Spielart-Festival: Start mit großem Hüftschwung

Mittendrin im Chaos unserer Zeit: Am Wochenende begann das Spielart-Festival.
| Michael Stadler
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"L'homme rare" von Nadia Beugré beim Spielart-Festival.
"L'homme rare" von Nadia Beugré beim Spielart-Festival. © Spielart/Ruben Pioline

München - Mehr denn je fühlt man sich bei Ansicht des Spielart-Programms überwältigt, findet kaum einen Halt, kommt heftig ins Schwimmen. Dieses Chaos ist einerseits der Pandemie geschuldet, die der Planungssicherheit eines Festivals natürlich abträglich ist. Was kann bis zum Start überhaupt fertig werden? Wer von den internationalen Künstlerinnen und Künstlern kann/darf denn anreisen? Was kann live gezeigt werden, was ist sowieso schon während der Seuchenzeit als Live-Stream entstanden?

Festival dieses Jahr "hybrid"

Andererseits hat ein Festival, gerade eines, das sich international gibt, schon immer einen unfassbaren Wust an Einladungsmöglichkeiten vor sich. Diese Überforderung, die das kuratierende Team um Festival-Leiterin Sophie Becker gefühlt haben und sich nun aufs Publikum übertragen mag, sollte man wohl in eine Freude an der Vielfalt, ja, in Vorfreude ummünzen. Ach, und Corona: Nun veranstalten die Spielart-Macher eben ein "hybrides" Festival, mit überraschend vielen live gezeigten Performances auf den Bühnen der Stadt und einigen Vorstellungen im Live-Stream vor den heimischen Bildschirmen.

Über 40 Produktionen sind mit dabei

Die Anzahl der Uraufführungen ist dieses Mal beachtlich, weil vieles während der weltweiten Krise nur angeprobt werden konnte. Einige Künstlerinnen und Künstler wurden sogar Wochen vorher nach München eingeladen, um ihr Projekte hier zur Vollendung zu bringen. Was doch auch eine schöne Sache ist: Von den über vierzig Produktionen, die vom 22. Oktober bis zum 6. November zu sehen sind, ist vieles noch sehr frisch. Da sollte man als Zuschauerin und Zuschauer noch mal mehr dazu bereit sein, sich auf andere Sichtweisen einzulassen, gerade, was die Welt und das Theater angeht.

Um die Unübersichtlichkeit, nein, Begeisterung an der Vielfalt perfekt zu machen, finden kleine, eigene Programme inmitten des Festivals statt. Das von Eva Neklyaeva kuratierte Programm NOSE im KÖSK etwa zieht einen jeden Tag von 17 bis 22 Uhr in das Universum der Düfte (Schrenkstr. 8, www.spielart.org Eintritt stets frei). Oder das Online-Langzeitprojekt "Rest of the struggle" von Mallika Taneja öffnet sein erstes Kapitel und bietet auf einem digitalen Telegram-Kanal zahlreiche Möglichkeiten, sich eine kreative Atempause vom alltäglichen (Corona-)Stress zu nehmen (Alles Weitere unter spielart.org, bitte teilweise anmelden).

Projekt zu "Ängsten unserer Zeit" auch Teil des Festivals

Zudem hat Julian Warner ein Programm zum Thema "Global Angst" zusammengestellt, welches sich vom 29. bis 31. Oktober in der Muffathalle, im öffentlichen Raum und im Radio abspielen wird. Eine zweitägige Tagung des "Parlaments der Angst" findet dabei statt. Das Publikum wird Teil dieses illuster besetzten Parlaments sein und über die "Ängste unserer Zeit" mitnachdenken - bis hin zu einer Parade durch die Innenstadt, die zu einem Ritual auf dem ehemaligen Olympiagelände führen wird. Vielleicht kriegen wir da einige Ängste los? (Mehr unter spielart.org und angst.global).

Und am Ende von Spielart findet wie immer das Festival-im-Festival "New Frequencies" statt (von 3. bis 11. November), das dieses Mal auch noch zwei eigene Projekt beherbergt, mit eigenen Mentoren, da Festival-Leiterin Sophie Becker dieses Mal nicht so ausführlich Afrika bereisen konnte. Für "Series X" hat Choreograph Boyzie Cekwana drei afrikanische Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich mit ihren Lebenskontexten auseinanderzusetzen.

Verschiedene Programmpunkte über die ganze Stadt verteilt 

Den Work-in-progress kann man sich auf der Studiobühne der Theaterwissenschaft und im Kulturzentrum Einstein anschauen (Gesamtes Programm unter www.spielart.org frequencies). Zudem kann man an bestimmten Orten vor Installationen verweilen. Jovana Reisingers sechsteilige Talk-Show-Parodie "Men in Trouble" mit feministischem Einschlag und Julia Riedler als Moderatorin lässt sich zum Beispiel als Video-Installation in der Lothringer 13 Halle bingewatchen (27. bis 31.10., 3. bis 6.11., jeweils 11 bis 19 Uhr).

Während einem der Kopf allein beim Durchforsten des Angebots noch schwirrt, sitzt man am Eröffnungswochenende im derzeit noch bespielbaren Carl-Orff-Saal im Gasteig und ist schon wieder leicht desorientiert, weil die Show nicht auf der Bühne, sondern mitten im Publikum startet. Fünf Männer tanzen sich da durch die Reihen, animieren einzelne Zuschauerinnen und Zuschauer zum Mitmachen, erobern die Bühne mit ihren Bewegungen, die gelenkig, kraftvoll, ja, "männlich" wirken.

Ivorische Choreographin bricht mit binären Tanz-Codes

Was die von der Elfenbeinküste stammende Choreographin Nadia Beugré dann mit ihrem Männer-Quartett ausbaldowert hat, ist eine zwischen lauten und stillen Momenten klug dynamisierte Abfolge von Einlagen, in denen es genau darum geht, die binären Tanz-Codes galant über Bord zu schmeißen. Der Einsatz der Hüften gilt ja als weiblich, also probieren die Jungs im Adamskostüm mal aus, wie das aussieht, wenn man genau diese verstärkt kreisen, zucken, vibrieren lässt. Shake your hips!, darum geht es, aber sie haben noch einige Experimente mehr in petto, zum Beispiel umschlingen sie ihre Füße mit weißen Tüchern und hüpfen wie Meerjungmänner durch die Gegend oder robben auf dem Boden.

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Natürlich darf man sich dabei auch ertappen, wie man auf nackte, durchtrainierte Männerkörper blickt und das genießt, egal nun, wo man sich selbst im sexuellen Spektrum positionieren würde. Das ist erhellend, sehr spaßig, sehr albern auch. Wenn Nadia Beugré selbst am Ende oben ohne sich langsam, aber sicher an einem Geländer vom Zuschauerraum gen Bühne zubewegt, zaghaft, den Rücken zum Publikum, dabei in eine Mundharmonika bläst und auf der Bühne dann ihre mächtigen Brüste auf ihre Schenkel klatschen lässt, ist das genauso heiter wie besinnlich.

Ist das etwa die Mutter aller Mütter? Die Chefin von det Janze? Oder einfach ein Mensch? "L'homme rare" heißt diese Show, sie ist, soviel Orientierung muss sein, verdammt gut und kann heute noch mal angeschaut werden.

"L'homme rare": Heute, 19 Uhr, im Carl-Orff-Saal im Gasteig (Eintritt 14/ermäßigt 7 Euro), Karten unter Telefon 54 81 81 81 (von 10 bis 17 Uhr), das ganze Programm findet sich unter spielart.org

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