Interview

"Edward II." im Volkstheater: Zur Premiere knallt's in Pink

Mit "Edward II." von Shakespeares Rivalen Christopher Marlowe wird am Freitag das neue Volkstheater eröffnet. Ein Gespräch mit dem Intendanten Christian Stückl, der auch Regie führt.
| Mathias Hejny
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Hausherr Christian Stückl fühlt sich im neuen Volkstheater - hier vor der Hauptbühne - so wohl wie in seiner grauen Joppe.
Hausherr Christian Stückl fühlt sich im neuen Volkstheater - hier vor der Hauptbühne - so wohl wie in seiner grauen Joppe. © picture alliance/dpa

Nach drei Jahren Bauzeit zog das Volkstheater von einer Liegenschaft des Bayerischen Fußball-Verbands in der Maxvorstadt um in einen schmucken, dem allerletzten Stand des Theatermachens entsprechenden Neubau in der Isarvorstadt, wo früher ein Viehhof stand. Heute Abend ist Premiere von "Edward II." von Christopher Marlowe, der nicht nur Zeitgenosse von William Shakespeare war, sondern auf dem umkämpften Londoner Theatermarkt dieser Zeit vor allem ein Konkurrent.

Die von Christian Stückl inszenierte Eröffnungsvorstellung ist der Auftakt für einen Premierenreigen an diesem Wochenende: Jessica Glause hat gemeinsam mit dem Ensemble den musikalischen Abend "Unser Fleisch, unser Blut" (Samstag, Bühne 2, 20 Uhr) erarbeitet. Zusammen mit der Orchesterakademie der Freunde und Förderer der Münchner Philharmoniker wird "Gymnasium", eine "Highschool-Oper" von Bonn Park und Ben Roessler (Sonntag, Bühne 1, 19.30 Uhr) uraufgeführt.

"Man merkt an manchen Enden und Ecken, dass wir noch nicht eingespielt sind"

AZ: Herr Stückl, fühlen Sie sich am neuen Ort schon ein wenig zu Hause?
CHRISTIAN STÜCKL: Ja, sehr. Es ist wunderbar. Ich habe mein ganzes Team hier und auch das Restaurant ist mitgezogen.

Haben Sie kein bisschen Heimweh nach der Turnhalle an der Brienner Straße?
Nein, kein Heimweh. Im Juli hatten wir drüben noch Proben für den "Edward". Danach habe ich einem Mitarbeiter gesagt, er soll mir mein Büro ausräumen, denn ich habe keine Lust mehr dazu. Er hat dann alles in Kisten gepackt und ich war nie wieder dort.

Wie stark beeinflusst der andere Arbeitsplatz die Arbeit?
Man merkt an manchen Enden und Ecken, dass wir noch nicht eingespielt sind. Wir hatten bei der Übergabe doch noch Engstellen. Da läuft die Computersteuerung nicht, hier läuft das nicht, dort läuft dies nicht. Man überlegt sich gar nicht, wie das die Arbeit beeinflusst. Es braucht noch Zeit. Ich glaube, dass man noch nicht beurteilen kann, wie sich das Gebäude auf die Arbeit auswirkt.

Das Foyer im Neubau des Volkstheaters im Schlachthofviertel.
Das Foyer im Neubau des Volkstheaters im Schlachthofviertel. © picture alliance/dpa

Sowohl hinsichtlich der Bauzeit als auch der Kosten blieb das Volkstheater im Rahmen der Planung. Für ein öffentliches Projekt ist das heutzutage sehr ungewöhnlich. Wie haben Sie das gemacht?
Nach Projekten wie dem Schauspiel in Köln, der Elbphilharmonie in Hamburg oder dem Flughafen in Berlin fragten wir uns immer, ob wir das hinbekommen. Ich habe damals viel mit dem Baureferat telefoniert. Dort sagte man mir, dass man etwas ausprobieren will, was die Stadt München noch nie versucht hat: Wir kaufen ein Theater schlüsselfertig. Aber man muss vorher genau wissen, was man will. Es hat funktioniert und ist gut über die Bühne gegangen.

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Ihr Name ist nun eng mit diesem neuen Stadttheater verbunden, das das Viertel und das Münchner Kulturleben für Generationen prägen wird. Empfinden Sie manchmal Ehrfurcht vor sich selbst?
Man ist ja selbst immer gefangen in dem, was man macht und tut. Erst, als die Leute draußen davor standen und wie sie darauf reagierten, stand ich vor mir selbst und fragte mich: Wie hast du das geschafft? Wie ist dir das gelungen? Es war eine Verkettung von Umständen. Als die Feuerpolizei 2011 vorbei kam, mussten wir über eine Sanierung des alten Volkstheaters reden. Wir dachten, es ist Wahnsinn, so viel Geld für ein Haus auszugeben, das uns gar nicht gehört und warum wir das nicht selber machen. Und plötzlich steht dieses Theater da. Ehrfurcht vor mir habe ich nicht. Es ist mehr die Überraschung darüber, dass es geklappt hat.

"Ich mag das Stück 'Edward II.' und es lag schon länger bei mir auf dem Tisch"

Sie haben jetzt drei Spielstätten und mehr Personal als bisher. Die Subventionen sind zwar auch auf 15 Millionen Euro gestiegen, aber wird das reichen?
Nein. In diesem Jahr reicht es mit den Corona-Geldern, die wir bekommen haben und noch bekommen werden, um Ausfälle zu kompensieren. Aber in der nächsten Spielzeit muss es mehr sein.

Man scherzte bisher gerne, Sie könnten Ihr neues Haus wegen der Nähe zum Schlachthof mit Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" eröffnen. Jetzt ist es "Edward II." geworden, in dem es freilich auch blutig zugeht. Wie kamen Sie darauf?
Ich mag das Stück und es lag schon länger bei mir auf dem Tisch. Wir beschäftigen uns hier mit vielen verschiedenen Themen. Bonn Park geht mit Cancel Culture und solchen Sachen um, Jessica Glause hat mit Metzgern, Tieren und Fleisch essen zu tun und ich erzähle von einem jungen Mann, der glaubt, seine Homosexualität am Hofe ausleben zu können. Natürlich scheitert er. Das war schon im 16. Jahrhundert ein Thema und ist es noch heute.

Die Außenfassade des Neubau des Volkstheaters im Schlachthofviertel.
Die Außenfassade des Neubau des Volkstheaters im Schlachthofviertel. © picture alliance/dpa

1924 wurde in München eine Edward-Bearbeitung von Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger uraufgeführt. Lag die auch auf Ihrem Tisch?
Die habe ich erst hinterher entdeckt. Aber sie ist nicht besser.

Ist der 500-jährige Christopher Marlowe womöglich aktueller als der 100-jährige Brecht?
Brecht erzählt die Geschichte auch mit Schwulenwitzen, bei denen ich mir denke, dass sie in eine bestimmten Zeit gehören. Er hat sich damals sicherlich sehr weit aus dem Fenster gelehnt, aber es bleibt in Brechts Zeit hängen.


Münchner Volkstheater, Tumblingerstraße 29, Premiere am 15. Oktober, 18 Uhr, die nächsten Vorstellungen am 19., 24. und 29. Oktober, 19.30 Uhr

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