Theater werden zu Event-Locations

2021 endet die Ära Bachler/Petrenko an der Bayerischen Staatsoper. Bis dahin haben die beiden noch viel vor.
| Britta Schultejans
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Seit 2008 leitet Nikolaus Bachler als Intendant die Bayerische Staatsoper, 2021 soll Schluss sein. Bis dahin haben er und Generalmusikdirektor Kirill Petrenko aber noch viel vor. Die kommende Saison 2016/17 haben sie mit "Was folgt" überschrieben. Auf dem Programm stehen unter anderem Neuproduktionen von "Lady Macbeth von Mzensk", "Semiramide" und "Tannhäuser". Im Interview spricht Bachler über die Bedeutung einer übergreifenden Dramaturgie und erklärt, warum der Begriff "Startheater" ihn auf die Palme bringt.

AZ: Herr Bachler, auf was freuen Sie sich in der kommenden Saison am meisten?

Ich glaube, man kann sagen, wir sind das einzig große Haus, das noch richtig Dramaturgie macht. Wir reihen nicht Werk an Werk, sondern wir suchen nach Assoziationen, Zusammenhängen, Inhalten und Querverbindungen. Und darum freue ich mich eigentlich immer auf das Gesamte mehr als auf das Einzelne, weil ich hoffe und mir wünsche, dass eines für das andere Interesse weckt. Ein Spielplan ist mehr als die einzelnen Werke.

Sie haben die kommende Spielzeit mit "Was folgt" überschrieben...

 Ja, eines der archaischen Grundthemen der menschlichen Existenz: Was ist die Konsequenz des Handelns? Was folgt aus der persönlichen Tat? Was folgt aus der gesellschaftlichen Situation? Das ist ein unglaublich spannendes Feld und wird in den Werken, die wir gewählt haben, sehr kongruent verhandelt.

Warum gibt es Ihrer Ansicht nach heute wenige große Häuser, die sich einer Dramaturgie verpflichten?

Weil die Häuser mehr und mehr zu Veranstaltungsorten werden. Es gibt ja in der Welt kaum mehr ein Haus mit Repertoire und kontinuierlich arbeitenden Menschen. Da werden Stücke angesetzt, zehnmal gespielt, und dann ist es vorbei.

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Ist das den Publikumsgewohnheiten geschuldet? Oder woran liegt das?

Es ist vielen Dingen geschuldet, der Schnelllebigkeit, dem Event, der Aufmerksamkeitssucht, Äußerlichkeiten und ökonomischen Erfordernissen. Es gibt viele Dinge, die ein ruhiges, konzentriertes, langfristiges Arbeiten ohne die schnellen Ergebnisse verhindern.

Begreifen Sie die Aufgabe der Oper in politisch unruhigen Zeiten wie diesen, in denen rechtes Gedankengut sich wieder breitmacht, anders als sonst?

Antwort: Die Oper ist ja keine Bürgerbewegung. Ich bin persönlich auch eher gegen diese Aufgeregtheit, die den Deutschen so zu eigen ist. Natürlich haben wir Probleme und die sind komplex. Der Mensch hat viele Abgründe. Dazu gehört auch das, was man rechts, reaktionär oder rassistisch nennt. Ich glaube aber letztlich, dass die Menschen aus der Geschichte zwar wenig lernen, aber immer wieder Lösungen finden für ihre Probleme. Ich habe keine Weltuntergangsstimmung. Die Kunst hat aber immer die Aufgabe der Humanisierung, der Durchleuchtung von Zusammenhängen und der Wahrheitssuche.

Sie haben im Grunde jeden Abend ein ausverkauftes Haus - welche Ziele hat man da als Intendant noch?

Ich möchte ja nicht nur ausverkauft sein, sondern mich interessiert, womit wir ausverkauft sind. Bedienen wir einen kommerziellen Klischee-Geschmack oder erreichen wir die Menschen mit den Gedanken, die wir haben? Wir versuchen, immer mutiger zu werden und das Publikum nicht zu unterschätzen. Nur «Tosca» oder «La Traviata» anzusetzen, damit die Leute kommen, wäre zu wenig. Denn die Leute kommen, wenn sie sich ernst genommen fühlen - und wenn es Qualität gibt. Es gibt eine einzige Parallele zwischen Fußball und uns und die ist: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Wir haben nichts erreicht, was nicht mit demselben Abend wieder zu Staub zerfällt. Das ist die Magie des Theaters.

Sie haben in der kommenden Spielzeit wieder große Namen im Programm: Anja Harteros, Klaus Florian Vogt, Jonas Kaufmann. Wie leicht oder schwer ist es heute, Künstler dieser Kategorie zu bekommen?

Es gibt im Moment kaum einen Platz, der so begehrt ist wie dieses Haus. Das erleichtert nicht die Arbeit, aber es erleichtert erstmal den Zugang. Begabte, gute Leute riechen sich gegenseitig. Es ist ein großer Irrtum, wenn man davon ausgeht, das hängt nur vom Geld ab. Was mich auf die Palme bringt, ist die Bezeichnung "Startheater". Es geht hier doch nicht um Stars, sondern um die besten ihres Faches. Ich möchte den sehen, der nicht Frau Harteros oder Herrn Kaufmann in Verdi hören möchte. Doch das Entscheidende ist doch, dass man Inhalte hat, eine Botschaft. Aber wie sagt man doch so schön: Neid muss man sich erarbeiten, Mitleid bekommt man umsonst.

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