Interview

Münchner Theaterinstitution kämpft um ihre Existenz

Sven Schöcker, Theaterleiter in der Glyptothek, erklärt im Interview, wieso seine Theaterspiele von der Eventisierung des Königsplatzes bedroht sind.
Peter Gratz |
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Das „Dionysos“-Ensemble: Christine Garbe (Dionysos), Rainer Haustein (hinten), Julia Gröbl, Cellistin Katerina Giannitsioti und Martin Schülke.  Foto: Astrid Ackermann
4 Das „Dionysos“-Ensemble: Christine Garbe (Dionysos), Rainer Haustein (hinten), Julia Gröbl, Cellistin Katerina Giannitsioti und Martin Schülke. Foto: Astrid Ackermann
Theaterleiter Sven Schöcker vor der Glyptothek.
Peter Gratz 4 Theaterleiter Sven Schöcker vor der Glyptothek.
Theaterleiter Sven Schöcker.  Foto: Astrid Ackermann
4 Theaterleiter Sven Schöcker. Foto: Astrid Ackermann
"Dionysos" auf der neuen, experimentellen Bühne
Astrid Ackermann 4 "Dionysos" auf der neuen, experimentellen Bühne

Der Königsplatz: Ein weitläufiger, etwas karger Platz voller klassizistischer Bauten, über den die Autos fahren und die Radler über die breiten Schotterwege rasen. Im Sommer ist es oft sengend heiß, kein Baum in Sicht der Schatten spendet. Hat man den Platz aber überquert, tritt in die Glyptothek ein und geht in den Innenhof, gelangt man in eine kühle ruhige Oase inmitten der Stadt, die auch das Zuhause einer Theaterinstitution ist. Doch in den letzten Jahren ist es etwas ungemütlich geworden. Wir haben mit Theaterleiter Sven Schöcker über die Probleme gesprochen:

AZ: Herr Schöcker, der August ist Ihr starker Monat. Zur gleichen Zeit wird der Königsplatz sehr intensiv genutzt durch Kino und Konzerte. Wie verträgt sich das?
SVEN SCHÖCKER: Es verträgt sich gar nicht. Mit dem Kino gibt es eine Absprache, das klappt noch ganz gut. Und das Festival „Oben Ohne“ gibt es schon seit den 80ern, da war es immer schon so, dass wir nicht zeitgleich gespielt haben. Die Anzahl der Konzerte ist von sechs auf acht erhöht worden und alles ist dann hermetisch abgeriegelt und man kommt nicht mehr hin. Ich wollte am Samstag für Sonntag Brot bringen, aber es war alles gesperrt. Alle zwei Jahre kommt dann noch die IAA und bespielt den Platz für eine Woche. Besonders die Auf- und Abbauarbeiten sind ein großes Problem für uns. Da ist dann auch ohne Konzert ständig Lärm. Wenn die bei der IAA abbauen und da fährt permanent ein Gabelstapler rückwärts und piepst, dann macht das bei uns im Hof die Stimmung kaputt.

Sie wehren sich gegen den Königsplatz als Eventort?
Das ufert einfach aus! Der Königsplatz ist ein öffentlicher Platz. Er wurde als Geschenk von Ludwig I. an die Bürgerinnen und Bürger des Freistaats zur Kontemplation und Muße gegeben. Er hat außerdem eine bewegte Geschichte, die Nationalsozialisten haben ihn vereinnahmt und es wurden dort Bücher verbrannt. Ich finde es schwierig, den Platz so als Konzertfläche zu verramschen. Die Musik in dieser Lautstärke schadet zudem den Exponaten hier. Ich finde es falsch, dass man Großkonzerte zugunsten von gewachsenen Kulturinstituten favorisiert. Vermutlich weiß der Stadtrat gar nicht, dass es die Theaterspiele hier seit 36 Jahren gibt. Umso trauriger ist das.

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Die Planung der Veranstaltungen draußen läuft also komplett losgelöst von den Planungen hier im Haus?
Genau, es gibt sogar jetzt den Fall, dass - obwohl es hier staatlicher Grund ist - wir beim KVR eine Genehmigung einholen müssen. Gleichzeitig wurde jetzt vom KVR in unserer letzten Aufführungswoche ein Protestcamp mit Musik und Megafonen auf dem Königsplatz genehmigt. Das haben wir von der Museumsleitung erfahren, wir wurden nicht einmal informiert. Die haben uns anscheinend einfach übersehen und jetzt müssen wir gerichtlich dagegen vorgehen. Wir möchten, dass die Demonstration an einen anderen Ort verlegt wird oder ab 20 Uhr nicht mehr laut sein darf. Ich mache den Demonstrierenden natürlich keinen Vorwurf. Da hat offensichtlich das Kreisverwaltungsreferat einen Fehler gemacht. Das ist für uns eine existenzielle Bedrohung. Wenn es mit den Veranstaltungen so weiter geht, dann müssen wir eigentlich zusperren. Damit wäre einer der Kulturinstitutionen, die sich komplett selbst trägt zu oder müsste dann staatlich gerettet werden. Das kann ja nicht das Ziel sein.

