Warnruf aus Bayreuth: Ist die Demokratie müde geworden?
„Die Nörgler sollten dafür dankbar sein, dass sie morgen noch so emphatisch nörgeln können“, sagte Michel Friedman in seiner Rede im Bayreuther Festspielhaus. In Teheran, Moskau oder Peking würden sie sich bei ihrem Erwachen möglicherweise im Gefängnis wiederfinden.
Meinungsvielfalt und Streit seien der Kern einer freiheitlichen Ordnung. „Kann es sein, dass wir als Demokraten müde geworden sind?“, fragte Friedman in seiner weitgehend frei gehaltenen Rede mit Blick auf die drohende Mehrheit für die AfD in Sachsen-Anhalt. Er wünsche eine Verteidigung der Demokratie mit mehr Selbstbewusstsein und strahlendem Auge.
Diese Passagen wurden von Friedmans Rede am Vormittag vor der Premiere von „Rienzi“ heftig beklatscht. Der 70-jährige Publizist und Jurist war im Vorfeld von der Festspielleitung aus schlecht kommunizierten Gründen aus- und wieder eingeladen worden, was die Spannung vor seinem emphatischen, emotionalen, immer aber auch versöhnlichen Auftritt zusätzlich gesteigert hatte.
Die Wiederkehr des Verdrängten
„Wagner und die Deutschen haben den Antisemitismus nicht erfunden“, sagte er eingangs. Aber die Deutschen haben Auschwitz erfunden“. Er sei nicht sicher, ob Wagner Hitler goutiert hätte. Aber Hitler sei in Bayreuth ein- und ausgegangen.

In der Nachkriegszeit sei das verdrängt worden. Friedman zitierte den berühmt-berüchtigten Aushang von 1951, wonach politische Debatten am Grünen Hügel „im Interesse eines reibungslosen Ablaufs“ der Festspiele zu unterlassen seien.
Friedman betonte, dass sich dies unter der Festspielleiterin Katharina Wagner geändert habe. Er nehme eine ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit wahr und sei wegen der Verwirrung im Vorfeld nicht nachtragend. In diesem Zusammenhang erwähnte er die Ausstellung „Verstummte Stimmen“ vor dem Festspielhaus sowie Barrie Koskys Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“. Von da aus schlug er einen weiten Bogen zur Erinnerungskultur, den Erfolgen der AfD und dem aufflammenden Antisemitismus nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 und der darauf folgenden Militäraktion in Gaza.
Der Einzelne ist nicht machtlos
Seine Eltern seien mit anderen von Oskar Schindler gerettet worden, betonte Friedman. Dessen Tat widerlege die These, der Einzelne könne nichts tun. Man müsse mit AfD-Wählern reden, ihnen widersprechen und aus der Schwierigkeit solcher Debatten für die nächste Auseinandersetzung lernen. Und man möge endlich mit der deutschen Benimm-Regel brechen, beim Essen nicht zu reden, sondern lustvoll zu streiten, auch in der Familie.

In der Schlussphase der von Musik von Wagner, Pavel Haas und Gustav Mahler umrahmten Rede kritisierte Friedman den Antisemitismus von links, der in Deutschland lebende Juden für die Politik der Regierung Netanyahu verantwortlich mache, die er selbst scharf ablehne, weil sie wie in Orbáns Ungarn den Rechtsstaat demontiere.

Man frage deutsche Juden, wie sie es mit Israel hielten. Aber genauso könne man auch von Palästinensern und Araber wissen wollen, wie sie es mit der Hamas hielten. Es sei an der Zeit, „Stop“ zu rufen: gegen den Antisemitismus, gegen die Demontage der Demokratie durch den Rechtsextremismus.




