Nicolas Steemann über "Wut" von Elfriede Jelinek

Uraufführung in den Kammerspielen: Nicolas Stemann über Elfriede Jelineks „Wut“
| Michael Stadler
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Franz Rogowski, Annette Paulmann, Julia Riedler, Jelena Kuljic, Zeynep Bozbay, Thomas Hauser und Daniel Lommatzsch in „Wut“ (v.l.).
Thomas Aurin Franz Rogowski, Annette Paulmann, Julia Riedler, Jelena Kuljic, Zeynep Bozbay, Thomas Hauser und Daniel Lommatzsch in „Wut“ (v.l.).

Uraufführung in den Kammerspielen: Nicolas Stemann über Elfriede Jelineks „Wut“

Eigentlich hatte es Nicolas Stemann bereits bei seiner Inszenierung vom „Kaufmann von Venedig“ mit Wut zu tun. Den Hass gegen den Juden Shylock inszenierte Stemann zur Spielzeiteröffnung für den neuen Intendanten Matthias Lilienthal als Konfrontation der Schauspieler mit dem Text. Die Kritiker hat das erregt. Aber Kritiken sind für ihn wenig relevant. Vielmehr freut er sich darüber, dass die Folgevorstellungen weiterhin gut besucht sind. Und bringt jetzt einen Text von Elfriede Jelinek auf die Bühne: Ausgehend von den Attentaten auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ beschäftigt Jelinek sich auf gewohnt assoziative Weise mit der „Wut“.

AZ: Herr Stemann, Sie inszenieren zum neunten Mal Elfriede Jelinek. Wenn man das Stück liest, fühlt man sich, wie so oft, ein wenig verloren.

NICOLAS STEMANN: Ich kann das ehrlich gesagt auch nicht gut alleine lesen. Ich habe zwar Erfahrung mit den Texten Jelineks, aber merke immer wieder, dass ich auf einen Verstehmodus schalte, der letztlich Vieles nicht erfasst. Deswegen muss ich das inszenieren: Wenn ich in den Proben mit den Schauspielern den Text lese und mit ihnen dazu körperliche Aktionen ausprobiere, kommen wir einem Verständnis näher. Es geht bei Jelinek sowieso eher darum, eine sinnliche Umsetzung zu finden. Dafür sind diese Texte geschrieben. Sie sind nun mal ausdrücklich keine Prosa, sondern dramatische Literatur und wollen performt werden.

Der Kern des Stücks ist die titelgebende Wut.

Jelinek hat diesen Text einige Wochen nach den Attentaten in Paris auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen Supermarkt für koschere Lebensmittel geschrieben. Sie beschreibt diese Attentate immer wieder, aus verschiedenen Blickrichtungen und spannt den Bogen zu anderen Vorkommnissen. Zum Beispiel zu den Internet-Videos von einem Attentäter: In der Nacht zuvor gab er eine Erklärung ab und filmte das Attentat im Supermarkt. Er wollte es ins Netz hochladen, was aber nicht klappte, weil es keine Internetverbindung gab. Solche Details baut Jelinek ein. Wer gerade spricht, ist dabei nicht immer leicht zu bestimmen.

Haben Sie herausgefunden, um wessen Wut es geht?

Der Text beginnt damit, dass sie die Attentäter sprechen lässt, mischt sich aber immer wieder selbst ein. Sie fragt sich, was da für eine Zeit angebrochen ist, diese Zeit der Wut und des Hasses. Ich halte das für weitsichtig: Man könnte nach so einem Attentat schnell islamophob werden, aber sie thematisiert ihre eigenen negativen Affekte, ihre eigene Wut. In den Text mischen sich dann diverse Wutreden, von einer Frau etwa, die von ihrem Mann betrogen wird, oder Herakles, der, verblendet von Hera, zum Rasenden wird, dann aber nicht die umbringt, die sein Leben zur Hölle machen, sondern seine Familie. Der Wutbürger spielt hinein, es geht um die AfD, Pegida, Ruanda, das Massaker der Hutu an den Tutsi. So lässt Jelinek ein Panoptikum der Wut entstehen.

