Mateja Koleznik über "Ein Volksfeind" im Residenztheater

Premiere im Residenztheater: „Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen in der Inszenierung von Mateja Koleznik
| Mathias Hejny
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Thomas Schmauser als "Volksfeind" im Residenztheater.
Horn Thomas Schmauser als "Volksfeind" im Residenztheater.

Es ist ihre fünfte Inszenierung in München. Inzwischen fühlt sich das Energiebündel aus Slowenien hier zu Hause. Sie besucht leidenschaftlich gerne die Kammerspiele und beschreibt sich als „Shopaholic“. Mit dieser Neigung ist sie in München natürlich gut aufgehoben. Das Gefühl, hier zu Hause zu sein, hat Mateja Koleznik aber auch bei ihrer Arbeit im Residenztheater. Wenn die Regisseurin über die Zusammenarbeit spricht, wird sie fast ein wenig emotional, und beschreibt die gesamte Truppe am Max-Joseph-Platz als „offenherzig, freundlich“ und geradezu „edel“.

Räume, aus denen es kein Entrinnen gibt, Menschen in der Vitrine

Möglicherweise ist es auf längere Zeit ihr letztes Engagement am Residenztheater, da Intendant Martin Kusej ab der kommenden Spielzeit an das Wiener Burgtheater wechseln wird. Deshalb nutzt sie im AZ-Gespräch die Gelegenheit, sich bei dem Team „ausdrücklich zu bedanken“. Gerade ihre Inszenierung von „Ein Volksfeind“, die ab Samstag auf dem Spielplan steht, verlange viel von allen Mitwirkenden. Das hat nicht zuletzt mit dem Raum zu tun, der zur speziellen Handschrift Mateja Kolezniks gehört.

Lesen Sie auch unsere Besprechung der Premiere

Zusammen mit ihrem Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt erschafft sie Räume des Übergangs: Ein Treppenhaus im „Tartuffe“ (2017), ein langer Flur in „König Ödipus“ (2016) oder für „Nora“ (2015) ein leeres Zimmer mit zwei Türen. Diese Raumgestaltung gehört zum Geheimnis der hochpräsenten Schauspielerei in den Koleznikschen Arbeiten. An diesen Orten gibt es für die Figuren nur wenig Gelegenheit, zu entrinnen, und die Schauspieler „haben keine großen Wege oder müssen sich unnatürlich bewegen“. Für den „Volksfeind“ von Henrik Ibsen bauten Kolenik und Voigt etwas, was die Regisseurin als „Vitrine“ beschreibt.

Alle neun Schauspieler, die beiden Kinder und die Darsteller der „kompakten Majorität“, wie der Autor die Bevölkerung der kleinen Badestadt nennt, halten sich, wenn sie nicht gerade Auftritte haben, im Inneren dieses Kubus auf, der zudem rotiert. Dabei stehe ihr das beste Resi-Team der letzten sieben Jahren zur Verfügung. „Sie werden sehen“, freut sie sich, „das wird ein Wahnsinnsding!“

Kein Öko-Drama

Henrik Ibsen beschreibt einen Skandal in einem Städtchen an der norwegischen Küste. Seinen Wohlstand verdankt der Ort insbesondere den Kurgästen, die ihn wegen der heilenden Quellen besuchen. Der Kurarzt Dr. Stockmann entdeckt jedoch, dass die Wasserleitungen durch Industrieabwässer verseucht sind. Sein Versuch, das nicht zu vertuschen, lässt die Stimmung in der Stadt gegen ihn umschlagen. Die Vorstellung, es handele sich bei dem 1883 in Oslo uraufgeführten Schauspiel um ein frühes Öko-Drama, weist Koleznik allerdings zurück.

Lauter nette Liberale

„Es ist ein politisches Stück“, erklärt sie. Ihre Modernität bezögen Ibsens Stücke zum einen aus der komplexen Psychologie. Er füge den Personen „Risse und Sprünge zu, aus denen sich eine fast psychiatrische Diagnose stellen lässt.“ Zum anderen schreibt er im „Volksfeind“ zwar über eine ökologische Katastrophe, aber vor allem darüber, wie daraus „ein journalistischer und politischer Dreh“ wird. Viele in dieser städtischen Gemeinschaft „sind ausgesprochen nette Leue, gut erzogen und vertreten eine fortschrittliche Liberalität. Aber in dem Moment, in dem sie erkennen, dass ihr Vermögen bedroht ist, ändern sie ihre Haltung“.

Stockmann reagiert tief enttäuscht: „Würde man seine Äußerungen aus dem Zusammenhang reißen, dann hören sie sich an wie die eines faschistischen Anführers“, zieht sie die historische Linie zum aktuellen Rechtsruck nicht nur in Deutschland. Schon vor 135 Jahren beschrieb Henrik Ibsen das Ende der Demokraie, „auch des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft.“

Mateja Kolezniks Fazit ist knapp und entschlossen desillusioniert: „Es geht nicht um Werte oder um Wissen. Es geht um Profit“.

Residenztheater, Premiere: 24. Februar, 19.30 Uhr, nächste Vorstellungen 27. Februar, 19.30 Uhr, sowie 2. und 3. März, 20 Uhr, Telefon 21 85 19 40

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