Kritik

"Unser Fleisch, unser Blut": Ein schauriger Blick in die Zukunft

Mit "Unser Fleisch, unser Blut" weihen Jessica Glause und ihr Team die Bühne 2 im Volkstheater ein.
| Michael Stadler
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Lecker! Die Darsteller auf einer Weißwursttorte.
Lecker! Die Darsteller auf einer Weißwursttorte. © Arno Declair

Mit Stimmen aus dem Dunkeln beginnt die erste Inszenierung auf der neuen, zunächst leeren Bühne 2 des neuen Volkstheaters. Von Blutströmen ist die Rede, es hat was Apokalyptisches, aber im Grunde ist man vor allem noch mit Schauen beschäftigt. Denn eine mittlere Bühne hat es im alten Volkstheater nicht gegeben, sondern "nur" die Hauptbühne und das kleine "Nachtkastl" im Obergeschoss. Jetzt stehen Christian Stückl und seinem Team die Bühne 1 mit 600 Plätzen und die Bühne 3 mit 100 Plätzen zur Verfügung. Und eben diese weitschweifige, sehr luftige Bühne 2 mit ihren 200 Zuschauerplätzen.

Für Jessica Glauses Projekt "Unser Fleisch, unser Blut" hat man sich klassisch für einen aufsteigenden Publikumsrang auf der einen Seite entschieden. Vor dem Auge erstreckt sich dann die weite Bühne, neon-weiß leuchtende Stränge begrenzen sie seitlich, sehen aus wie Weißwurst-Ketten. Es geht hier auch um die Wurst, um Fleischherstellung und Fleischverzehr, was letztlich bedeutet: Tiere züchten, Tiere schlachten, Tiere verspeisen.

Glause holt Verdrängtes ans Licht

An diesen ganzen Prozess, der im Schlachthofviertel, der neuen Heimat des Volkstheaters, ja eine lange Tradition hat, denken Karnivoren nicht unbedingt gerne. Insofern holt Jessica Glause, die seit über 10 Jahren in dem Viertel wohnt, auch etwas Verdrängtes ans Licht.

Aus dem Untergrund der Bühne steigt dementsprechend ein schwarzes Podest hervor, in dessen Inneren sich einige Viecher tummeln: Das fünfköpfige Ensemble gibt maskiert und kostümiert eine Tierschar, vom Schwein bis zum Hund, und kann sich im Nu in jene verhandeln, die an einzelnen Schritten der Fleischproduktion beteiligt sind.

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Glause, die schon lange mit dem Volkstheater verbandelt ist, hat sich zuletzt im Schauspielhaus der Kammerspiele mit den "Bayerischen Suffragetten" auseinandergesetzt. Für "Unser Fleisch, unser Blut" haben sie und ihr Team mit über einem Dutzend Menschen gesprochen, vom Metzger bis hin zum Slow-Food-Koch, der, charmant verkörpert von Jonathan Müller, auch eine Speise zum Köcheln bringt.

Aus dem gesammelten Interviewmaterial hat Glause einen Text als Ausgangspunkt für die Proben generiert. Das Gesagte klingt nun auch in der Endfassung realitätsnah, wobei die eigenen Haltungen der Darstellenden doch immer wieder durchscheinen.

Wie der Wiener Jakob Immervoll mit Freude am bairischen Dialekt und an der bayerischen Herzhaftigkeit seinen Metzger verkörpert, ist schon sehr unterhaltsam anzuschauen und anzuhören, gleichsam spürt man eine gewisse ironische Distanz zu den handfest-pragmatischen Metzgers-Aussagen. Andere Stimmen klingen von Grund auf empathischer, etwa, wenn Anne Stein als Bäuerin davon erzählt, wie sie die erste Schlachtung eines Tieres miterlebte.

Existenzielle Probleme in einem krisengeschüttelten Markt

Glauses Projekt hat natürlich einen gesellschaftskritischen Impetus, bringt einem das Leiden der Tiere nahe, prangert die Haltung der Konsumenten an, die ihr Fleisch oft auch noch für einen möglichst niedrigen Preis haben wollen und sich dann wundern, dass sie eben billiges Fleisch bekommen. Ihre Interviewpartner möchte Jessica Glause aber nicht bloßstellen. Stattdessen kommen deren Einstellungen und existenziellen Probleme in einem krisengeschüttelten Markt klar zur Sprache.

Das Quintett verleiht ihnen und den Tieren eine Stimme, mit Schalk im Nacken, etwa, wenn Mara Widmann von ihren Leiden als Pferd berichtet, Kontakt mit pickligen Teenagern inklusive. Zur Beruhigung stellt sich Maral Keshavarz als "Beistellziege" daneben, aber bei Widmann geht dann doch der Gaul durch.

Ekstatische Tanzeinlagen, launige Gesangsnummern (Musik: Joe Masi), bei denen aus den Tieren eine Band wird und einem das Lachen im Halse steckenbleibt, gehören zu diesem revuehaften Abend dazu, machen ihn genießbar, ohne dass die politische Botschaft mitsamt einem eher irritierend-schaurigen Blick in die Zukunft untergeht. Gleichzeitig wird mit auffahrbaren Podesten, flexibel einsetzbaren Leucht-Elementen und Requisiten wie einer Weißwurst-Torte (Bühnen- und Kostümbild: Mai Gogishvili) sowie gut gesetzten Lichtwechseln (Licht: David Jäkel) ausprobiert, was auf der Bühne 2 alles möglich ist. So sollte das bei einer Einweihung doch auch sein. Eine tolle, ideenreiche Show, die bestimmt keine Lust auf Fleisch, aber auf mehr Theater in diesem Raum macht.

Wieder am 18., 29. und 31. Oktober im Volkstheater

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