"Teile (Hartes Brot)" im Marstall: Aufgebackene Thesen

Julia Hölscher inszeniert "Teile (Hartes Brot)" nach Paul Claudel im Marstall.
| Mathias Hejny
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Lord (Nicola Mastroberardino) und Lumir (Mareike Beykirch).
Sandra Then Lord (Nicola Mastroberardino) und Lumir (Mareike Beykirch).

München - "Mein Gott heißt Anteil" bekennt Lumir, und sie ist nicht die Einzige, die auf mehr Anteile aus dem Vermögen des Mannes lauert, der sich Lord nennt und Vater ihres Geliebten Louis ist. Louis selbst und Sichel, die Geliebte des Lords, sind ebenfalls interessiert. Dieser religiöse Bezug zum Reichtum ist einer der wenigen Spuren der tiefen Gläubigkeit, für die Paul Claudel auch steht, nachdem Anja Hilling "Das harte Brot", uraufgeführt 1923, zu "Teile (Hartes Brot)" überschrieb. Inzwischen gilt die Dramatikerin als Expertin, wenn es um das Transponieren von Claudel in unsere Gegenwart geht.

Sie zerlegte das Opus magnum "Der seidene Schuh" zum Dreiteiler, und 2017 vergab Andreas Beck, damals noch Intendant des Theaters Basel, den Auftrag für "Die Stunde der Spurlosen". Zur aktuellen Uraufführung im Marstall bleibt das Basler Team aus Hilling und der Regisseurin Julia Hölscher, der jetzigen Hausregisseurin des Residenztheaters, zusammen.

Mittelteil einer generationenübergreifenden Trilogie

Kurz nach der Premiere von "Hamlet" im Haupthaus geht es also weiter mit einer tödlichen Familientragödie, die jedoch im Gegensatz zu Shakespeares Longseller nur selten auf deutschsprachigen Bühnen zu sehen ist.

Claudels Original ist das Mittelteil einer generationenübergreifenden Trilogie und spielt während der 40er-Jahre des 19. Jahrhunderts. Der machthungrige Gouverneur von Algier liegt in ständigem Streit mit seinem nicht minder unangenehmen Sohn, der ihn schließlich erschießt.

Frankreich ist noch Kolonialmacht, die Industrialisierung hat längst Fahrt aufgenommen und mit ihr der Kapitalismus. Antisemitismus gehörte zu einem katholischen Moralisten wie Claudel wie das Amen in der Kirche, und so wird am Ende von "Das harte Brot" eine wertvolle Jesus-Darstellung aus dem Haushalt des Gouverneurs an einen jüdischen Händler verkauft.

Kaltes Neonlicht im zerklüfteten Bühnenbild

Sowohl darauf als auch den großbürgerlichen Plüsch dieser Epoche verzichtete Hilling, aber nicht auf den rohstoffgierigen Kolonialismus der Europäer. In Nordafrika schuften Einheimische unter erbärmlichen Bedingungen in den Phosphatminen. Das bestreitet auch Louis nicht, der die dortigen Geschäfte führt. Was ihn stört, ist, dass die modernen Sklaven nicht mehr an das Land, dem sie dienen, dächten, sondern "nur noch an sich". Er und sein Umfeld sind ähnlich kalt wie das Licht der Neonröhren, die Paul Zoller im ebenso zerklüfteten wie rotierenden Bühnenbild verbaute.

Der Neokolonialismus ist ein Thema, mit dem man sich in diesem Zusammenhang beschäftigen könnte, bleibt in der Inszenierung von Julia Hölscher aber nur ein Hintergrundrauschen für das Sittengemälde einer ethisch verwahrlosten Gesellschaft von Superreichen.

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Trotzdem verzichtet Hölscher auf jeden Exzess - selbst der Mord von Louis (Valentino Dalle Mura) am Vater (Nicola Mastroberardino) hat etwas Keusches. Nicht einmal die lacklederne Kampfkostümierung Lumirs (Mareike Beykirch) und die ägyptisierende Exotik Sichels (Nicola Kirsch) vermitteln so etwas wie Sinnlichkeit, obwohl Sex in diesem Hause ein wichtiges Machtinstrument zu sein scheint.

Aber das muss man sich ein wenig zurecht denken, denn das "harte Brot" bleibt auch nach dem Aufbacken ein trockenes Thesenstück.

Marstall, wieder am 22. Mai, 20 Uhr, Telefon 21851940

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