Nora Abdel-Maksounds: "Sie nannten ihn Tico“

Kurz vor Beginn des Festivals „Radikal jung“ zeigt das Volkstheater Nora Abdel-Maksouds Sie nannten ihn Tico“. Sie ist eine multipl
| Mathias Hejny
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Mehmet Sözer, Max Wagner, Moritz Kienemann und Eva Bay in „Sie nannten ihn Tico“.
Delang/VT Mehmet Sözer, Max Wagner, Moritz Kienemann und Eva Bay in „Sie nannten ihn Tico“.

Kurz vor Beginn des Festivals „Radikal jung“ zeigt das Volkstheater Nora Abdel-Maksouds "Sie nannten ihn Tico“.

Sie ist eine multiple Theaterpersönlichkeit: Schauspielerin, Regisseurin und Dramatikerin. Dem Münchner Publikum fiel sie im vergangenen Jahr während des Festivals "Radikal jung“ am Volkstheater auf. Sie zündele mit dem selbst verfassten und inszenierten Schauspiel "Kings“ an der "Lunte des zeitgenössischen Kulturbetriebs und ist dabei auch noch witzig“ hieß es angenehm erstaunt in der AZ-Kritik.

In diesem Frühjahr ist Nora Abdel-Maksoud wieder an der Brienner Straße – aber nicht mit einem Festspielbeitrag des Ballhauses Naunynstraße in Berlin, sondern mit einer Uraufführung für das Volkstheater. Vor der Premiere von "Sie nannten ihn Tico“ am heutigen Abend traf sich die AZ mit ihr. Die zweite maßgebliche Nora der Produktion, die Berliner Dramaturgin Nora Haakh, war auch dabei.

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AZ: Frau Abdel-Maksoud, Sie sind gebürtige Münchnerin. Was trieb Sie fort?

 

Nora Abdel-Maksoud: Sturm und Drang. Ich hatte mich an verschiedenen Universitäten beworben und wurde in Berlin angenommen. Ich habe aber erstmal Kommunikationswissenschaft studiert und nach drei Vorlesungen gemerkt: Das ist es nicht. Dann bin ich auf die Schauspielschule gegangen.

 

München und Berlin sind zwei sehr unterschiedliche Städte. Wie erleben Sie das als Reisende zwischen den Welten?

 

Abdel-Maksoud: Auf beiden Seiten positiv. Ich bin nach 13 Jahren weg aus Berlin, weil es mir zu viel Fahrerei und zu laut war. Ich habe alle Bars, Clubs und Super-Cafés gesehen. Trotzdem arbeite ich noch dort und sehr gerne. Berlin war das Beste, was mir passieren konnte, denn die Stadt setzte viel Kreativität frei dadurch, dass man nicht viel Geld brauchte. Hätte ich die Zeit nach dem Abitur in München verbracht, hätte ich mir gleich einen viel besser bezahlten Job suchen müssen. Die Miete für meine erste Wohnung in Berlin war 250 Euro.

Nora Haakh: Ich bin zum ersten Mal hier in München und mir fällt etwas auf: Wir proben hier ein Stück über Lefty und Pancho, zwei liebenswerte Figuren vom Rande der Gesellschaft. In München sieht man die nicht. Aber wenn ich in Berlin schon vom Flughafen nach Hause fahre, begegne ich ihnen immer wieder und muss ihnen in die Gesichter sehen. Das kostet viel Kraft. Andererseits genieße ich es auch, dass es mir in Berlin nicht gelingt, die Unterschiedlichkeit in der Gesellschaft auszublenden. Ich glaube, das ist in München leichter.

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Ihr neues Stück ist eine Art Roadmovie mit einer Fülle von Schauplätzen und in einer Sprache, die man als sehr gesprochen bezeichnen kann. Entsteht so etwas ausschließlich am Schreibtisch?

 

Abdel-Maksoud: Das entsteht am Schreibtisch und ausschließlich in meinem Kopf.

 

Haben die Schauspieler während der Proben Einfluss auf die Texte?

 

Abdel-Maksoud: Wir bleiben in der Inszenierung werktreu. Das Stück ist eine schwarze Utopie über ein künftiges Deutschland in der Epoche des „Großen Fastens“.

 

Wann wird das sein?

 

Abdel-Maksoud: Es könnte schon heute sein. Das Stück spitzt natürlich zu und verdichtet, ist aber eine Diskursanalyse von dem, was gerade passiert. Ich könnte gar nicht genau sagen: Das passiert im Jahr 2020.

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Tico, der im Titel erwähnt ist, erscheint wie Godot, denn er erscheint gar nicht. Wer ist Tico?

 

Abdel-Maksoud: Tico tritt nicht auf und es ist fraglich, ob es ihn überhaupt gibt. Ich glaube, Tico ist nur ein großer Wunsch unserer Hauptfigur, ein Wunsch nach einer großen Barmherzigkeit, spanischer Sonne und was ihm auf dem Weg sonst noch so einfällt. Haakh: Es ist der Wunsch nach Wärme, Solidarität, nach einer Gesellschaft, die sich um ihre Verlierer kümmert. Ein Wunsch, der mit der Kälte wächst. Frau Abdel-Maksoud, Sie sind ja auch Schauspielerin. Könnten Sie sich vorstellen, in ihren Stücken unter fremder Regie mitzuspielen? Abdel-Maksoud: Ich glaube, das könnte ich nie. Ich habe es ja geschrieben und würde mir immer denken: Nein, der Satz geht inhaltlich-dramaturgisch aber anders. Aber die Figuren, die ich schreibe, finde ich schon super.


Volkstheater, Premiere heute, auch am 21. 4., 7., 15., 31. 5. 19.30 Uhr.

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