Wie wollen Sie sich wehren?
Ich habe die Petition „Lasst unser Sommertheater leben“ gestartet. Wir wollen mit dem Stadtrat ins Gespräch kommen.

Das so eine Initiative nötig ist, scheint traurig. Die Theaterspiele Glyptothek gibt es seit mittlerweile 36 Jahren. Sie haben zusammen mit Alex Novak vor drei Jahren übernommen. Wie kam es dazu?
Ich bin hier seit 2013 aktiv. Zuerst als Schauspieler bei Herrn Petersen, der vor knapp zwei Wochen verstorben ist, meine erste Produktion war „Plutos“. Mich hat dieser Ort, diese Wucht, dieser Museumsinnenhof von Anbeginn gepackt. Durch diese starke Begeisterung habe ich bei Herrn Petersen immer mehr Aufgaben übernommen. Bühne abbauen, Wein, Wasser, Brot besorgt und um solche Dinge gekümmert. Ich verbringe seit dem - bis auf den erzwungenen Ausfallsommer - jeden Sommer hier und so hat sich das dann ergeben, als Herr Petersen altersbedingt die Leitung übergeben wollte. Alex Novak habe ich 1998 in Reutlingen kennengelernt und wir haben immer wieder zusammengearbeitet. Er ist dann 2022 hier dazugestoßen und als die Übergabe anstand, erschien es mir nicht möglich, das Ganze alleine zu machen.

Theaterleiter Sven Schöcker vor der Glyptothek.
Theaterleiter Sven Schöcker vor der Glyptothek. © Peter Gratz

Wie sind die Theaterspiele wirtschaftlich organisiert?
Wir beide sind gleichberechtigte Partner in einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). Der Theaterbetrieb ist nicht subventioniert, wir tragen uns komplett selbst aus den Eintrittsgeldern der Zuschauer.

Wie ist man Anfang der 90er Jahre zum Theaterspielen an diesen schönen, besonderen Ort gekommen?
Es gab in den 80ern schon einmal erste Versuche, hier im Hof Theater zu spielen. Dann hat aber Herr Petersen, der die freie Theaterszene in München stark geprägt und mit aufgebaut hat, den Hof für sich entdeckt. Der Hof ist einer der schönsten Orte Münchens. Theater und die Glyptothek passen einfach gut zusammen. Die Tradition geht natürlich einher mit den Dionysischen Festspielen im alten Griechenland, Theaterfestivals auch mit Wasser, Wein und Brot. Das Ambiente macht die Theaterspiele so beliebt. Man sitzt nicht in Reihen, darf etwas verzehren und hat diesen schönen Innenhof. Man muss aber schauen, dass es nicht ausartet und die Leute - wie es schon passiert ist - mit Kühltaschen zur Vorstellung auftauchen.

In die Glyptothek gehört antikes Theater

Sie spielen hauptsächlich antike Werke. Verbietet es sich fast, hier etwas anderes zu spielen?
Wir bekommen sehr viel Unterstützung vom Museum und der Direktion. Die wollen das etablierte Format, die Tradition beibehalten und fördern das auch. Ich finde es absolut richtig, dass hier klassische Stücke hingehören. Mit der Position der Bühne haben wir immer wieder herumprobiert. Seit drei Jahren haben wir die Bühne an ihrem aktuellen Standort. Das hat den Vorteil, dass wir im Hintergrund der Bühne die bei Dunkelheit angestrahlten griechisch-römischen Köpfe aus der Sammlung als Kulisse haben.

