"Momo" von Wilfried Hiller - die AZ-Kritik

Wilfried Hillers Oper „Momo“ nach dem Roman von Michael Ende im Gärtnerplatztheater
| Robert Braunmüller
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Wilfried Hillers Oper "Momo" im Gärtnerplatztheater.
Christian Pogo Zach 5 Wilfried Hillers Oper "Momo" im Gärtnerplatztheater.
Wilfried Hillers Oper "Momo" im Gärtnerplatztheater.
Christian Pogo Zach 5 Wilfried Hillers Oper "Momo" im Gärtnerplatztheater.
Wilfried Hiller (rechts) und der Textbearbeiter Wolfgang Adenberg.
Christian Pogo Zach 5 Wilfried Hiller (rechts) und der Textbearbeiter Wolfgang Adenberg.
Wilfried Hillers Oper "Momo" im Gärtnerplatztheater.
Christian Pogo Zach 5 Wilfried Hillers Oper "Momo" im Gärtnerplatztheater.
Wilfried Hillers Oper "Momo" im Gärtnerplatztheater.
Christian Pogo Zach 5 Wilfried Hillers Oper "Momo" im Gärtnerplatztheater.

Kinder sind wie ältere Opern-Abonnenten: Sie mögen das Gewohnte und schätzen Veränderungen am liebsten in moderater Dosis. Wilfried Hillers Familienoper „Momo“ bedient sie reell: mit szenisch gedachter, für junge Ohren tauglicher Gegenwartsmusik, einer bekannten Geschichte und einem Bühnenspektakel, bei dem Prospekte und Maschinen des Staatstheaters am Gärtnerplatz nicht geschont werden.

Lesen Sie auch unser Interview mit Wilfried Hiller

Wolfgang Adenbergs Dramatisierung erzählt nach einem geschickt einführenden Prolog ohne Wenn und Aber die Handlung von Michael Endes Kinderbuch-Klassiker aus dem Jahr 1972. Aus dem Geschichtenerzähler Gigi (Maximilian Mayer) wird ein Schlagerstar samt dekonstruierter Musik und hüftwackelnder Elvis-Parodie. Sonst bleibt die Geschichte wie gehabt.

Auch die Inszenierung von Nicole Claudia Weber verzichtet – abgesehen von einem Coffee-to-go-Stand – auf jedes Update der Geschichte zum Zeitfraß durch Handy, Smartphone, Internet & Co. Das braucht die Bühnen-„Momo“ auch nicht, denn die Kritik an der fantasiemordenden Ökonomisierung der Welt versteht auch so jedes Kind.

Tristan für Kinder

Die Aufführung setzt ganz auf den guten alten Theaterzauber. Momo sieht aus, wie man sich die Figur vorstellt, aber sie ähnelt trotz des unvermeidlichen Lockenkopfs nicht der Filmfigur. Dass die sehr präsente Anna Woll nicht singt, trägt zur Textverständlichkeit bei. Hiller hat alles Gesprochene so geschickt in Musik gehüllt, dass kein Kontrast zu den gesungenen Passagen entsteht. Und die an dieser Stelle meist gescholtene Tontechnik des Theaters unterstützt die Darsteller so achtsam, dass die Verstärkung kaum wahrnehmbar wird.

Wer vor der Premiere zufällig Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ gehört hat, dem kommt das einleitende Flötensolo von „Momo“ wegen der in beiden Fällen dezent asiatisch angehauchten Harmonik womöglich aus „Der Abschied“ bekannt vor. Nach der Pause wiederholt das Englischhorn diese ausdrucksstarke Passage in der Proszeniumsloge – sozusagen als dritter „Tristan“-Akt für Kinder, was bei Momos einjährigem Todesschlaf auch passt.
Die Bibigirl-Puppe zitiert die Olympia aus „Hoffmanns Erzählungen“. Gigis Lieder changieren zwischen italienischer Oper und neapolitanischem Schlager. Die Grauen Herren von der Zeit-Spar-Kasse singen entweder Koloratur oder in hoher Tenorlage. Sie werden von trockenem Schlagwerk, fröstelnden Kontrabass-Glissandi und Klavier untermalt.

Scharf charakterisierende Theatermusik

Bei Meister Hora entfernt sich die Geschichte am weitesten von den vertrauten Bildern und Klängen: Die Figur ähnelt eine Sekunde lang der Knusperhexe. Dann verwandelt sich Matteo Corvone in einen asiatischen Derwisch, zu dessen Tanz Klangschalen angeschlagen werden – eine Stilisierung der unzähligen Pendeluhren aus dem Roman.

Da wird es ein wenig zäh. Hiller ist es nicht überzeugend gelungen, Ruhe musikalisch angemessen umzusetzen, weil sich der schwebende Klang der Schalen im Raum des Theaters kaum mitteilt. Der durch Lautsprecher übertragene Chorgesang ist zwar ungewöhnlich verständlich, aber auch blechern und arg unpoetisch. Weshalb derlei mehr zu den Grauen Männern passen würde als zu ihrem Gegenspieler.

Auch schon für Grundschüler

Trotzdem: Hiller hat eine sehr sprechende, scharf charakterisierende Theatermusik geschrieben. Karl Fehringers und Judith Leikaufs Bühne zwingt die Rundung des aus dem Roman bekannten Amphitheaters mit den Uhren Horas zusammen. Der Schauwert des Tresorraums der Grauen Herren ist hoch und stellt mühelos auch von Filmen verwöhnte Kinder zufrieden.

Nur bei der ersten Verfolgungsjagd hätte ein wenig mehr Pantomime gut getan. Da verlässt sich die Inszenierung zu sehr auf die unvermeidliche Video-Projektion. Und der Schluss kommt mit einer Chor-Vokalise und etwas Klangschalenmusik sehr hurtig und unpoetisch-lieblos daher.

Das Gärtnerplatztheater empfiehlt den Besuch für Kinder ab elf. Es schadet nicht, wenn junge Besucher den Stoff von einem Hörbuch oder dem Film kennen. Dann ist der Besuch auch für Kinder im Grundschulalter ein großes Vergnügen. Die Erziehungsberechtigten werden womöglich bei Meister Hora ein Gähnen nicht unterdrücken, sonst aber den Spaß der Kinder teilen, zu dem das versierte Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter dem wie immer maximal engagierten Michael Brandstätter Entscheidendes beiträgt.   

Wieder am 20., 21 und 28. Dezember und im Januar im Gärtnerplatztheater. Karten von 8 bis 65 Euro online oder unter Telefon 21851920

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren