto Steiner, dem Produzenten seiner Erfolgssendung "LOL: Last One Laughing“, hat Herbig bei der letzten Bambi-Verleihung eine Wette abgeschlossen: Da die Leute nach Events gieren, wäre es für Bully sicherlich ein Leichtes, die Olympiahalle vollzukriegen, meinte Steiner, und ja, nicht einmal ein Programm müsse Bully dafür haben.

Ein Ratespiel durchs "Bully"-Universum 

Der ließ sich auf die Wette ein - und hat nun den Salat: Die Halle wirkt voll, das Publikum, querbeet durch alle Altersklassen, freut sich allein schon über seine Anwesenheit. The artist is present. Und doch, irgendwas muss Bully den Leuten bieten, oder nicht?

Michael Herbigs Show macht auf jeden Fall Lust auf eine Wiederholung.
Michael Herbigs Show macht auf jeden Fall Lust auf eine Wiederholung. © Jens Niering

"Ich sag’s, wie’s ist“, stellt er nach dem ersten Lied fest. "Mehr habe ich nicht.“ Überlegt, ob die Leinwand hinter ihm sich nicht für ein Public Viewing des Champions-League-Spiels der Bayern eignen würde. Und redet doch lieber drauflos, rutscht kurz in den lispelnden Jargon der Figur Erwin Falthauser aus Herbigs Animationsfilm "Lissi und der wilde Kaiser“ und lässt seine eigene Karriere Revue passieren.

Die nächste Herausforderung: Ein Horror-Film 

Dass Herbig doch einiges vorbereitet hat, liegt auf der Hand, denn alles andere wäre Größenwahn, eine Kamikaze-Aktion, die der trotz aller Erfolge geerdet wirkende Herbig sich und seinen Fans nicht antun würde. Insofern wird der Abend untergründig auch zum Ratespiel, was denn nun wirklich im Moment entsteht oder im Voraus geplant wurde. Wenn Herbig etwa ein paar Breakdancer "spontan“ auf die Bühne holt, die als Reminiszenz an Herbigs frühe Breakdance-Zeiten ein paar gekonnte Moves zeigen, wirkt das schon sehr einstudiert. Umso mehr, als der Kopf der Crew sich als Aloun Phetnoi Ferzandi entpuppt, der Bully in der Extra-Large-Version des "Schuh des Manitu“ bei einer Tanzeinlage doubelte.

Spontan und doch gut vorbereitet: Michael Herbig in der Olympiahalle.
Spontan und doch gut vorbereitet: Michael Herbig in der Olympiahalle. © Jens Niering

Wenn Herbig später Jolanda auf die Bühne holt, die bei einer Radioverlosung ein Freiticket für den Abend gewonnen hat, wirkt der Plausch mit der aufgeregten, aber schlagfertigen Marketingexpertin, die am liebsten die Bühne wieder verlassen würde ("Es liegt aber nicht an dir“) witzig improvisiert. Aber vielleicht gab es zuvor eine kurze Probe. Wer weiß. Die Kunst der Stand-up-Comedy liegt ja gerade darin, dass der Comedian seine Pointen so performt, als ob sie ihm gerade in den Kopf kommen.

Nicht jede Blödelei führt zu Pointe 

Wie so ein rasanter, präzise auf den Punkt gebrachter und doch frisch wirkender Comedy-Vortrag sich anhört, demonstriert Tutty Tran, einer der Gäste auf der Bühne, versiert und eindrucksvoll, bringt dabei die Begegnung seines Vaters mit gleich mehreren Baumarkt-Mitarbeitern vor Augen. Tran, durch eine Gastrolle im „Kanu des Manitu“ in den Bully-Kosmos aufgenommen, bedient dabei völlig bedenkenfrei die Klischees, die man von radebrechend Deutsch sprechenden Vietnamesen hat, lässt seinen Vater aber auch als sympathischen Gewinner erscheinen.

Ähnlich ist es ja auch mit einigen Bully-Figuren: Den tuntigen Mr. Spuck aus "(T)Raumschiff Surprise“ lässt Bully verbal kurz aufleben, genauso wie den Boandlkramer, den er in zwei Filmen des verstorbenen Joseph Vilsmaier gespielt hat. Der Spaß umfasst dabei so gleichberechtigt alle möglichen Dialekte, Sprachfehler und Sprechweisen, dass wohl kaum Gefühle verletzt werden. Und selbst wenn nicht jede Blödelei zur Pointe führt, überwiegt die Freude am Wiedererkennungseffekt. Mit seiner Band performt Herbig verworfene Lieder von einst sowie Klassiker, "Help“ von den Beatles, verballhornt zu "Gelb“ in der ersten Staffel der "Bullyparade“, oder "Back für Ruth“, frei nach "Back for Good“ von Take That.

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Allein war Herbig nie: Aus der bestuhlten Arena holt er sich alte Weggefährten zu sich auf die Bühne, darunter Ralf Wengenmayr, der bislang für jeden Herbig-Film die Musik komponiert hat, und Martin Sieber, den Herbig wegen seines fröhlichen Naturells bei "LOL“ mitmischen lässt und dessen Lachen auch die Olympiahalle ansteckt. Per abrupt einsetzender Live-Schalte erfährt Herbig von Moderatorin Katrin Bauerfeind in Hamburg, dass er und Rick Kavanian für ihr letztjähriges "Take-Over“ der "Mike Thiel Show“ den Deutschen Radiopreis in der Kategorie Beste Sendung gewonnen haben. Kavanian informiert er wiederum per Anruf von dem Gewinn, während der gerade in Panama herumschlendert.

Am stärksten ist Michael Herbig beim spontanen Gespräch 

Ein bisschen Urlaubsstimmung, ein bisschen Unfug - mehr will das Publikum vielleicht gar nicht. Allein wegen seiner sympathischen Ausstrahlung schaut man Herbig gerne zu, auch wenn der Abend sich dehnt: noch ein Song, noch eine Anekdote - die Dramaturgie eines Programms ergibt sich nun mal nicht auf die Schnelle. Am stärksten ist Herbig, wenn er in die Zuschauerreihen vorstößt und spontan auf sein Publikum reagiert. Einmal sucht er nach den Schwangeren in den Reihen, steuert vage auf einen Mann zu. Der meint mit Blick auf den eigenen Bauch: "Lebensmittelschwangerschaft“.

Witzig können also auch die anderen sein, Herbig hat sein Publikum ja auch über Jahrzehnte hinweg trainiert. Die lockere Atmosphäre, die er in der Olympiahalle schafft, macht Lust auf weitere Shows. Vielleicht sogar mit ausgetüfteltem Programm? Otto Steiner, den er auf die Bühne holt, verkündet, dass die Halle, in der je nach Bestuhlung bis zu 12.000 Leute passen, ausverkauft sei. Herbig hat seine Wette verloren und muss seinen Einsatz einlösen: Er muss in einem Horrorfilm mitspielen. Einem völlig ernsten Horrorfilm. Klingt schwierig, aber wenn man genau hinguckte, steckte bereits in der Bullyparade, den Manitu-Filmen, den ganzen Herbig-Komödien ein leiser, charmanter Grusel.

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