Was sagt Elfriede Jelinek denn über die Wut aus?

Es geht darum, wie zerstörerisch die Wut ist, wie sie einen selbst auch zerstören kann. Die Frage, die uns bei den Proben umgetrieben hat, ist die Frage nach dem Ursprung der Wut. Woher kommt die eigentlich? Man kann islamistische Terroristen und Neonazis schnell verurteilen, zu Recht, aber wenn man diese Wut zu verstehen versucht, landet man bei der eigenen Angst, bei einer großen Verunsicherung. Klaus Theweleit ist eine Referenz im Stück, seine Theorie des „fragmentierten Körpers“, der sich über Gewalt nach außen zu konsolidieren versucht.

Woher rührt die Verunsicherung?

Ich denke, durch die Globalisierung und die neoliberale Politik sind die Verhältnisse unsicherer geworden. Es gibt zudem eine Überforderung durch die modernen Kommunikationsmedien. Jelinek schreibt in ihrem Stück Shitstorms ab, was in mir den Ehrgeiz geweckt hat, mal einen Shitstorm auf der Bühne zu inszenieren, ganz wörtlich, Scheiße und Sturm. Ich weiß nicht, ob diese Szene drin bleibt, aber es sind eben gerade diese Debatten im Internet, die dazu führen, dass die Menschen sich in ihrer ständigen Selbstbespiegelung in radikale Effekte hineinschrauben und sich wünschen, einen Gegner zu vernichten anstatt eine Debatte zu führen. Die Attentäter finden auch im Netz eine Identität.

Jelinek zeigt, dass wir alle durch die Wut vereint sind! Ist das eine Botschaft?

Nein, Jelinek will nicht irgendeine Message senden. Ich glaube, es geht hier um so etwas wie Katharsis. Dass man mit Kunst dazu beitragen kann, den Wahnsinn der Welt ein bisschen zu entschärfen und etwas Vernunft einkehren zu lassen. Dieses Vorhaben ist höchstwahrscheinlich zum Scheitern verurteilt. Aber man muss es versuchen. Deshalb streben wir ein kathartisches Ritual im Rahmen dieses Abends an.

Womit Sie zum Ursprung des Theaters zurückkehren?

Ja, das hat schon etwas Dionysisches, Unmittelbares, Energetisches, was sich jenseits von Handlung bewegt.

Jelinek gilt als eine Autorin, die sich selbst und ihr Werk nicht erklären will.

Wir haben uns ein paar Mal getroffen. Aber sobald ich zu inszenieren anfange, habe ich kein Bedürfnis mehr, mit ihr zu reden. Sie will das selbst nicht. In unseren Gesprächen erzählte sie von Regisseuren, die genau das machen: nachfragen, was einzelne Sätze bedeuten. Sie aber sagt, dass sie selbst nicht weiß, wie sie etwas gemeint hat. Was im Text steckt, will sie durch die Umsetzung auf der Bühne erfahren.

Ist Wut für Sie eine Antriebsfeder, Theater zu machen?

Ich bin zwar auf vieles wütend, und sicher ist Wut auch ein Motor. Aber die Wut, von der das Stück erzählt, ist ausschließlich destruktiv. Wut, in die richtige Richtung gewendet, kann auch eine Kraft sein. Ich glaube, dass theatralische Energie helfen kann, Wut in etwas Produktives zu verwandeln. Mein Antrieb beim Arbeiten ist aber nicht primär Wut, eher, eine Sinnlichkeit zu schaffen, etwas, was mit beidem zu tun hat, mit Körper und Denken. Mein Theater hat viel mit Musik zu tun: Für mich ist letztlich alles Musik, auch ein gesprochener Text. Man nimmt das intuitiv wahr, aber es funktioniert nicht, ohne dass man auch seinen Kopf einschaltet.   

Kammer 1, wieder am 17., 19. und 24. 4. und im Mai, Telefon 233 966 00

 

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