"Helden (fast) ohne Subventionen": das Münchner Sommertheater
Wer vom Englischen Garten spricht, meint in den meisten Fällen den bekannten, innenstadtnahen und oft überfüllten Südteil, der am Haus der Kunst startet. Der größere, weitläufigere und ursprünglichere Teil ist aber der oft etwas verwunschen wirkende Nordteil. Dort liegt auf der Höhe des Nordfriedhofs zwischen Schwabinger- und Oberstjägermeisterbach in einem Wäldchen versteckt ein Amphitheater. Während des Jahres verirren sich eher selten Menschen auf die grasbewachsenen Steinstufen. Im Juli wird dieser Geheimtipp aber zur Pilgerstätte für Fans der klassischen Komödie unter freiem Himmel. Dann ist es nämlich seit 1990 - mit einer Unterbrechung 2020 - die Spielstätte und das emotionale Zuhause des Münchner Sommertheaters im Englischen Garten - „Unser grünes Wiesentheater“ wie die Gründerin und langjährige Regisseurin Ulrike Dissmann zu sagen pflegt.

Neue Leitung nach 35 Spielzeiten
Nach 35 Jahren hat sich die eigentlich unermüdliche Theatermacherin vor der Spielzeit 2025 aber doch in den Ruhestand zurückgezogen und die künstlerische Leitung in die Hände von Sebastian Bergau übergeben. Am letzten Wochenende der diesjährigen Saison - es wurde Shakespeares „Was ihr wollt“ gegeben - hat die AZ das Theater besucht und mit dem neuen Leiter gesprochen, dessen Übernahme eher spontan erfolgte:
„Ich war vor längerer Zeit schon mal im Ensemble und bin dem Sommertheater danach verbunden geblieben. Kurz vor Weihnachten 2024 wurde ich dann von einem ehemaligen Ensemblekollegen und guten Freund angerufen. Er erzählte mir, dass Ulrike Dissmann eine Nachfolge suchen würde. Da habe ich sie sofort angerufen. Nach etwas Hin und Her, war Ende Januar klar, dass ich es machen durfte. Ich habe mich sehr gefreut, stand aber auch vor der Herausforderung, innerhalb von nur fünf Monaten eine Inszenierung und ein Ensemble aus dem Boden zu stampfen. Und genau das habe ich dann gemacht.“
Gleiches Gefühl in neuer Interpretation
Mit dem besonderen Erbe seiner Vorgängerin hat er einen guten Umgang gefunden und sieht einige Parallelen: „Wir haben beide das Anliegen, ein möglichst großes und diverses Publikum in diesem wunderschönen Amphitheater im Englischen Garten zu verzaubern. Und das eint uns sehr.“ Kopieren will der 49-Jährige, der abseits der Bühne als Volljurist zwei Firmen leitet, aber nichts: „Ich konnte gar nicht anders als neu anzusetzen und nur das zu machen, was ich gerne machen wollte. Ich wäre Ulrike sicher nicht gerecht geworden, wenn ich einfach nur versucht hätte, sie zu kopieren. Da wäre irgendwas Halbgares dabei rausgekommen.“
Wie die gesamte Leitungsebene der Theatergruppe macht Bergau die Theaterarbeit ehrenamtlich und aus Leidenschaft. Selbst hat er auch keine künstlerische Ausbildung, macht aber seit Jugendtagen Theater, sowohl vor als auch auf der Bühne. Die Schauspieler, Musiker und Techniker werden jedoch bezahlt und haben meist auch eine Ausbildung. „Das hat sich auch über meine Connections ergeben. Ich hatte einen Draht in die Schauspielschule Zerboni. Da ist meine Suche im WhatsApp-Verteiler gelandet und dann haben sich viele gemeldet. Und ich bin auch in der freien Theaterszene vernetzt. Alle, die mitmachen, werden bezahlt. Wir können aber natürlich nicht bezahlen, was am Theater üblich ist.“ Die Vorstellungen des Theaters finden traditionell unter freiem Himmel bei ebenso freiem Eintritt statt. Am Ende geht der Hut herum und das Publikum spendet fleißig. Mittlerweile machen diese Spenden einen wichtigen Teil des Budgets aus, tragen kann sich die Produktion dadurch aber nicht, auch weil das Wetter immer ein großer Faktor ist.