"Dionysos" auf der neuen, experimentellen Bühne
"Dionysos" auf der neuen, experimentellen Bühne © Astrid Ackermann

Machen Sie immer zwei Inszenierungen pro Spielzeit?
Ja, seit 2018 bin ich auch als Regisseur tätig. Alex Novak ist „nur“ Regisseur und deshalb wollen wir beide eine Gelegenheit haben, uns zu zeigen. Die Inspiration kam aber auch von Herrn Petersen, der immer ein Stück neu inszeniert und eine Wiederaufnahme vom letzten Jahr gemacht hat. Ich finde, diese Abwechslung tut allen gut, die Schauspieler wollen auch nicht 40-mal hintereinander das Gleiche spielen. Dann machen wir noch immer eine Wiederaufnahme und ein paar Mal mein Format „Jazz und Erlesenes“. Das ist vor drei Jahren aus einer Not entstanden, weil eine Schauspielerin bei ein paar Terminen nicht konnten. Da lese ich dann Texte - in der Vergangenheit unter anderem Goethe oder Christa Wolf und ein Saxofonist spielt dazwischen Jazzmusik.

Wie kalkulieren Sie?
Dass ich ein Stück mit vier Schauspielern plus Musikerinnen inszeniere, ist schon das höchste der Gefühle. Dadurch, dass wir nicht subventioniert werden, müssen wir natürlich rechnen. Und wenn man eine weitere Produktion macht, verursacht es weitere Kosten. Theaterbegeisterte - „Glyptothekfreaks“ - kommen auch gerne in zwei Stücke und sogar in drei. Dann kriegt man das Geld auch wieder als Eintrittsgeld rein. Die Rechnung ist komplizierter, als man denkt.

Wie viele Karten kann man hier pro Abend verkaufen?
Im Schnitt haben wir 120 bis 140 Besucher. Die Grenze ist so bei 370 Personen, dann wird’s eng. Aber an schönen Tagen kriegt man das schon voll. Im Juli kommen nicht so viele Leute wie im August. Aber wenn es mal spontan richtig kalt ist, dann sitzen hier auch mal nur 30 Leute. Insofern haben wir immer eine Komponente X, die unberechenbar ist in dem Hof. Deshalb brauchen wir diese lange Spielzeit und dieses tägliche Spiel, damit wir einfach aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung heraus 40 plus Vorstellungen gespielt haben können, die gut besucht sind. Dann fängt es an, sich zu rechnen. Alles was drunter ist, nicht.

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Hätten Sie gerne öffentliche Förderung?
Wir sind da zwiegespalten, auch untereinander im Team. Ich finde dadurch, dass wir eben keine Förderung bekommen, haben wir natürlich jedes Jahr ein unternehmerisches Risiko. Aber wir sind frei und niemandem, außer dem Museum natürlich, Rechenschaft schuldig. Das gibt eine gewisse Freiheit. Ich will Subventionen nicht verteufeln, aber ich finde gut, wenn es ohne geht. Wir machen auch alles selbst: Gastronomie, Licht, Inszenierung, Stückfassung, Schauspieler suchen. Komplett ohne Hilfe sind wir aber auch nicht, die Unterstützung des staatlichen Museums könnte man durchaus auch als eine Art Subvention sehen.

Zahlen Sie hier Miete?
Wir zahlen Miete, bei einer staatlichen Einrichtung geht das gar nicht gratis. Und es gibt auch Unkosten wie Aufsicht, Toilettenreinigung und Strom. Wir profitieren aber sehr viel vom Museum. Und wenn man den Raum jetzt offiziell für eine Hochzeit oder Ähnliches mietet, dann wäre das ein anderer Preis als den, den wir zahlen. Das Museum will auch, dass hier Theater stattfindet.

Die Spielzeit dauert immer nur rund zweieinhalb Monate. Welche Herausforderungen bringt es dann mit sich?
Man muss nebenbei schon noch was anderes machen. Ich meine, wenn man sparsam lebt, könnte es vielleicht hinhauen. Man darf aber die uns aufgebürdete Bürokratie nicht unterschätzen - da ist man locker jeden Tag im Jahr beschäftigt. Das Finanzamt versteht das Saisongeschäft nicht so gut. Wir müssen trotzdem alle drei Monate unsere Abrechnungen machen. Das geht nicht in die Köpfe hinein. Da wir keinen Proberaum haben, müssen wir uns für teures Geld Probenräume mieten, die eh schon rar sind. Das kostet dann bis zu 100 Euro am Tag. Deshalb proben wir erstmal viel im Wohnzimmer. Da ich aber mein Konzept immer mit den Schauspielern auf der Probe entwickeln will, ist das nicht gerade optimal.

Heute gibt es im Innenhof „Dionysos“ (20 Uhr, Einlass 19 Uhr). Die Theaterspiele laufen noch bis zum 12. September. Karten unter theaterspieleglyptothek.de

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