Freiheiten Dank Trägerverein und Stiftung
Seit 1991 gibt es deshalb einen gemeinnützigen Trägerverein und rund zehn Jahre später kam noch die Stiftung Ulrike und Robert Dissmann dazu. Der 2018 verstorbene Dr. Robert Dissmann war Rechtsanwalt und Ehemann der Theatergründerin. „Die beiden haben sehr viel Energie, aber auch Geld in das Sommertheater investiert, haben die Moorvilla ausgebaut und einen Nutzungsvertrag mit der Stadt geschlossen. Die Stiftung finanziert das Theater bis heute und ist der große Sockelfinanzierungsbaustein, der das Ganze hier möglich macht“, sagt Sebastian Bergau. Die künstlerische Leitung hat mit den Vereins- und Stiftungsvorgängen aber nichts zu tun. Die Produktion bekommt vor der Spielzeit ein Budget, das sich nach einer von Bergau erstellten Kalkulation richtet. Angst, dass es keine nächste Spielzeit geben könnte, habe man nicht.
Durch die Stiftung hat man auch fernab von öffentlicher Förderung eine gewisse finanzielle Sicherheit. Mit dem Theater und einigen Lagerräumen in der Mohr-Villa im Stadtteil Freimann hat man außerdem einen eigenen Probenraum und eine Ausweichspielstätte für Regentage. Sowohl künstlerisch als auch finanziell kann eine Vorstellung dort aber nicht mit den Abenden im Amphitheater mithalten.
Schlösser- und Seenverwaltung stellt Spielstätte zur Verfügung
Die einzige Unterstützung seitens des Staates ist die unentgeltliche Bereitstellung der Spielstätte - unter der Bedingung, dass man selbst aber auch keinen Eintritt nehmen darf. Sorgen um einen Verlust der Spielstätte hat Bergau nicht: „Wir haben seit Jahrzehnten einen super Kontakt zur Verwaltung des Englischen Gartens, auch zum neuen Chef Martin Baumgärtner. Das hat natürlich Ulrike Dissmann begründet und ich tue alles, damit es so bleibt. Unsere Nutzung haben wir aber auch vertraglich geregelt. Da sind die Proben- und Aufführungszeiten festgelegt, das läuft wunderbar.“ Gedanken über die neue Spielzeit macht sich die neue Leitung um Sebastian Bergau um den Jahreswechsel, vieles ist aber auch noch in der Findung. Die Strukturen wurden im Hintergrund professionalisiert, die Schauspieler sind nicht mehr Techniker, Musiker, Köche und Darsteller in Personalunion. Auch die im Frühjahr beginnende Probenarbeit verursacht Kosten, ohne dass man eine Chance hätte, Geld einzunehmen.

Obwohl das Sommertheater von den Zuschauerzahlen her - es kommen bis zu 900 Menschen pro Vorstellung - mit den großen Häusern mithalten kann, möchte man sich weiter professionalisieren, speziell im musikalischen Bereich. Deshalb möchte Bergau künftig auch um städtische Förderung kämpfen: „Ich würde gerne noch mehr mit Musik machen. Die ist mit Profis aber teuer. Deshalb würde ich mich freuen, wenn wir noch Sponsoren oder öffentliches Geld akquirieren könnten. Das Sommertheater soll immer seinen heutigen Charme behalten, aber ich würde es gerne noch ein bisschen schöner machen. Die kommunalen Kassen sind zwar leerer als früher, aber ich finde, wir sind schon insofern außergewöhnlich, als wir im Vergleich zu anderen Theatern sehr, sehr viele Leute erreichen. Und da hoffe ich, dass sich vielleicht die Stadt München gewinnen lässt oder auch weitere private Geldgeber.“
Buntgemischtes Publikum in grüner Idylle
Wenn man sich eine Theaterinstitution mit diversem Publikum wünscht, ist man beim Sommertheater goldrichtig. Im Amphitheater kommen alle zusammen, von Mädchengruppen bis zu Rentnerpärchen, vom Steuerberater bis zum Punk - alle kommen, um die klassische Komödie zu genießen. Die Rechte für diese Stücke sind meistens frei und wenn es eine Übersetzung braucht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es eine von Ulrike Dissmann erstellte gibt. So kann man unabhängig von Verlagen agieren und muss sich nicht mit anderen Theatern streiten.
Es ist auch von Vorteil, dass niemand für seinen Lebensunterhalt auf das Sommertheater angewiesen ist. Das Ensemble verändert sich jedes Jahr, ein recht großer Kern bleibt meist aber dabei. Das Gemeinschaftsgefühl, das beim Picknicken vor der Bühne entsteht, ist dem Regisseur auch hinter der Bühne wichtig. Er blickt zufrieden auf die gerade abgelaufene Spielzeit: „Mir ist besonders wichtig, dass hinter der Bühne Harmonie herrscht und alle genau den Spaß an ihren Rollen und Aufgaben haben, den sie sich erhofft haben. Und natürlich wünsche ich mir, dass auch die Zuschauer voll auf ihre Kosten kommen. Ich glaube, das hat dieses Jahr schon ziemlich gut geklappt - und darüber freue ich mich sehr.
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